»Hungerbaum« in Staudach-Egerndach sorgt für Hingucker

Bildtext einblenden
Altes Brauchtum: Der »Hungerbaum« weist darauf hin, dass Elke und Andi nach siebenjähriger Beziehung noch nicht verheiratet sind. (Foto: Eder)

Staudach-Egerndach – Da staunte Andreas Fritzenwenger, als er von einem lustigen Grillabend heimkam und vor seinem Haus einen großen, ungewöhnlichen, mit ausrangierten Dingen behängten Baum sah. Seine Freunde hatten ihn heimlich auf der Wiese gegenüber dem Parkplatz des Gasthofs »Zum Ott« weithin sichtbar aufgestellt.


Skurril schaut der hohe Baum aus. Ungewöhnlich sind auch die »Früchte«, bestehend aus allerlei Gerümpel wie einer Klobrille, einem Vogelkäfig, Pfannen und Töpfen, Plastikschüsseln, einer Babybadewanne, altem, ausgedientem Spiel- und Werkzeug, Uhren und Dosen, Nummernschildern und vielem mehr. Ein Fahrrad hängt an dem kurios geschmückten Baum, auch ein Schild mit der Aufschrift »Elke und Andi« wurde angebracht. Was hat es mit diesem sonderbaren »Hungerbaum« auf sich?

Die Antwort gab Andi Fritzenwenger selbst. Denn dieser Baum wurde ihm und seiner Lebensgefährtin, beziehungsweise ihrem Beziehungsstand, gewidmet. Dem Brauch nach werde ein Hungerbaum dann aufgestellt, wenn ein Paar nach sieben Jahren Beziehung immer noch nicht verheiratet ist, erklärt er.

Die Aktion fußt auf einem uralten Brauch. Früher konnte der Sohn eines Bauern erst nach der Hofübergabe heiraten. Vorher hätte er nicht für seine Familie sorgen können. Mancher Vater zog die Übergabe jedoch hinaus – und mit dem Hungerbaum wurde darauf hingewiesen, dass es langsam Zeit für die Übergabe und für das Heiraten ist.

Dürre Zweige wiesen dabei auf die langsam verdorrende Liebe des noch nicht vermählten Paares hin. Der Brauch wurde erst vor einem Jahrzehnt wieder aufgegriffen und abgeändert angewandt.

»Ich habe von nichts gewusst«, beteuert Andreas Fritzenwenger und erzählt, dass er von den Freunden bewusst aus dem Haus gelockt worden war. Während er mit Freundin und Mutter gemütlich beim Grillen war, herrschte vor seinem Haus rege Betriebsamkeit. Mit Hilfe eines Baggers wurde von den 16 Freunden ein Loch gegraben, der Baum mühsam aufgestellt und befestigt und eine Toilettenschüssel davorgestellt und bepflanzt.

»Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir heimkamen«, sagte Fritzenwenger und erklärte, dass sich die Freunde versteckt hielten und auf die Reaktion warteten. Als sich der erste Schock legte und der Baum inspiziert war, kamen die Freunde mit ihrem Regelbuch, das von den Aufstellern, aber auch von dem neuen Besitzer unterzeichnet wurde.

»Ich musste mich verpflichten, den Baum in der Adventszeit österlich zu schmücken und Ostern den Baum weihnachtlich herzurichten. Außerdem muss die Kloschlüssel immer bepflanzt sein. Ich darf den Baum auch nicht entfernen. Immer wenn ich gegen die Auflagen verstoße, muss ich eine Feier für die Freunde ausrichten«, erzählt er leicht amüsiert. Zudem müsse er jeden Monat ein Selfie mit sich und seiner Freundin vor dem Baum schießen, es in der Gruppe »posten« und ein Foto davon in das Regelbuch einkleben. Ebenso verpflichtete er sich, für die Baumaufsteller einen Martinszug zu organisieren und für entsprechende Bewirtung sorgen.

Andreas Fritzenwenger nimmt die Aktion seiner Freunde mit viel Humor. Ob er der Aufforderung, nun doch endlich vor den Traualtar zu schreiten, nachkommen wird, sagt er nicht. Dies ist aber eine Entscheidung, die seine Freunde auch mit dieser lustigen Aktion nicht beeinflussen können. Mit einer Heirat wäre er jedenfalls von allen Verpflichtungen befreit. »Eine kleine Rache wird es für den Hungerbaum schon noch geben«, sagt Andi Fritzenwenger. Ein paar lustige Streiche hat er bereits im Kopf. Elke und Andi können aber sicher sein, dass sie sehr gute Freunde haben. Denn nur wenige würden sich eine solche Mühe machen und so viel Zeit investieren.

tb