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Neuanfang in Traunreut mit nichts als einem Koffer

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Familie Wachutka beim Sonntagsspaziergang vor der Kapelle am Schneckenberg: Die Eltern Gertraud und Alois mit den Kindern Jutta, Heinz und Gertraud (von links).

Traunreut – In den ersten Jahren der jungen Gemeinde Traunreut lebten viele Vertriebene hier. Sie hatten ihre alte Heimat verlassen müssen und konnten nicht viel mitnehmen. Einer von ihnen war Alois Wachutka, der im Dezember 1949 in der Muna St. Georgen ankam. Ein alter Koffer, in dem sich die gesamte Habe der Familie befand, zeugt von der damaligen Reise. Er gehört zu den bereits gesammelten Exponaten für ein künftiges Museum der Stadt Traunreut.


Geboren wurde Alois Wachutka am 17. Juli 1911 in Pinke bei Mährisch-Neustadt im Sudetenland als zweiter Sohn von neun Kindern. Wegen Geldmangels seiner Eltern musste er die Schule mit 14 Jahren abbrechen und machte eine Lehre als Maschinenschlosser. Seinen Militärdienst leistete er in Budweis ab, wo er zum Automonteur und Kraftfahrer ausgebildet wurde.

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Nach ein paar Jahren, in denen er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, kam er 1938 als Werkzeugmacher zur Firma Siemens in Müglitz. Im selben Jahr heiratete er seine Frau Gertraud. Da er von der Firma als ausgezeichneter Facharbeiter für unabkömmlich erklärt wurde, musste er später im Krieg nicht an die Front und konnte bei seiner Frau und den drei kleinen Kindern bleiben.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war aber noch lange nicht Schluss mit den Schrecken in der alten Heimat: die russische Besatzung plünderte, jagte Frauen und die Verpflegung wurde knapp. Siemens schloss die Tore und überließ die Arbeiter ihrem Schicksal. Wieder musste sich Alois Wachutka mit Gelegenheitsjobs ein wenig Geld verdienen, seine Familie lebte damals in nur einem Zimmer auf engstem Raum. Bei einem Unfall an einer Drehmaschine verlor er im Juli 1946 einen Finger.

Wenig später kam der Ausweisungsbefehl. Auf langen Wegen und unter sehr schwierigen Umständen kam die Familie schließlich nach Bayern. Die Firma Siemens war inzwischen nach Hof verlagert worden und hätte den Werkzeugmacher sofort eingestellt, vorausgesetzt, er hätte eine Wohnadresse. Im zerbombten Hof war die Wohnungssuche allerdings enorm schwierig. Erst Ende März 1947 fand sich eine Ein-Zimmer-Wohnung und Alois Wachutka konnte wieder bei Siemens arbeiten.

Im Dezember 1949 wurde er von der Firma in die Muna St. Georgen verlegt, wo im Sommer desselben Jahres erst ein neues Werk entstanden war. Die allererste Nacht verbrachte die Familie damals im Gasthof Martini in Stein, dann wurde sie im umgebauten Pulverhaus P 20 einquartiert.

In dem Koffer, den die Familie als Erinnerung an die Vertreibung aus der alten Heimat aufgehoben hat, befand sich alles, was sie besaßen. Tochter Jutta John weiß noch, dass darin vor allem Bettzeug war, das Werkzeug des Vaters und der Kopf der Nähmaschine ihrer Mutter. »Das war unsere Rettung, denn Vater konnte mit dem Werkzeug viel reparieren und Mutter nähte für uns alle«, erzählt die Tochter und fügt hinzu: »Ich ziehe meinen Hut davor, was meine Eltern geleistet haben.«

Für ihre Mutter sei Traunreut ein »Geschenk« gewesen. Endlich gab es für sie und ihre Lieben einen Platz, wo sie friedlich und ruhig leben, wo sie alles hinter sich lassen und ganz neu anfangen konnten. Obwohl Jutta John zu jener Zeit ein kleines Mädchen war, kann sie sich noch sehr gut an die Stimmung in der jungen Gemeinde erinnern: »Es ging uns allen damals gleich, keiner hat was gehabt, es wurde viel gearbeitet und gespart, gegessen haben wir, was im Garten gewachsen ist.«

Besonders ist ihr auch noch in Erinnerung, dass der Siemens-Chef Walter Mohr sich sehr um das Wohl seiner Arbeiter und deren Familien kümmerte, »es gab sogar eine Siemens-Nikolausfeier extra für die Kinder«.

Als das katholische Siedlungswerk Bayern 1950 eine neue Siedlung plante, bewarb sich Alois Wachutka um eine Doppelhaushälfte und errichtete mit viel Eigenleistung und unter großen Entbehrungen ein Eigenheim, das 1951 fertig war. In den folgenden Jahren bildete er sich immer weiter, wurde Meister bei Siemens im Werkzeugbau und ging schließlich 1975 in den wohlverdienten Ruhestand.

Nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb er im Dezember 1989 im Alter von 79 Jahren, seine Frau Gertraud überlebte ihn 22 Jahre, wohlbehütet von den Töchtern, in ihrem Haus am Permoserweg. Für die jüngste Tochter Jutta John ist Traunreut bis heute ihre Heimat und sie lässt nichts auf die Stadt kommen, in der ihre Familie vor 70 Jahren mit nichts außer einem Koffer ankam. mix