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»Die Lage in den Flüchtlingslagern spitzt sich weiter zu«

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Traunreuterin wollte in Lesbos gegen Corona helfen: »Lage in Flüchtlingslagern spitzt sich zu« | Griechenland
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Im Lager Moria auf der Insel Lesbos half Magdalena Fackler mit, Abfall in große Müllsäcke zu packen und an einen zentralen Sammelort zu bringen, wo sie auf Kosten der Hilfsorganisationen abgeholt wurden. (Fotos: privat)

Traunreut – Magdalena Fackler studiert Politikwissenschaft und Orientalistik im fünften Semester in Erlangen und war Ende Februar/Anfang März in Griechenland als Helferin für die NGO »Refugee4Refugees« tätig. Die katastrophalen Zustände auf den Inseln Samos und Lesbos haben sie zutiefst erschüttert: »Die Lage in den Flüchtlingslagern, besonders auf Lesbos, spitzt sich immer weiter zu, vor allem im Angesicht der neuen Bedrohung Coronavirus. Leider gibt es in den Medien kaum Artikel dazu und die mediale Aufmerksamkeit liegt auf anderen Bereichen.«


Die 21-Jährige musste ihre eigentlich für fünf Wochen geplante Arbeit vorzeitig abbrechen und erzählt: »Lesbos musste ich nach nur einer Woche verlassen, da es vermehrt Angriffe von Teilen der lokalen Bevölkerung auf internationale Freiwillige sowie Journalisten gab und auch auf Samos wurden wir wegen der zunehmenden Verbreitung des Coronavirus' nach zwei Wochen nach Hause geschickt.«

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Die NGO, für die sie auf den Inseln tätig war, hilft bei der Versorgung der vielen Flüchtlinge mit. Besonders im Lager Moria auf der Insel Lesbos sei diese mehr als mangelhaft. In dem für 3000 Personen angelegten Lager sind rund 20.000 Geflüchtete.

Große Probleme bereitet es beispielsweise, das ganze Gelände sauber zu halten, da es keine offizielle Müllabfuhr gibt. Mit anderen Helfern war Magdalena Fackler daher unterwegs, um Abfall zu sammeln und in große Müllsäcke zu packen. Diese wurden dann an einem Sammelpunkt abgeholt und das auch nur, weil die NGOs auf der Insel für die Kosten aufkommen. »Es gibt auch viel zu wenig sanitäre Anlagen, die Leute müssen teils durch das ganze Camp laufen, weswegen sich vor allem Frauen nachts nicht allein zur Toilette trauen«, berichtet die Studentin. Um den weiten Weg zu sparen, pinkeln die Leute oft auch einfach in Flaschen oder andere Behälter.

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Magdalena Fackler war für eine Hilfsorganisation auf der Insel Lesbos, musste ihren Einsatz aber vorzeitig beenden.

Im Dorf Moria gab es einen Laden, in dem sich die Flüchtlinge Waren aller Art holen konnten. Kleidung, Hygieneartikel und anderes, das in ganz Europa gespendet wurde, wurde dort kostenfrei abgegeben. Ins Dorf trauen sich die Flüchtlinge aber inzwischen gar nicht mehr, da die Stimmung in der Bevölkerung zunehmend aggressiv wurde. Die Scheiben des Ladens wurden eingeworfen und er musste geschlossen werden.

Schwierig ist auch die Versorgung mit Nahrung. Die Flüchtlinge müssen in langen Schlangen anstehen für Essen und bekommen nur eine auf 1000 Kalorien pro Person und Tag reduzierte Mahlzeit. Der Effekt ist, dass sich manche selber auf kleinen Feuern etwas kochen wollen und dafür sogar die alten Olivenbäume in den Hainen, zwischen denen die Zelte aufgestellt wurden, abholzen.

Zunehmend macht sich auf der Insel großer Unmut breit. Besonders als die Grenze von der Türkei geöffnet wurde, hätten Bewohner die Boote, die anlegen wollten, und auch die Helfer, die die Leute aus den Booten an Land holen wollten, abgewehrt und angegriffen. »Ich kann die Inselbewohner durchaus verstehen«, betont Magdalena Fackler. Sie wehrten sich mit allen Mitteln gegen die Pläne der Regierung, auf der Insel noch ein zweites Lager zu errichten.

»Die Lage auf Lesbos ist eh schon katastrophal genug und jetzt kommt auch noch die Angst vor dem Virus dazu. Es gab bereits zwei bestätigte Fälle im Lager«, stellt die St. Georgenerin fest. Sie ist sehr enttäuscht und beschämt darüber, wie die Europäische Union in dieser Krise mit den Flüchtlingen umgeht: »Gerade sie sind jetzt die Verwundbarsten und brauchen unsere Solidarität.« Sie habe sich nicht vorstellen können, dass solche Zustände »hier bei uns in Europa« möglich sind. Auch die griechische Regierung lasse ihre eigenen Leute auf den Inseln allein, »kein Wunder, dass die sauer sind und eine Evakuierung der Lager fordern«.

Freiwillige vor Ort und Vertreter von »Ärzte ohne Grenzen« berichten zudem, dass es im Lager viele psychische Probleme gibt, Hoffnungslosigkeit bis hin zur Depression, weil die Lage so aussichtslos ist und viele schon so lange dort ausharren müssen. Ständig würden Asylanträge vertagt, angemeldete Interviews verschoben und selbst, wenn jemand Asylrecht zugesprochen wird, folge eine lange, nervenzehrende Warterei bis zur Ausreiseerlaubnis.

Völlig absurd war für die Studentin die Erfahrung, dass sich Flüchtlinge sogar schuldig fühlten, weil sie als Helfer in diese unangenehme Situation gekommen waren. »Aber wir konnten einfach gehen, als es gefährlich wurde. Sie müssen weiter dort bleiben.« Auf jeden Fall will Magdalena Fackler irgendwann wieder nach Lesbos und dort helfen, weil sie die Aufgabe, die sie sich selber gestellt hat, aufgrund der aktuellen Situation nicht beenden konnte. Wenn die Unis wieder öffnen, geht für sie allerdings Ende April zunächst einmal das Studium weiter.

Magdalena Fackler fasst zusammen: »Die noch verbliebenen NGOs bereiten sich so gut es geht auf das Virus vor. Doch sie können nicht ersetzen, was die EU jahrelang versäumt hat. Wenn sich das Coronavirus in den Lagern auf Lesbos und den anderen Inseln ausbreitet, dann trifft es die Verwundbarsten unter uns. Es trifft die, die nach Europa kamen in der Hoffnung auf Schutz und Frieden. Doch die EU hat sie im Stich gelassen. Die humanitäre Katastrophe ist bereits in vollem Gange und droht durch das Virus zu eskalieren. Das alles geschieht direkt vor unseren Augen – in unser aller kollektiver Verantwortung.« mix


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