Die Gassen und Tavernen des Südens im Schloss Pertenstein

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Foto: Kloiber

An einem Sommerabend im Juli fanden wir sie, die Gassen und Tavernen des Südens, an den Gestaden der Traun – auf der Bühne des Castello Pertenstein. Der Gitarrist Ricardo Volkert nahm uns mit ins Herz des Flamenco, zu den geträumten Orten Andalusiens, seiner zweiten Heimat.


In seinem Gepäck die Lebensfülle des Flamenco, traditionelle Alegrias, andalusische Volklieder, Rumbas und Romanzen und die eigenen, wunderbar melancholisch schillernden Vertonungen der großen Dichter Frederico Garcia Lorca, Pablo Neruda und Rafael Alberti. In seiner Begleitung die Sängerin und Tänzerin Carmen Lopez und der virtuose Cellist Jost Hecker. Drei Künstler, die mit ihrer luziden Präsenz die karge, schmucklose Bühne, nur von wenigen Scheinwerfen beleuchtet, in immer wechselnde Landschaften verwandeln, eine perfekte Imagination, sobald der erste Ton erklingt.

Sie führen in die Dörfer und Städte Andalusiens, nach Granada, Cadiz und Sevilla, zu den Stränden, wo der Wind rauh vom Atlantik bläst, zum Schnee der Sierra Nevada. Zum Labyrinth der schattigen Gassen, zu kleinen mit Palmen geschmückten Plätzen mit zahllosen Bars und Restaurants, zu geheimen Orten, hellen Quellen und verwunschenen Gärten, zu Olivenfeldern, auf denen das Meer weitersingt, zum Gualdalquivir, der sich einen Weg zum Meer bahnt und die Orangen und Zitronen aus dem Gedichten Lorcas blühen lässt.

Ach ja, das Meer. Du schmeckst das Salz auf Deiner Haut, spürst den Sand zwischen den Zehen, den Wind und hörst die Möwen in der Gitarre von Ricardo, im Bogenstrich von Jost und im Tanz von Carmen. Man fühlt sich mit all dem verbunden und phantasiert sich eine eigene Vergangenheit am Meer, in den Wolken des Himmels.

Drei Geschichtenerzähler, die Dir von Heute und Gestern berichten, von Ziganos, armen Bauern und ausgebeuteten Landarbeitern, von Poeten und Banditen, von Heiligen und Sündern. Von Liebe, Treue und Verrat, von Freundschaft, Leid und Tod. Ricardo Volkert moderiert diesen Abend kenntnisreich und humorvoll, übersetzt die spanischen Liedtexte und Gedichte, die Augen manchmal in Konzentration geschlossen oder sich in der Ferne verlierend, Konsonanten und Vokale klingen melodisch und weich, auf einmal klingt selbst die deutsche Übertragung spanisch, man glaubt die Seele des Südens zu hören, suenos de la mar, Träume vom Meer, wie eine Meditation nimmt sie uns mit in eine andere Welt, die uns aber gar nicht fremd erscheint. Die sanfte Stimme erinnert uns daran, dass alles vergänglich ist und nur in der Musik, im Tanz und der Poesie weiterlebt.

So erhält jedes Lied, jeder Tanz, seine Einführung und dann erst setzen Gitarre und Cello ein, mit den vertrauten Klangperlen, Estilos und Klangmustern des Flamenco. Aber weicher, vielfältiger, als man es vom Flamenco gewohnt ist. Ricardo schafft es, selbst noch in der freudesprühendsten Alegria die ganze Orchestrierung einer bittersüßen Melancholie zu finden, die uns im höchsten Glücksgefühl mit süßen Schmerz an die eigene Vergänglichkeit erinnert. Der Vergänglichkeit von Liebe und Leben, aber auch von Tod und Schmerz. Alles geht vorüber. Auch dieser Abend. Leider. Aber er hat ja gerade erst angefangen.

Denn Carmen Lopez tritt auf und das ist ein Ereignis. Wie diese elegante, zart anmutende Tänzerin ihren geschmeidigen Körper als kraftvolles Ausdrucksmittel für all die Gefühle von Hochmut, Wut, dem Aufbäumen gegen den Verlust, dem Schmerz, der Verzweiflung bis zur wiedergewonnenen Freude beherrscht, und auch im Mienenspiel alle Empfindungen durchlebt, ist großartig. Carmen ist Präsenz, Rhythmus, Leidenschaft und Energie. Und Schönheit.

Aus ihren Augen spricht Liebe, funkelt Sinnlichkeit, versprüht sich Lebensfreude, explodiert die Wut, lodern Leidenschaft und Zorn. Mit jedem neuen Tanz geht Carmen eine Verwandlung ein, auch äußerlich. Ein anderes Kleid, eine Rose im Haar, eine Piratenkappe, Kastagnetten oder die schwarze Mantilla, das dreieckige Tuch, das zum Tanzpartner wird, es genügen wenige Accessoires, um sie in eine andere Person zu verwandeln. Carmen Lopez – ein anderer Name für getanzte Poesie.

Das weiche Timbre der Sängerin Carmen passt so gut zu den Männerstimmen von Ricardo Volkert und Jost Hecker, ob als Begleitung oder als Solostimme in der eigenen Alegria-Komposition. Die Lebensfreude, die aus dieser Stimme spricht, ist ansteckend, und überwiegt selbst in dem Sehnsuchtslied „Te Quiero Mucho“.

Es geht rauf und runter im Karussell der Gefühle, der wahren Gefühle. Sie bringt Gefühle reinster Kinderseele zum Ausdruck. Denn ein Flamenco-Künstler geht auf die Bühne und lässt alles raus. Auch und gerade die Traurigkeit. Das macht die Freiheit des Flamencos aus. Jost Hecker lebt und verkörpert diese Freiheit. Sein Cello ist mal Bass, mal Melodiestimme, mal Bassgitarre, mal Streichinstrument. Aber man weiß nie genau, ob er diese Vielfalt an Stimmen seinem Instrument entlockt oder doch eher seinem Gesicht, das jeden Satz der vertonten Gedichte kommentiert, jede kleinste Nuance des eigenen Spiels. Bei jedem neuen Ton glaubt man wieder eine neue Falte entdeckt zu haben, einen anderen Ausdruck, es ist eine eigene Sprache, die Du mit dem Herzen verstehst. Sie kann auch der schmerzlichsten Geschichte noch ein Lachen abgewinnen, selbst dem Tod.

Im gleichnamigen Solostück erweckt Jost das Cello mit leidenschaftlicher Virtuosität zu einem furiosen Eigenleben, das über alle Geräusche und Klänge, Tonarten, Höhen und Tiefen führt, die man diesem wunderbaren Instrument entlocken kann. Die Zuschauerherzen schlagen den immer schneller werdenden Rhythmus mit, immer lauter, bis endlich der letzte „Streich“ kommt. Dann Stille - Duende nennen die Spanier diesen Moment größter Ergriffenheit - und Erlösung und jetzt eine Explosion der Begeisterung unter den Zuschauern.

Mit anhaltendem Beifall und Standing Ovations bedankte sich das Publikum für diesen faszinierenden Flamencoabend, an dem die drei Künstler nach trister Coronazeit endlich, endlich wieder auftreten konnten und Musik und Tanz in pure Lebensfreude verwandelten. Das Glück ist kurz, heißt es. An diesem Abend dauerte es zwei Stunden an. Eine lange Zeit fürs Glück. Typisch spanische kulinarische Köstlichkeiten rundeten diesen Abend für alle Sinne perfekt ab. Darauf eine Sangria.

Monika Kloiber


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