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Obwohl die Krankheit noch nicht sichtbar ist, lauert der Tod bereits auf den Tänzer Rudolf Nurejew. (Foto: Heel)

Aufstieg und Fall einer Tanz-Ikone – Umjubelte Aufführung des Theaters Pforzheim von »Nurejew« im Traunreuter k1

»Es war, als hätte man in einem Salon ein wildes Tier losgelassen«, schrieb einst ein Londoner Journalist über das, was wohl alle empfanden, die den russischen Tänzer Rudolf Nurejew je auf der Bühne erlebt hatten. Fast 30 Jahre nach seinem Tod hat ihm das Theater Pforzheim ein eigenes Tanzstück gewidmet, inszeniert von den beiden Choreografen Guido Markowitz und Damian Gmür, mit dem es jetzt im gut besuchten Saal des Traunreuter k1 zu Gast war.


Markowitz war es auch, der vor der Aufführung dem Publikum in einer knapp halbstündigen Einführung das Stück zugänglich machte. Im Mittelpunkt stand dabei die Biografie Nurejews, deren Licht- und Schattenseiten in den 16 Szenen des Stücks beleuchtet werden. Geboren wurde der Tänzer am 17. März 1938 in einem Waggon der Transsibirischen Eisenbahn in der Nähe von Irkutsk. Er wuchs in armen Verhältnissen auf, entdeckte schon früh seine Leidenschaft fürs Tanzen und stieg als Solist des berühmten Kirow-Balletts mit gerade mal 20 Jahren zum beliebtesten Tänzer Sowjetrusslands auf.

1961 dann der Bruch. Während eines Gastspiels des Balletts in Paris beantragte Nurejew politisches Asyl. Für die Sowjets war er damit erledigt, für ihn bedeutete es den Beginn einer einzigartigen Weltkarriere mit über 200 Auftritten pro Jahr. Privat war er ebenso umtriebig und hatte zahllose Liebschaften, meist mit Männern. Mitte der 80er Jahre infizierte er sich mit AIDS, ignorierte die Krankheit aber und machte weiter – bis zum bitteren Ende. Er starb am 6. Januar 1993 im American Hospital in Paris.

Um all diese Informationen unterzubringen, haben Markowitz und sein Kollege Gmür allegorische Figuren ins Spiel gebracht. So symbolisierte der Faun Nurejews Liebe zur Kunst, während der Schwan für die erotische Liebe stand. Eine dritte Figur, der Tod, wirkte als Spiegel der starken, beschützenden Mutter.

Zu bekannten Ballettmusiken wie Tschaikowskys »Schwanensee«, Claude Debussys »Prélude à l‘après-midi d‘un faune« oder Arvo Pärts »Spiegel im Spiegel« entfaltete sich so ein furioser Reigen einprägsamer Tanzszenen, ein Rausch der Gefühle zwischen höchster Freude und tiefster Verzweiflung. Ausgehend von seiner Geburt im Eisenbahnwaggon, im Duett getanzt von Sara Scarella (Mutter) und Tse-Wei Wu (Nurejew als Kind), verfolgen die Zuschauer gebannt mit, wie er sich gegen Anfeindungen zur Wehr setzt, bis er vom Faun (Eleonora Pennacchini) geküsst wird und so die Magie der (Tanz)Kunst entdeckt.

Es folgt ein Ringen um Anerkennung, bis der Schwan (Dominic Mcainsh) auf der Bildfläche erscheint und Nurejew (nun verkörpert von Timothé Durand Caulliez) in den Strudel sexueller Eskapaden reißt, der sein Privatleben von nun an bestimmen sollte. Er genießt sein Leben in vollen Zügen, auf den Punkt gebracht durch die treibenden Rhythmen des Johnny-Rivers-Songs »Secret Agent Man«. Doch der Tod (Emilia Fridholm mit schwarzem Hut) lauert schon um die Ecke, bricht seinen Widerstand und markiert seinen fast nackten Körper mit schwarzer Farbe. Herzergreifendes Ende einer Reise und (fast) Ende einer Vorstellung, die wohl jeden Zuschauer tief berührt hat, sodass nicht enden wollender Applaus und Standing Ovations den Abend abschlossen.

Wolfgang Schweiger

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