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Mit 100 noch fit und rüstig

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Auguste Hartel aus Traunreut feiert heute ihren 100. Geburtstag. Das Bild, das sie als 19-Jährige zeigt, entstand 1938. (Foto: P. Mix)
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Traunreut – Traunreut hat eine neue 100-Jährige: Auguste Hartel feiert am heutigen Samstag ihren Geburtstag in hervorragender Frische und Rüstigkeit. Geboren wurde sie am 27. Juli 1919 in Alt Erbersdorf, einer deutschen Gemeinde im Sudetenland.


Sie war das vierte Kind ihrer Eltern, eine Nachzüglerin. Der Vater war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs glücklich heimgekommen zur Frau und den drei älteren Kindern und im Jahr darauf kam die kleine Auguste zur Welt. Das Mädchen musste schon in jungen Jahren auf dem elterlichen Bauernhof mitarbeiten, »ich bin hartes Arbeiten gewöhnt«. Sie heiratete mit 21 Jahren Hans Hartel, der selber einen großen Hof bewirtschaftete.

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Das Paar hatte in den Folgejahren immer rund zwölf Kühe, einige Pferde und Ochsen, baute Getreide an und Gemüse für den Eigenbedarf. Schon nach einem Jahr Ehe wurde der Gatte zum Kriegsdienst eingezogen und sie blieb auf dem Hof allein zurück. Sie musste die Fremdarbeiter, die auf dem Feld mithalfen, beaufsichtigen und hatte alle Hände voll zu tun. Die Schwiegermutter half mit und kümmerte sich um die beiden Kinder, die während der Kriegsjahre zur Welt kamen. Nach Kriegsende wurden die beiden Frauen mit den Kindern wie so viele vertrieben und landeten in Bayern.

Hans Hartel war – aus Kriegsgefangenschaft entlassen – ebenfalls im Freistaat gelandet und in Hart bei Chieming fand die Familie schließlich wieder zusammen. Dort wurden sie zunächst bei einem Bauern in einem einzigen Zimmer für alle einquartiert, ehe sie eine eigene Wohnung zugewiesen bekamen. Auguste Hartel half in den ersten Jahren auf dem Bauernhof mit, um sich nützlich zu machen, und fand später Arbeit in einem sudetendeutschen Betrieb, der gestrickte Socken herstellte. Ihr Mann, der als Bauer harte Arbeit im Freien gewohnt war, fand als Holzfäller beim Staatsforst Beschäftigung.

Bei einem Arbeitsunfall im Jahr 1952 verunglückte er im Alter von 36 Jahren tödlich und seine Frau musste alleine zurechtkommen. Als Unterstützung hatte sie damals nur die Schwiegermutter an der Seite. 1956 zog Auguste Hartel mit ihr und den beiden Kindern nach Traunreut, wo sie Arbeit in der Strickfabrik Michael Lohs fand. 20 Jahre blieb sie dort beschäftigt als versierter Strickerin und in der Fertigung, bis sie wenig Jahre vor dem Rentenalter aufhörte, um sich ihrerseits um ihr Enkelkind zu kümmern, damit die Tochter arbeiten gehen konnte.

Mit dem Geld des Lastenausgleichs, das sie für den Verlust von Hab und Gut im Sudetenland vom Staat erhielt, baute Auguste Hartel für sich und die Kinder ein Zweifamilienhaus in Traunreut. »Man musste tüchtig sein und sich was trauen«, erklärt die forsche Rentnerin. Traunreut ist nun längst ihre Heimat geworden: »Ich kenne die Stadt durch und durch, bin hier daheim.« Sie interessiert sich nach wie vor für alles, was in der Stadt passiert und liest mit Interesse die Lokalzeitung.

Viele Jahre schon ist sie Mitglied im AWO Ortsverein, nahm an allen Veranstaltungen teil, egal ob Clubnachmittage oder Ausflüge. Die Ortsvorsitzende Elfi Dzial sagt über die Jubilarin: »Sie ist eine von den Mitgliedern, die immer dabei waren, und ich kenne sie eigentlich immer nur gut aufgelegt.« Besonders gern tanzte die Jubilarin und sagt selber: »Ich war eine flotte Tänzerin.« Erst seit zwei Jahren, als ihr beim Tanzen einmal schwindlig wurde, traut sie sich nicht mehr so recht. Ihren Haushalt erledigt die 100-Jährige nach wie vor selber, hat lediglich seit einem halben Jahr eine Putzhilfe.

Sie hätte nie gedacht, dass sie einmal so alt werden würde, obwohl auch ihre Verwandten ein hohes Alter erreichten. »Vielleicht«, sinniert sie, »liegt es an der gesunden Lebensweise.« Sie war nie dick, hat sich immer gesund ernährt mit Gemüse und Früchten aus dem eigenen Garten. Außerdem hat sie frühzeitig begonnen, etwas Pflanzliches für ihr Gedächtnis einzunehmen und ist überzeugt: »Man muss was dafür tun. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis.« Und das beweist sie im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt, indem sie Jahreszahlen und Begebenheiten aus der Vergangenheit ohne Überlegen nennen kann.

Nach wie vor ist Auguste Hartel flink und wendig. Von einem leichten Schlaganfall vor wenigen Monaten hat sie sich gut erholt, stellt aber mit Bedauern fest: »Es wird langsam schlechter mit mir«. Ihren besonderen runden Geburtstag feiert die Jubilarin heute mit ihrer Familie, den zwei Kindern, zwei Enkeln und drei Urenkeln. Schade findet sie nur, dass die meisten ihrer Freunde inzwischen nicht mehr da sind: »Ich musste so vielen von ihnen schon ins Grab schauen.« mix


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