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»Kirche ist nicht völlig belanglos«

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Das evangelische Pfarrerehepaar Judith und Michael Krauß verlässt Siegsdorf Ende des Monats. Frühestens im November wird die Stelle neu besetzt.

Siegsdorf – Die Passionszeit erinnert an die Leidenszeit Jesu Christi, sie ist eine Zeit der Rückbesinnung und inneren Einkehr und mündet im Osterfest, dem ältesten und wichtigsten Fest des Christentums. Es werden Tod und Auferstehung gefeiert. In der evangelischen Kirchengemeinde in Siegsdorf ist diese Zeit zugleich verbunden mit einem Abschied. Nach zehn Jahren wird das engagierte und beliebte Pfarrerehepaar Krauß mit seinen drei Kindern die Pfarrei verlassen. Sie treten am 1. Mai ihre neue Stelle in der Kirchengemeinde Brannenburg (Dekanat Rosenheim) an.


»Es ist ein Wechsel, der uns unendlich schwer fällt, da wir hier zu Hause sind und eine tolle Gemeinde hatten«, sagt Pfarrerin Judith Krauß (39). Dennoch ist es für die Familie jetzt der beste Zeitpunkt. Rückblickend freut sie am meisten, dass »wir mit den Menschen gemeinsam in der Gemeinde leben durften und die Menschen Kirche nicht nur konsumiert haben. Das empfinde ich als Geschenk«. In Siegsdorf wird frühestens zum 1. November ein Nachfolger in das Pfarrhaus neben der evangelischen Kirche einziehen.

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Im Sommer 2009 war das Pfarrerehepaar nach Siegsdorf gekommen. Da ihre Stelle zuvor viel Verwaltung beinhaltete, wollten sie »stärker seelsorgerisch, familienbezogen und inhaltlich am Gemeindeaufbau mitwirken«. Und der Plan ist aufgegangen. »Wir waren hier und es hat gleich gepasst«, erinnert sich die Pfarrerin im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Sie setzten den Schwerpunkt auf die Jugend- und Familienarbeit, veranstalteten monatliche Familiengottesdienste, organisierten jährliche Kinderfreizeiten und führten die »Konfi3 plus noch viel mehr« in allen vier Dörfern der evangelischen Kirchengemeinde – Siegsdorf, Inzell, Ruhpolding und Reit im Winkl – ein.

Pfarrerin Judith Krauß begann mit einem »Vorkonfirmandenunterricht« bereits in der dritten Klasse mit monatlichen Treffen bis zur Konfirmation in der achten Klasse. »Wir wollen Menschen an die Kirche binden«, ist ihrer beider Anliegen. Gerade auch vor dem Hintergrund steigender Kirchenaustritte dürfe man Menschen nicht mehr in die Situation kommen lassen, dass sie nichts mehr mit Kirche zu tun haben. »Kirche ist nicht völlig belanglos!« Dazu gehört aber auch, dass sie gut sein wollen, wenn die Menschen zu ihnen in die Kirche kommen. »Jeder soll sich dann willkommen und ernst genommen fühlen.« Regeln seien wichtig, im Zusammenleben wie in der Kirche. Aber man müsse die Menschen über die Regeln stellen. »Die Botschaft ist wichtiger, als die Struktur«, wehrt sich Judith Krauß gegen zu starre Abläufe. Allen recht machen konnten sie es nicht.

Sie haben vieles bewegt. Im aktuellen Gemeindebrief der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde dankt Pfarrer Thomas Schmeckenbecher beiden für »eine spannende und bereichernde Zeit, in der wir sehr viel in der Gemeinde vorangebracht haben«. Er erinnert sich gern an die Konfifreizeiten, Bergtouren und Taizéfahrten – Dinge, die ihm in seiner evangelischen Jugendzeit so wichtig gewesen seien. Judith und Michael Krauß selbst schreiben auch über schöne Erinnerungen, die sie in ihren Koffer packen und mitnehmen werden. Darunter die »beglückende Erfahrungen im Altenheim«, wo die Altersweisheit konfessionelle Schranken hinter sich lasse, oder die »menschliche und theologische Bereicherung durch die Flüchtlingsarbeit«.

Viel Platz im Koffer wird auch Michael Krauß Alphorn einnehmen. Neben dem Seelsorgeschwerpunkt Siegsdorf kümmerte er sich zusätzlich um die Tourismusangebote der Kirchengemeinde. Und in diesem Zusammenhang hat er vor ein paar Jahren eine Alphorngruppe gegründet, die bei Berggottesdiensten oder zu Weihnachten spielte. Sie lassen vieles zurück, nehmen aber auch allerhand mit in ihre neue Stelle. Sie ist vom Profil her ähnlich. Das wollte die Familie auch, denn »wenn man das tut, was man gern tut, kann man es gut tun«.

Wie es in Siegsdorf weitergeht, ist noch nicht klar. Sechs Monate Vakanz sind festgelegt. Die Stelle ist in der Bayerischen Landeskirche ausgeschrieben. »Wir hoffen auf eine Besetzung zum 1. November«, so Pfarrer Schmeckenbecher. Im Gemeindebrief werden die Gläubigen aber schon darauf vorbereitet, dass es länger dauern könnte und man mit Kompromissen leben müsse. In Siegsdorf werden Schmeckenbecher und sein Kollege Thomas Seitz aushelfen.

Der offizielle Gottesdienst zur Verabschiedung des Pfarrerehepaars Krauß ist am 1. Mai um 9.30 Uhr in der evangelischen Kreuzkirche in Siegsdorf. Am morgigen Ostersonntag findet um 9.30 Uhr der letzte Kindergottesdienst mit den beiden statt. ka