Sport braucht höheren Stellenwert in der Gesellschaft

Sport braucht höheren Stellenwert in der Gesellschaft
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Bei der Podiumsdiskussion dabei waren (von links) Monika Morrisson, Walter Pichler, Thomas Hoffmann, Tobias Angerer, Moderator Axel Effner, Dr. Bernd Geffken, Katja Karl und Franz Brecht. (Foto: P. Mix)

Traunreut – »Sport ist die schönste Nebenbeschäftigung der Welt«, sagt Thomas Hoffmann, Vorsitzender der Bayerischen Sportjugend (BSJ), Kreis Traunstein. Beim Vereine-Treffen der Sportvereine aus dem Landkreis im k1 ging es in einer Podiumsdiskussion darum, wie dem Sport ein höherer Stellenwert in der Gesellschaft gegeben werden könnte und wie man Kinder und Jugendliche nach den langen Monaten des Stillstands wieder »in Bewegung« brin


Vereinsvertreter, frühere Leistungssportler und ein Arzt diskutierten unter der Moderation von Axel Effner verschiedene Gesichtspunkte und kamen zum Schluss, dass viel Arbeit notwendig ist, um die Mitglieder wieder zum Sport und in die Vereine zu bringen.

Wie das gehen kann, zeigte Katja Karl, Jugendbeauftragte der Gemeinde Pittenhart und Jugendleiterin der SpVgg Pittenhart, anhand der Aktion »ein Dorf bewegt sich«. Im Sommer war der ganze Ort aufgerufen, an zwei Tagen bei freier Zeit- und Streckeneinteilung fünf, zehn oder 15 Kilometer zu gehen, walken oder laufen. Gegen ein Beweisfoto erhielt man einen Gutschein für eines der Pittenharter Geschäfte oder Lokale. »Der Sport hat eine tragende Rolle in der Gemeinde und der Sportplatz ist Begegnungsstätte Nummer eins«, so Karl

Für Hoffmann gehört es gerade jetzt zur Aufgabe der Sportvereine, die Leute wieder in Bewegung zu bringen. Dass es allerdings schwierig ist, Jugendliche zu motivieren, berichtete Monika Morrisson, Jugendleiterin des TSV Heiligkreuz. Ihre Kinder seien »gefühlt tagelang nur im Schlafanzug« gewesen, sie wollten gar nicht raus. Und auch jetzt, wo es wieder möglich ist, seien manche Jugendliche nur schwer zu motivieren. Das sonst immer so gut angenommene Ferienlager konnte zwei Jahre nicht stattfinden und müsse jetzt von Neuem beginnen. Dr. Bernd Geffken, Leiter der Kinderchirurgie und –traumatologie am Klinikum Traunstein, erläuterte die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche. Deren physische Gesundheit sei zwar kaum betroffen, die psychische dafür umso mehr. Essstörungen, Gewichtszunahme und Depressionen seien nur einige Folgen. Zudem habe es im Frühjahr auffallend viele schwere Knochenbrüche gegeben – eine Folge des monatelangen Bewegungsmangels. Für die Entwicklung von Kindern im Alter von sieben oder acht Jahren sei ein Jahr gleichbedeutend mit zehn Jahren bei einem 70-Jährigen. In der Pandemie sei ihnen aber mehr als ein Jahr Entwicklung »gestohlen« worden.

Deutlich auf die Mitgliederzahl der Sportvereine ausgewirkt hat sich Corona, so Hoffmann: »Im Landkreis Traunstein gab es im Zeitraum vom 31. Dezember 2019 bis 12. August 2021 einen Rückgang im Jugendbereich bis einschließlich 26 Jahren von 16 Prozent«. Besonders schwerwiegend sei es bei den Kindern von ein bis fünf Jahre – Buben minus von 25 Prozent, Mädchen minus 30 Prozent. Analog dazu war der Rückgang in der Altersklasse 41 bis 60 Jahre.

Der TSV Siegsdorf verlor laut Vorsitzendem Franz Brecht rund 170 Mitglieder. Jetzt kämen nach und nach wieder Anträge zur Neuaufnahme. Manche Eltern müssten jeden Euro umdrehen, andere hätten nicht den Bezug zum Verein.

Gut durch die Coronakrise gekommen ist Walter Pichler aus Ruhpolding, ehemaliger Leistungssportler und Olympiateilnehmer. Er arbeitet als Trainer am Skigymnasium in Saalfelden in Österreich. Hier sei der Betrieb während der ganzen Zeit weitergelaufen, mit strikten Richtlinien gab es Trainings und Wettkämpfe.

Eigentlich müssten die Eltern »gecoacht« werden. Er sehe immer wieder sportliche Talente, die sich nicht entfalten können, da die Eltern unbewusst zu viel Druck aufbauen oder sie nicht richtig fördern.

Tobias Angerer, früher Leistungssportler und jetzt Nachwuchstrainer, war froh, dass Langlauf auch im Corona-Winter gut ausgeübt werden konnte – alleine im Freien. Es sei aber die Politik gefragt: »Sport und Bewegung kommen bei uns zu kurz. Der Sport hat nicht den Stellenwert, den er braucht.« Und ohne Breitensport gebe es auch keinen Leistungssport.

Dr. Bernd Geffken forderte an allen Schulen dreimal pro Woche zwei Stunden Schulsport. »Das wäre wichtiger als manch andere Fächer, für das Immunsystem und für den Geist.« Dazu Angerer: »Wir können uns alles kaufen, nur nicht Gesundheit. Die bekommen wir über den Sport.« Er sei außerdem eine sehr gute Schule fürs Leben. Man bekomme Motivation, Zielstrebigkeit, lerne auch mal zu verlieren, Teamfähigkeit, sich organisieren und manches mehr. Die Vereine forderte er auf, in die Schulen zu gehen und Sportaktionen anzubieten, um junge Mitglieder zu gewinnen.

Genügend Zulauf hätte der Skiclub Tettenhausen schon, dafür gebe es ein anderes Problem, erklärte Vorsitzende Evi Schittenhelm, die sich aus dem Publikum zu Wort meldete. Ihr Verein bringe im Winter jeden Samstag 50 begeisterte Kinder und Jugendliche in ein Skigebiet. Allerdings wisse sie nicht, wie sie mit den immer neuen Regeln im kommenden Winter verfahren soll. »Wir sind doch nicht die Kontrolleure«, meint sie und spricht damit die 3G-Regel an. Diese sei in ihren Augen aktuell die größte Hürde für Sportvereine. »Wir haben zwar motivierte Kinder, scheitern aber an den Auflagen.« Ob die Eltern neben dem Skipass auch noch den Test zahlen, sei fraglich.

Der Vorsitzende des TSV Traunwalchen/Matzing, Hans Huber, bemüht sich um immer wieder neue Angebote. Er sieht aber ein ganz anderes Problem der Sportvereine: »Die Leute haben einfach keine Zeit mehr. Es gibt zu viele andere Reize neben dem Sport.«

Dr. Bernd Geffken appellierte an alle Erwachsenen, sich impfen zu lassen, »zum Schutz der Kinder, die schon bisher am meisten unter der Situation litten«. Nur wenn sich möglichst viele impfen ließen, bekämen alle schnell wieder ihre Freiheit.

mix


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