Wiedersehen nach 74 Jahren

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Schwiegersohn August und Tochter Veronika Hollmann (von links) begleiteten Max Riehl bei seiner Reise zum Bauernhof von Christa und Paul Obermeier nach Höhenberg bei Stein an der Traun. (Foto: Müller)

Traunreut – Ein Wiedersehen der besonderen Art feierte der 92-jährige Koblenzer Max Riehl auf dem Bauernhof der Familie Obermeier in Höhenberg bei Stein. Für drei Tage kehrte er an den Ort zurück, an dem er von 1942 bis 1944 als Jugendlicher und dann 1945/46 kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als junger Mann bei Benno und Walburga Obermeier – den Großeltern des heutigen Seniorbauers Paul Obermeier – unvergessliche Zeiten erlebt hatte. Tochter Veronika und Schwiegersohn August Hollmann begleiteten Max Riehl bei seiner Reise zur Familie Obermeier.


Max Riehl wurde 1928 in Bessarabien in der heutigen Ukraine geboren. Nach seiner Schulzeit reiste er als 14-jähriger Bub erstmals im Rahmen eines Landjugendaustauschs von Westpreußen aus nach Oberbayern, um die deutsche Sprache und Rechtschreibung besser zu lernen.

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Doch schon am Bahnsteig in München kamen ihm erste Zweifel, ob er damit wirklich die richtige Wahl getroffen hatte. Die Anweisungen des Bahnbeamten im bayerischen Dialekt konnte er kaum verstehen. Er und sein Freund Georg fragten sich, ob sie irrtümlich in den falschen Zug gestiegen und nun im fernen Ausland gestrandet waren? Riehl gab aber nicht so schnell auf und erreichte doch noch den angepeilten Bauernhof in Höhenberg, den er sich in seinen Träumen eigentlich mitten in den Bergen vorgestellt hatte.

Das malerische Voralpenland war aber natürlich auch keine schlechte neue Wahlheimat. Riehl begann dort eine zweijährige Lehre auf dem Hof, gewöhnte sich schnell ein und schloss neue Freundschaften. Um aber endgültig von der ortsansässigen Jugend als »echter Bayer« akzeptiert zu werden, musste er erst noch einen komplizierten bayerischen Spruch – natürlich mit »Oachkatzlschwoaf« – zehn Mal hintereinander fehlerfrei sprechen. An Mut und Fleiß mangelte es dem späteren Maurer, Geflügelhofbetreiber, Gemeinderat, Schöffen und Vereinsvorsitzenden schon damals nicht und so bestand er die »Aufnahmeprüfung« mit Bravour.

Keine Arbeit sei ihm damals auf dem Hof und den nahen Wiesen und Feldern zu hart gewesen. »Nur im Hühnerstall habe ich mich gar nicht gerne aufgehalten«, verriet Riehl beim Wiedersehen mit der Familie Obermeier und musste dabei selbst ein wenig schmunzeln, denn Ende der 1950er Jahre gründete er in Koblenz-Güls einen kleinen Hühnerhof, der immer größer wurde und irgendwann bis zu 27 000 Hühner beherbergte. Den Betrieb führen nun Tochter und Schwiegersohn. Besonders dankbar ist er seinen längst verstorbenen damaligen Gastgebern Benno und Walburga Obermeier, dass sie ihn nach der Kriegsgefangenschaft im August 1945 ein zweites Mal bei sich aufgenommen hatten. »Ich stand mit zerfetzten Klamotten vor der Tür, war ganz verdreckt und bat im Stall auf Stroh schlafen zu dürfen, weil ich Angst hatte, Läuse zu haben«, erinnerte sich Riehl. Wenige Wochen vor Kriegsende war er zur Wehrmacht eingezogen worden und kam am 25. April an die Ostfront bei Stettin. Beim Rückzug musste er mit ansehen, wie ein älterer Kamerad durch feindlichen Beschuss tödlich getroffen wurde.

Traumatisiert und entkräftet kam er nach einer wahren Odyssee nach Höhenberg, wo er sich einst so richtig wohl und geborgen gefühlt hatte. Trotzdem zog es ihn 1946 ins niedersächsische Haßbergen, wo sein Vater und seine Geschwister lebten. Höhenberg ließ ihn aber niemals los und auch die Verbindung zu Familie Obermeier riss nie ab.

Seine fünf Kinder, zwölf Enkelkinder und neun Urenkel halten Max Riehl auf Trab. So verwundert es nicht, dass er auch die Namen jener Leute, die er vor rund 75 Jahren in Höhenberg und Umgebung kennenlernen durfte, noch immer fast alle im Kopf präsent hat. Da aber nur noch Sepp, der Bruder des Vaters von Paul Obermeier, lebt, besuchte Riehl mit seiner Familie und den Obermeiers während seines Aufenthalts auch einige Gräber.

Die Zeit des dreitägigen Zusammenseins verging viel zu schnell, doch von den vielen geselligen Stunden werden alle bestimmt noch lange zehren können. mmü


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