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Nach 100 Tagen als Bürgermeister – »Finanzkrise größte Herausforderung der Gegenwart«

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Traunreut: Bürgermeister Dangschat zieht erste positive Bilanz seiner Amtszeit
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Eine bisher durchwegs positive Bilanz seiner Amtszeit zieht Bürgermeister Hans-Peter Dangschat.

Traunreut – Hans-Peter Dangschat hat im März die Stichwahl um das Amt des Bürgermeisters von Traunreut gewonnen und damit das Rathaus der größten Stadt des Landkreises Traunstein für die CSU zurückerobert. Mit gerade einmal 34 Jahren gehört der studierte Jurist zu den jüngsten Gemeindeoberhäuptern des Landkreises. Jetzt ist er 100 Tage im Amt und zieht eine erste Bilanz.


Bedingt durch die Corona-Krise konnten die Aufgaben bei Ihrem Amtsantritt nicht größer sein. Was waren und sind gegenwärtig die größten Herausforderungen?

Schon die ersten Tage nach meinem Amtsantritt waren davon geprägt, den Corona-Krisenstab neu zu organisieren, um in allen Bereichen der Daseinsvorsorge unserer Stadt die Handlungsfähigkeit sicherzustellen.

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In der Öffentlichkeit ist gar nicht so angekommen, dass viele Kindergärten in unserer Stadt trotz Lockdown im Normalbetrieb waren, weil so viele Eltern und Alleinerziehende die Notbetreuung in Anspruch nehmen konnten. Dabei haben unsere pädagogischen Fachkräfte Unglaubliches geleistet.

Für uns gilt es jetzt, auf eine mögliche zweite Welle der Pandemie vorbereitet zu sein und vor allem achtsam zu bleiben. Deshalb bleibt beispielsweise die schnelle telefonische Terminvergabe im Rathaus, um die Besucherströme nachzuvollziehen. Zusätzlich bauen wir nun auch unsere Serviceangebote im Internet aus und schaffen die Möglichkeit der Online-Terminvereinbarung.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Stadt und seine Bürger?

Die Pandemie hat die schwierige finanzielle Lage der Stadt Traunreut zusätzlich verschlechtert. Viele unserer mittelständischen Unternehmen – insbesondere natürlich die Gastronomiebetriebe – haben unter dem Lockdown schwer gelitten und Stundungsanträge für die Gewerbesteuer gestellt.

Aber ich denke, auch jetzt noch spüren ganz viele Bürgerinnen und Bürger die Neben- und Nachwirkungen der Pandemie. So ist eben beispielsweise der Besuch unseres wunderschönen sanierten Schwimmbads in diesem Jahr mit erheblichen Einschränkungen verbunden. Viele unserer lieb gewonnenen Feste und Veranstaltungen, wie das Stadtfest oder der Stadtlauf, müssen in diesem Jahr ausfallen.

Wie schätzen Sie die Handlungsfähigkeit der Stadt in den nächsten Jahren ein?

Unser Traunreut ist in wirtschaftlicher Hinsicht eine starke Stadt. Dennoch halte ich die aktuelle Finanzkrise für die größte Herausforderung der Gegenwart. Wir haben seit vielen Jahren einen aufgeblähten Verwaltungshaushalt, der nur durch Zuführungen aus dem Vermögenshaushalt ausgeglichen werden konnte.

Nun hat sich durch die Pandemie die Liquidität dramatisch verschlechtert, erwartete Einnahmen sind ausgeblieben oder nur gering ausgefallen. Unsere Rücklagen schmelzen ab und sind bald aufgebraucht. Wir mussten schon im vergangenen Jahr einen dramatischen Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen von rund 27 Millionen Euro in den Jahren 2017/2018 auf 7 Millionen Euro verkraften. Wir müssen nun intensiv abwägen, welche Ausgaben wir uns noch leisten können und welche Investitionen trotz der Finanzlage getätigt werden müssen.

Reichen 100 Tage, um sich als Bürgermeister einzuarbeiten?

Ich habe die vergangenen 100 Tage intensiv genutzt, um die Strukturen und Prozesse in unserer Stadtverwaltung noch besser kennenzulernen, die Mitarbeitenden zu treffen und Arbeitsabläufe zu organisieren. Natürlich habe ich dabei schon eine gewisse Routine entwickelt, möchte mich aber auch weiterentwickeln.

Was waren Ihre ersten Handlungen?

Schon am ersten Tag im Rathaus habe ich meine Mitarbeitenden angewiesen, offen und transparent gegenüber dem Stadtrat zu handeln und zu kommunizieren. Ich habe die Kommunikationsverbote, die bestanden, aufgehoben, damit sich jedes Stadtratsmitglied umfassend bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung informieren kann.

Sitzungsvorlagen werden ungekürzt und frühzeitig ins Intranet für die Räte eingestellt, Referenten des Stadtrats zu Terminen, die ihr Ressort betreffen, eingeladen. Bürgeranfragen werden nun zentral beantwortet und die Stadt ist nun auch erstmals in den sozialen Medien Facebook und YouTube vertreten und dort ansprechbar.

Haben Sie in der Verwaltung Veränderungen vorgenommen?

Ich plane für den Herbst eine umfassende Umstrukturierung der Zuständigkeiten in der Verwaltung und der Geschäftsverteilung. Bereits jetzt konnte ich erkennen, dass es einige organisatorische Schwächen gibt. Zuständigkeiten sind ungeklärt und insbesondere die Kommunikation in Teilen des Hauses ist stark ausbaufähig. Ganz bewusst wollte ich mir aber die Zeit bis in den Herbst nehmen, um die Stärken und Schwächen der Strukturen, Abläufe und Mitarbeitenden gut kennenzulernen.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 100 Tagen?

Eine durchwegs Positive. So freue ich mich darüber, dass es mir gelungen ist, den Stadtrat mit seinen vielen neuen Gruppierungen und Charakteren einzubinden und Transparenz zu schaffen. Auch Besucherinnen und Besucher der Stadtratssitzungen spüren, dass die vormalige aufgeladene Stimmung einem neuen Gemeinschaftsgefühl gewichen ist.

Eine weitere Position in der positiven Bilanz: Bis in den September gibt es an Freitagen und Samstagen ein kulinarisches Angebot auf dem Rathausplatz. Diese Idee, die ich erst vor wenigen Wochen hatte, konnte schnell umgesetzt werden und dient auch als Test für eine dauerhafte Belebung des Platzes im Sommer.

Ganz besonders hat mich aber gefreut, dass ich die Lücke beim Radweg von Anning nach St. Georgen durch die Wiederaufnahme des abgeschlossenen Grunderwerbs und gute Gespräche erfolgreich schließen konnte.

Gabi Rasch


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