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Arbeiten unter erschwerten Bedingungen: Seniorenheime versuchen alles

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Traunreut: Seniorenheime versuchen alles in der Corona-Krise
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Gesellschaftsspiele sind auch in Corona-Zeiten bei den Bewohnern der Seniorenheime sehr gefragt – mit möglichst viel Abstand.

Traunreut – Bisher gab oder gibt es in keinem der beiden Traunreuter Seniorenheime einen Coronafall – und es wird auch alles dafür getan, dass es so bleibt. Das Personal dort arbeitet unter erschwerten Bedingungen, aber der Betrieb läuft.


Das Personal im »Pur Vital«-Pflegezentrum ist ziemlich komplett in der Arbeit, es gebe lediglich ab und zu die in dieser Jahreszeit üblichen Ausfälle wegen einer Erkältung. Wie Geschäftsführer Markus Mittermeier im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt erklärte, komme es jetzt besonders darauf an, dass die Mitarbeiter sämtliche Hygienevorschriften beachten, denn durch die Sperrung der Häuser für Besucher könnten nur noch sie das Virus hineintragen. »Mindestabstand halten und keine Ansammlungen unter den Angestellten abhalten« lautet hier neben anderen Beschränkungen die Devise.

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Im AWO-Seniorenzentrum gab es bereits einzelne Fälle, in denen Mitarbeiter daheim bleiben mussten, weil in ihrem persönlichen Umfeld Verdachtsfälle auftraten. »Dann wird es schon mal eng«, betonte Einrichtungsleiterin Nanni Oster. Aber grundsätzlich sei das Personal noch so vollständig in der Arbeit, dass kurzfristig sogar jemand ins AWO-Heim nach Burghausen geschickt werden könnte, um dort auszuhelfen.

»Das ist lächerlich wenig«

Zunehmend schwierig werde es allerdings offenbar bei der Schutzbekleidung. »Wir haben nur noch wenige Kittel oder Masken und fragen schon überall herum. Aber es gibt einfach nichts mehr zu kaufen«, erklärte Nanni Oster. Völlig perplex sei sie gewesen, als sie am Mittwoch das von der Landesregierung angekündigte zusätzliche Material in Empfang nahm. Sie sei extra mit einem größeren Auto zur Abgabestelle gefahren, da sie erwartete, mehrere Kisten voll zu bekommen.

Am Ende waren es für das Traunreuter Seniorenzentrum genau zehn Schutzmasken und ein Liter Desinfektionsmittel, »das ist lächerlich wenig«. Eine Spende von mehreren Masken erhielt das Heim vom Bodenleger, der im vergangenen Jahr in dem Haus in der Dresdner Straße neue Böden verlegt hat. Er kauft immer größere Mengen der Masken ein, die er für bestimmte Arbeiten benötigt, und gab davon gerne welche ab.

Eine Herausforderung an das Personal ist auch die Beschäftigung der Bewohner, die man auf keinen Fall einfach nur im Zimmer sitzen lassen will. »Da müssen wir jetzt alle Register ziehen und uns was einfallen lassen«, betonte Erich Schindler, Hausleitung im »Pur Vital«. Bei der AWO werden die Pflegeschüler, die jetzt wie alle anderen Schüler keinen Unterricht haben, von der Pflege befreit und neben festen Zeiten fürs Lernen in der Betreuung eingesetzt. Sie spielen beispielsweise mit den Bewohnern Bingo, machen Musik, singen oder lesen ihnen vor – lauter Sachen, die mit dem entsprechenden Abstand zu den Senioren möglich sind.

Die Aktivitäten beschränkten sich nun auf die Wohnbereiche und es gebe keine größeren Veranstaltungen, bei denen das ganze Haus zusammen komme. Auch Markus Mittermeier weiß: »Die Betreuung in diesen Tagen ist Schwerstarbeit. Die fitteren Bewohner sollen ja auch in Bewegung gehalten werden, obwohl sie nicht rauskönnen.«

Ein Sonderfall sind Senioren mit Demenz, die von Corona nichts wissen und nicht verstehen können, warum jetzt auf einmal alles anders sein soll. »Dabei sind gerade Demenzkranke so sehr auf Körperkontakt angewiesen«, weiß Irmtraud Weber, Pflegedienstleitung bei der AWO. Viele demente Bewohner kennen das Pflegepersonal schon sehr lange und deshalb versuchen die Mitarbeiter auch, trotz aller Vorkehrungen körperlichen Kontakt herzustellen. »Pflege an sich ist ja etwas sehr Intimes, man ist immer sehr nah dran am Menschen. Und gerade die Bewohner mit Demenz müssen einfach körperliche Nähe spüren können, das brauchen sie. Man kann ihnen nicht erklären, dass das jetzt nicht mehr geht«, betont Irmtraud Weber.

Größtenteils verständnisvoll reagieren offenbar die Angehörigen, die nicht mehr zu Besuch kommen dürfen. Ihnen wurde der Zugang zu den Häusern bereits eine Woche vor der offiziellen Ausgangsbeschränkung verwehrt. In manchen Fällen brauche es zwar viel Aufklärungsarbeit und telefonische Beruhigung, aber die Verwandten sehen die Notwendigkeit dann doch ein. Manche brächten Mitbringsel oder kleine Geschenke bis zur Tür und die Mitarbeiter gäben diese dann an die jeweiligen Bewohner weiter. Ausnahmen werden gemacht, wenn jemand im Sterben liegt. Dann dürfen die Verwandten sich selbstverständlich verabschieden.

Rosen als Dankeschön an die Mitarbeiter

Bei aller Sorge um die alten Bewohner der beiden Häuser, ist auch die Fürsorge für das Personal sehr wichtig. »Ich versuche, meine Mitarbeiter bei Laune zu halten«, sagte Nanni Oster, die beispielsweise vor wenigen Tagen Rosen als kleines Dankeschön an alle verteilt hat. Auch für Erich Schindler steht fest, dass er sich um seine Leute kümmern muss, »denn wenn die Mitarbeiter relaxt sind, wirkt das auch beruhigend auf die Bewohner«. Obwohl die Belastung derzeit für alle sehr hoch ist, sind die beiden Einrichtungsleiter zuversichtlich, dass die Krise überstanden werden wird. mix


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