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Auch Angehörige suchtkranker Aussiedler brauchen Hilfe

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Für alle Eltern ist es einer der schlimmsten Alpträume, dass das eigene Kind drogen- oder alkoholabhängig wird. Der Schritt, sich selbst als Angehöriger Hilfe zu holen, ist jedoch für Aussiedler nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere zusätzlich schwierig. Um diesen Schritt etwas leichter zu machen, gründen Eugenia und Anastasia aus Traunreut eine Selbsthilfegruppe für Angehörige in russischer Sprache.
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Traunreut – »Was bin ich für eine schlechte Mutter, dass mein Sohn Drogen nimmt?« – diese Frage belastete Eugenia so sehr, dass sie kollabierte und ins Krankenhaus musste, als sie vom Elend ihres Sohnes erfuhr. Inzwischen hat sie gelernt, damit umzugehen, und gründet mit Hilfe einer Psychologin eine Selbsthilfegruppe speziell für russisch-sprachige Angehörige von Suchtkranken.


Eugenia und auch Psychologin Anastasia sind Wandernde zwischen zwei Welten, Deutschland und Russland. Ihre Ahnen waren Deutsche, wanderten aber vor Generationen aus nach Russland. Sie selbst kehrten nun zurück ins Land der Vorfahren, und trafen in Traunreut aufeinander. Natürlich beherrschen sie beide Sprachen, »aber die Herzenssprache ist Russisch«, sagt Eugenia und lächelt bescheiden.

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Eugenia stammt aus Sibirien, Anastasia vom Ural-Gebirge, nahe der Grenze zu Sibirien. »Dieser Winter ist Balsam für meine Seele«, sagt Eugenia, befragt nach Dingen, die sie aus der Heimat – der Heimat, in der sie geboren und aufgewachsen ist – vermisst. »Wir hatten Winter mit sehr viel Schnee und Winterfrost«, aber »das war eine trockene Kälte«, ergänzt Anastasia. »Im Winter hatten wir minus 30, 40 Grad, im Sommer plus 30, 40 Grad«. Und, so sagt Eugenia, es ist »diese Weite«, an die sie manchmal noch wehmütig zurückdenkt. »Einkaufen konnten wir nur, wenn der Hubschrauber kam.« Zur Fortbewegung gab es Rentiere.

So, wie es Eugenie und Anastasia geht, mag es vielen anderen Aussiedlern auch gehen, die so ganz anders aufgewachsen und sozialisiert sind, als es hierzulande üblich ist. »Verstehen sie das nicht falsch, wir leben sehr gerne hier«, sagt Eugenia, aber es gebe zum Teil sehr große Unterschiede – nicht nur in der Sprache, auch in der Mentalität der Menschen.

Manche Aussiedler täten sich sehr schwer, offen zu sein. Kein Wunder, konnte doch in der Heimat eine freie Meinungsäußerung je nach gerade aktuellem Machthaber auch Zwangsarbeit und Tod bedeuten. »Daher ist für Viele das einzige Bezugssystem die Familie«, erklärt Anastasia. So sei es durchaus verbreitet, dass mehrere Generationen zusammenleben. »Und während die einen, bereits hier in Deutschland geborenen, Kinder perfekt russisch sprechen, wollen die anderen damit gar nichts mehr zu tun haben. Da ist jede Familie ganz individuell«, sagt Anastasia.

Gerade manch junger Mensch verkrafte die Entwurzelung aus der gefühlten Heimat, die andere Kultur und die zumindest unterschwellig spürbare Ablehnung nur schwer – und greife zu Alkohol oder Drogen, entwickle eine Ess- oder Fernsehsucht.

So wie Eugenias Sohn. Sie selbst hatte von seinen Problemen gar nichts mitbekommen. Erst, als er bei seiner Schwester übernachtete, fiel dieser auf, dass der Bruder drogenabhängig war. »Ich wurde bewusstlos und musste ins Krankenhaus. Ich hatte so viele Fragen. Ich war am Boden zerstört, depressiv und machte mir schwerste Vorwürfe«, so Eugenia. Es waren ihre Töchter, die ihr aus der ärgsten Not halfen.

Und sie hörte sich auch selbst um, was man tun könnte. Aber egal, ob Caritas-Fachambulanz oder Arzt, der mit drogenabhängigen Menschen arbeitet – überall hieß es »tut uns leid, aber ihr Sohn muss selbst kommen«. Und so schaffte es die Familie in einer gemeinsamen Kraftanstrengung, den Sohn zu einer Therapie zu bringen.

Dass aber auch sie selbst Hilfe braucht, merkte Eugenia lange nicht. Dazu kam das extrem ausgeprägte Schamgefühl, das es ihr unglaublich schwer machte, sich zu öffnen. Hilfe fand sie bei der Freien Christengemeinde, in der sie Anastasia traf, die als Psychologin auch beruflich Erfahrung mit suchtkranken Menschen und ihren Angehörigen hat.

Um nun andere betroffene Angehörige aus der Isolation herauszuholen, gründen Eugenia und Anastasia nun eine Selbsthilfegruppe in russischer Sprache. Kostenlose Treffen sind immer am ersten Montag im Monat in Traunreut in der russischsprachigen Christengemeinde »Weg der Errettung« Traunreut, Adalbert-Stifter-Straße 19. Auch ein Faltblatt in Russisch haben sie bereits erarbeitet. Hilfe finden Betroffene bei Eugenia unter Telefon 08669/35 89 39 oder beim Selbsthilfezentrum Traunstein unter Telefon 0861/20 46 692. coho