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Vollgeladen mit Lebensmitteln, Decken und Hygieneartikeln waren die vier Kleinbusse und Transporter, mit denen Ben Krieg und fünf Freunde an die ungarisch-ukrainische Grenze fuhren. Als sie am Bahnhof die Heckklappen öffneten, baten die Helfer sofort nach den Decken. Bei der Rückfahrt nahmen die Fahrer Menschen aus der Ukraine mit nach Deutschland.

Einmal Grenze und zurück: Familie aus Hufschlag organisierte Transport

Surberg – Es sind Bilder und Erlebnisse, die einen so schnell nicht mehr loslassen: Ben Krieg aus Hufschlag hat mit seiner Frau Stefanie und vielen Freunden, Verwandten, Nachbarn, Bekannten eine Hilfslieferung für die Menschen in der Ukraine organisiert. Mit vier Transportern voller Lebensmittel, Hygieneartikel, Decken und Medikamente sind sie an die ungarisch-ukrainische Grenze gefahren und haben auf dem Rückweg Menschen auf der Flucht mitgenommen.  


In einem Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt schildern sie Eindrücke von der Reise und der spontanen Hilfsbereitschaft zu Hause. »Das war wirklich überwältigend«, ist die Vierfach-Mutter Stefanie auch Tage danach noch ergriffen. Klar ist ihnen aber auch, die Hilfe muss nachhaltig sein. Die Menschen brauchen auch in Wochen und Monaten noch Unterstützung. Und sie muss gut organisiert und abgesprochen sein. Purer Aktionismus bringt nicht viel.

Dabei begann auch bei ihnen alles recht spontan: »Zack, die Gelegenheit nutzen wir«, schildert Ben Krieg die Anfänge. Ein Freund aus seinem Motorcrossverein X-Leo bei Wasserburg hatte angefragt, wer ihn an die ungarisch-ukrainische Grenze begleiten würde, um Menschen auf der Flucht zu helfen. Über den Verein bestehen Verbindungen nach Ungarn. Der selbstständige Versicherungskaufmann überlegte nicht lange. »Ich hab' einen Transporter vor der Tür.« Zwei weitere Vereinsmitglieder meldeten sich. Leer hinfahren wollten sie nicht. Also leierten er und seine Frau binnen zweieinhalb Tagen eine Hilfsaktion in ihrem Umfeld an. Stefanie teilte in verschiedenen Whatsapp-Gruppen ihr Anliegen und gab an, was gebraucht wird. Dafür hatten sie sich vorher mit dem Malteser-Hilfsdienst abgesprochen und Kontakt geknüpft zu einer katholischen Organisation in der ungarischen Grenzstadt Záhony.

Fast minütlich klingelte es dann an der Tür. Nachbarn, Freunde, Bekannte, Unbekannte – sie alle brachten Hygieneartikel, Decken oder »standen mit einer Geldspende vor der Tür«, erzählt Stefanie. Mit dem gespendeten Geld – 4000 Euro kamen in Kürze zusammen – bestellten sie Lebensmittelkonserven, Nudeln und Brühe in großen Mengen, besorgten Medikamente, Wärmflaschen und auch Tierfutter. Zudem fragten sie bei Firmen um Unterstützung an. 800 Liter Milch von den Milchwerken Berchtesgadener Land, 1000 Liter Getränke von Adelholzener Alpenquellen, 400 Brotzeit-Packerl von der Privatkäserei Bergader, 50 Kilogramm Brot von der Bäckerei Kotter, Paletten mit bunten Eiern vom Geflügelhof Brandstätter, Lebensmittel vom Dorfladen in Traunstorf, vergünstigte und zum Teil kostenlose Medikamente von der St.-Georg-Apotheke, Geld vom Sport- und Therapiezentrum Traunstein-Haslach Traunstein. Diese Liste ließe sich durch private Spenden unendlich fortsetzen.

In Hufschlag wurden die Sachen sortiert und die Kisten in vier Sprachen beschriftet. Die Kinder packten derweil kleine Säckchen mit Essen und Trinken für die Menschen, die sie mit zurücknehmen wollten. Schließlich waren die Fahrzeuge voll und die Fahrt sollte beginnen, als Kriegs noch eine Sache einfiel: Kindersitze. Kurz per Whatsapp angefragt, »stand eine Stunde später die Einfahrt voll mit Kindersitzen«, erzählen beide.

Zusammen mit fünf Freunden fuhr Ben Krieg an die ungarisch-ukrainische Grenze – in neun Autostunden von Hufschlag aus zu erreichen. »Der Krieg ist nur einen Katzensprung von uns entfernt«, wurde dem Familienvater einmal mehr bewusst. In den Urlaub würden viele länger fahren.

In der Stadt Záhony an der Grenze zur Slowakei und der Ukraine lieferten sie die Hilfsgüter ab. »Können wir bitte gleich die Decken haben«, sagte eine Helferin, als sie am Bahnhof die Hecktüren der Fahrzeuge öffneten. Auch die Seifenblasen, die Stefanie Krieg für die ankommenden Kinder besorgt hatte, kamen gleich in gute Hände. Als Ben nach dem Abladen in den Bahnhof ging, flogen bereits kleine und große Seifenblasen durch die Eingangshalle. »Das muss man wirklich sagen: Die Ungarn sind so aufopfernd und kümmern sich liebevoll um die Leute, die ankommen. Jeder bekommt dort sofort etwas zu essen und zu trinken, auch für die Tiere verteilen sie was. Das ist beeindruckend.«

Mit einem Schild in ukrainischer Sprache »Wir wollen helfen. Transport nach Deutschland« stellten die sechs Helfer sich schließlich in den Bahnhof. Unterbringungsmöglichkeiten hatten sie schon vor der Reise organisiert. Die Menschen seien vorsichtig. Sie wissen, dass Menschenhändler unterwegs sind. Eine Frau mit kleinem Kind, die schon im Auto saß, wurde plötzlich nervös und wollte wieder aussteigen, schildert Ben das Erlebte. 15 Menschen nahmen sie am Ende mit. In Bens Fahrzeug saß eine vierköpfige Familie – eine Mutter mit ihrer Tochter, dazu Oma und Opa. Sie waren bereits seit sieben Tagen unterwegs, kamen aus Kiew und wollten zum Bruder/Sohn nach Düsseldorf. Anfangs noch unsicher, die Taschen zwischen die Knie geklemmt, saßen sie mit ihren Jacken im Auto – absprungbereit. Erst nach Telefonaten mit dem Bruder in Deutschland entspannten sich seine Mitreisenden, erzählt Ben weiter. Er brachte die Ukrainer, weil es schon spät am Abend war, zunächst bei der Bekannten einer Nachbarin unter, wo sie sich zwei Tage erholten, ehe sie mit dem Zug nach Düsseldorf weiterreisten. Überglücklich meldete sich der Bruder nach deren Ankunft und lud Ben Krieg samt Familie nach Kiew ein, wenn alles überstanden ist.

»Die wollen alle wieder nach Hause«, ist der 44-Jährige überzeugt und bewegt zugleich von der Dankbarkeit und Demut der Menschen, die er getroffen hat. »Die Ukraine ist kein Entwicklungsland. Das sind Menschen wie wir.« Ben Krieg befürchtet, dass es nicht lange dauern wird, ehe in Deutschland wieder eine Neiddiskussion losbricht. »Aber mit der Situation 2015 hat das nichts zu tun.« Kriegs wollen weiter helfen und vor allem Danke sagen bei allen, die sie so kräftig unterstützt haben.

ka