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»Es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung«

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Matthias Frank kann mit seinem Blindenstock an den Rillen entlang gehen. ( Foto: P. Mix)

Traunreut – Im Zuge der Sanierung des Rathausplatzes wurde auch ein Blindenleitsystem an den Gehwegen entlang des Platzes installiert. Bürger mit Sehbehinderung erkennen nun anhand der hellen Streifen am Boden leichter, wo sie gefahrlos gehen können und wo Übergänge zur Straße sind. Mit Hilfe der Rillenplatten mit auffälligem Muster können Blinde, die einen Stock mit sich führen oder die Platten mit den Füßen ertasten, ihren Weg finden.


Die Stadt Traunreut will in der Innenstadt Zug um Zug bei Straßensanierungen ein solches Blindenleitsystem installieren. In der neu angelegten Nansenstraße gibt es das System bereits und beim Ausbau der Kantstraße soll es ebenfalls fortgeführt werden. Für Udo Albrich von der Stadtverwaltung ist es wichtig, zu überlegen, wo so ein Leitsystem anfängt und endet. Insellösungen sind seiner Meinung nach keine gute Idee und es sei auch nicht machbar, die Leitlinien auf alle Gehwege im Stadtgebiet auszuweiten. Besonders im Bereich rund um den Rathausplatz mache es jedoch vor allem bei Ampeln und an Kreuzungen Sinn. Hier können Sehbehinderte durch die Anordnung der Streifen und durch eine Veränderung der Rillenstruktur erkennen, wo der Gehweg aufhört und die Straße anfängt.

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»Erleichtert es für mich auf jeden Fall«

Matthias Frank findet das Leitsystem sehr gut. »Das erleichtert es für mich auf jeden Fall und es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung«, betont der Traunreuter, der mit 19 Jahren erblindete und nur noch ein minimales Restsehvermögen von einem Prozent hat. Er ist in der Stadt aufgewachsen und kennt sich daher gut aus, kann sich an verschiedenen Dingen orientieren, wenn er unterwegs ist, und weiß immer, wo er sich befindet. »Mit Schallkopplung geht sehr viel«, erzählt er. So weiß er beispielsweise anhand des Verkehrslärms, wo die Straße verläuft, und orientiert sich an bestimmten Punkten, die er gut kennt.

Oft ist Matthias Frank aber auch mit seinem Blindenhund unterwegs, der ihn überall sicher führt. Aus eigener Erfahrung sagt er, dass das Leben für Blinde in Großstädten einfacher ist als auf dem Land. In Metropolen wie München sei es schon seit vielen Jahren Standard, dass die Wege für Sehbehinderte erkennbar sind. »Dort ist es einfach normal und kommt häufiger vor, dass Blinde in den Straßen unterwegs sind.« In Traunreut müsse man schauen, wie viele Betroffene überhaupt davon profitieren. Aber für ihn gilt ganz klar: »Wenn nur einem Einzigen damit geholfen ist, ist es das schon wert.«

Mit seinem Blindenstock kann Matthias Frank die Rillen entlangfahren und umgeht somit eventuelle Hindernisse auf dem Weg. Probleme entstehen jedoch, wenn irgendwo Stühle auf den Gehwegen stehen. Die Betreiber der Lokale könnten diese schon aufstellen, aber die Besucher rückten sie teils unbewusst mitten auf den Streifen für Sehbehinderte, die dann dagegen stoßen. »Die Leute denken da einfach nicht dran, weil sie es nicht gewohnt sind, und viele kennen auch die Bedeutung dieser Leitlinien gar nicht«, zeigt Matthias Frank Verständnis dafür. Auf dem Traunreuter Rathausplatz sollten daher möglichst auch die Besucher der Lokalitäten darauf achten, nicht auf der Leitlinie zu sitzen.

»Da kann ich langgehen und es passiert nichts«

Eine weitere Traunreuterin, die vom Leitsystem profitiert, ist Eva Frimmer. Die 77-Jährige leidet seit mehreren Jahren unter einer Makuladegeneration und kann seit gut einem halben Jahr fast gar nichts mehr sehen. Sie erkennt nur noch Umrisse, kann aber hell und dunkel unterscheiden. Die hellen Streifen auf dem Gehweg sind für sie als solche daher erkennbar und weisen ihr den Weg. »Da kann ich langgehen und es passiert nichts«, betont sie. Meist ist Eva Frimmer zwar mit ihrem Mann in der Stadt unterwegs, der sie sicher führt. »Aber kleine Stücke kann ich auch allein gehen und beispielsweise schon mal zum Bäcker vor laufen, während mein Mann noch parkt«, erzählt die Traunreuterin. An einer Fußgängerampel kann sie ebenfalls erkennen, wenn das Licht umspringt. Und da sie weiß, dass das grüne Signal unten ist, ist für sie dann auch klar, wann sie gehen darf. Die Ampeln am Rathausplatz und an vielen anderen Kreuzungen in der Stadt haben zudem einen schwarzen »Blindenknopf« an der Unterseite. Wenn sie diesen drücken, hören die Sehbehinderten ein akustisches Signal, das ihnen anzeigt, wann grün ist. Da Eva Frimmer seit 1955 in Traunreut lebt und noch bis vor kurzem sehen konnte, weiß sie außerdem genau, wo in der Stadt Gefahrenpunkte sind und wo sie aufpassen muss. Es wäre ihr aber schon eine Erleichterung, wenn es auch noch an anderen Straßen ein solches Leitsystem gäbe.

Es ist schwierig, alle Bedürfnisse zu erfüllen

Für Udo Albrich und die Planer ist es nicht einfach, alle Bedürfnisse der Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zu befriedigen. Während beispielsweise Blinde zu ihrer Orientierung eine deutliche Kante zwischen Gehweg und Straße mit einem Anschlag von rund sechs bis sieben Zentimetern wünschen, sollten solche Höhenunterschiede für Rollstuhlfahrer und Senioren mit Rollatoren eigentlich gänzlich vermieden werden. An engen Übergängen wie rund um den Traunreuter Rathausplatz ist es nicht möglich, allen Anforderungen gerecht zu werden. Als Kombilösung, die für beide Seiten tolerierbar sein sollte, hat sich die Stadt für eine leichte Höhendifferenz von drei Zentimetern entschieden. Auch die überregionalen Verbände für Blinde und Körperbehinderte haben sich auf diese Kompromiss-Höhe geeinigt. mix