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»Der Name Traunreut entstand an seinem Schreibtisch«

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Josef Rackl war der erste Architekt, der Traunreut plante.
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1953 wurde die Schule in Traunreut eingeweiht. (Fotos: privat/Stadtarchiv Traunreut)

Traunreut – Eine wichtige, beinahe in Vergessenheit geratene, Traunreuter Persönlichkeit, die sich maßgeblich am Aufbau der Stadt beteiligte, war Architekt Josef Rackl (1910-1996). Von manchen alteingesessenen Bürgern wird er als der »eigentliche Gründer von Traunreut« angesehen, der bereits 1949 im Auftrag von Siemens-Direktor Walter Mohr erste Planüberlegungen für Werkssiedlungen anstellte. Der Bayer war vom Siemenschef engagiert worden, um 50 Werkswohnungen für seine Stammarbeiter und Angestellten zu konzipieren. Und bald wurde viel mehr daraus.


Zusammen mit dem damals ersten Industriebetrieb am Ort und der Arbeitsgemeinschaft der Betriebe erarbeitete der aus Seebruck stammende Rackl einen Generalbebauungsplan und erhielt von der Regierung den Auftrag zur weiteren Ortsplanung. Der vorausschauende Architekt visierte bereits zu Beginn seiner Tätigkeit eine Zielmarke von 10 000 Bewohnern in 20 Jahren an, was von den für die Finanzierung zuständigen Regierungsdienststellen als utopisch abgetan wurde. Sie gaben 5000 Einwohner vor – und nach dieser Zahl wurde dann auch die Kanalisation gebaut.

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Die Einwohnerzahl von 5000 war bereits 1959 überschritten, die Kanalisation musste mit viel Geld schon bald erweitert werden, was dem vorausschauenden Architekten unverständlich war und ihm als sparsamen Mann weh tat. Auch sprach er von Anfang an von einer »Stadt«, die hier entstehen sollte, und wurde dafür oft belächelt.

»Der Name Traunreut entstand an seinem Schreibtisch. Direktor Walter Mohr stand unter anderen dabei Pate«, erinnert sich Christa Sollacher, seine damalige Sekretärin. Sie selber war Flüchtling aus der Ostmark Brandenburg und weiß noch genau, wie die Atmosphäre in diesen Anfangsjahren in der jungen Kommune war: »Es wurde ein neuer Ort geschaffen, es war Aufbau überall. Es gab so viel Hoffnung und Freude für alle, die hier eine neue Heimat fanden und dafür alles zu tun bereit waren.«

Josef Rackl selber schrieb im Nachhinein über seine Aufgabe zu Beginn der Besiedelung von Traunreut: »Herr Direktor Mohr hat mir von Anfang an aufgetragen, für meine Ortsplanung und für den Wohnungsbau die Entwürfe vor allem danach auszurichten, dass bei den Bewohnern ein echtes Heimatgefühl entstehen kann.« Durch den Aufbau aus der Munazeit mit unregelmäßigen, zueinander vielfach verdrehten Gebäuden und krummen Straßen war die Planung schwierig, da außerdem möglichst alles noch Brauchbare vom alten Bestand aus wirtschaftlichen Gründen zur Weiterverwendung berücksichtigt werden sollte.

Josef Rackl war ein Visionär. Seine frühere Sekretärin, Christa Sollacher, erinnert sich daran, dass er in seinem Büro in der Steinbaracke A 3 am St.-Georgs-Platz ein Modell von Traunreut hatte und dort immer wieder neue, utopische Stadtteile hinzufügte. Er nannte dies seine »Zukunftsmusik« und wurde nicht müde zu betonen: »Ich glaube an die Zukunft Traunreuts.«

Die Zeit sollte ihm Recht geben. Heute hat Traunreut über 20 000 Einwohner und ist Industriemetropole sowie größte Stadt im Landkreis Traunstein.

Der Architekt stellte sämtliche Pläne für die Finanzierung auf und kämpfte um die Bereitstellung der notwendigen Gelder. Eventuelle Lücken in den Finanzierungsplänen füllte er, wenn es sein musste, mit »Eigenleistung« auf. »Und trotz all der engen Kalkulationen verschönerte er auch noch das Stadtbild. So fand er einen Künstler, den er natürlich preislich entsetzlich drückte, der ausgewählte Sgraffitos auf einigen Fassaden der Innenstadt anbrachte«, so Christa Sollacher.

Ihr Chef achtete darauf, dass Traunreut eine »ordentliche« Baustelle war. Er war persönlich überall, fuhr mit Messstangen auf dem Dach durch den Ort, nahm selbst Betonproben, machte Ausschreibungen. Sollacher: »Bei ihm ging es immer nur um Traunreut.« Und der Süd-Ost-Kurier soll sogar einmal geschrieben haben, »es rackelt in Traunreut«.

Die ehemalige Sekretärin zeichnet ein genaues Bild von ihrem Chef: »Immer hatte er einen Zweireiher an, immer eine immens schwere Tasche dabei und unzählige Planrollen.«

Moderne Nachkriegsarchitektur war für den in Bayern geborenen Architekten eine Selbstverständlichkeit – und es reizte ihn, andere Akzente zu setzen als nur solche nach den Möglichkeiten des sozialen Wohnungsbaus. Von Anfang an wollte er eine aufgelockerte Bauweise, breite Straßen, baumbestanden, sollten mit freien Plätzen abwechseln. Den Marktplatz mit den beiden Kirchen abzugrenzen war von Anfang an seine Vorstellung. Später schloss sich der Platz mehr und mehr, auf der einen Seite entstand eine Geschäftsreihe, auf der anderen das Rathaus, die Post und ein Hotel. Mit dem Rathaus war das »Herz« Traunreuts fertig – und die Größe des Platzes davor erschien manchen Bürgern »enorm«.

Natürlich trugen auch bald viele Privathäuser den Stempel Josef Rackls. Sie wuchsen damals wie die Pilze aus dem Boden, Traunreut war eine einzige große Baustelle, über die der Architekt seine ordnende Hand hielt. Auch das erste vierstöckige Haus, das damals als »Hochhaus« bezeichnet wurde, entstand an der Einmündung der Adalbert-Stifter-Straße in die Köttgenstraße. Ursprünglich war die Idee der Regierung von Oberbayern gewesen, höherstöckige Häuser nicht zu genehmigen, weil die Flüchtlinge durch Hochhäuser »nicht irritiert werden sollten, sie sollten sich wohlfühlen und heimisch«.

Dass Josef Rackl nur für seine Arbeit lebte, belegt eine Anekdote, an die sich Christa Sollacher erinnert. 1953 versuchte er einmal, eine private Urlaubsreise mit seiner Frau zu unternehmen. Die beiden kamen nur bis Verona, von wo er eine Karte an sein Büro schrieb mit den Worten: »Ich glaube, Urlaub machen will gelernt sein. Es gelingt mir nicht.« Noch ehe die Karte ankam, war er selber schon wieder im Büro und bei der Arbeit.

Später arbeitete Rackl vorwiegend in München und der Kontakt zu den Traunreutern wurde weniger. Seine ehemalige Sekretärin, die viele Jahre in Afrika lebte, war ihm dann nach ihrer Rückkehr nach Deutschland im Alter, als seine Ehefrau schon verstorben war, eine große Stütze und Begleiterin. Sie war es auch, die zu seinem 80. Geburtstag ein Fest in Traunreut auf die Beine stellte.

Ihr Antrag, eine Straße in Traunreut nach ihm zu benennen, wurde damals abgelehnt mit der Begründung, dass keine Straßen nach noch lebenden Personen benannt würden. Heute gibt es in Traunreut wenigstens einen Josef-Rackl-Weg von der Pestalozzistraße einmündend in die Martin-Luther-Straße. mix


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