Geldstrafe bis zu 50 Mark oder Haft bis zu drei Tagen

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Ein Schreiben an ihren Großvater Theodor Macke aus dem Jahr 1920 entdeckte Angelika Schacht zufällig in ihren Sachen. Die Polizeibehörde Hamburg hatte ihren Opa unmissverständlich aufgefordert, den elfjährigen Eitel-Fritz zum Impfen gegen Pocken zu bringen – unter Androhung von Strafen. (Foto: Pültz)

Siegsdorf – Impfen war Pflicht – damals im Jahr 1920. Wenn die Eltern ihre Töchter und Söhne nicht zur Vorsorge gegen die Pocken brachten, dann mussten sie mit empfindlichen Strafen rechnen. Auch Theodor Macke in Hamburg bekam ein Schreiben der Polizeibehörde zugestellt, das unmissverständlicher kaum hätte klingen können: »Eltern, Pflegeeltern oder Vormünder, deren Kinder und Pflegebefohlenen ohne gesetzlichen Grund und trotz erfolgter amtlicher Aufforderung der Impfung oder der ihr folgenden Gestellung entzogen geblieben sind, werden mit Geldstrafe bis zu fünfzig Mark oder mit Haft bis zu 3 Tagen bestraft.«


Theodor Macke war der Großvater von Angelika Schacht, die vor vielen Jahrzehnten aus dem Norden Deutschlands in den Süden zog und in der Gemeinde Siegsdorf mittlerweile tiefe Wurzeln geschlagen hat.

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Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt erzählt die heute 84-Jährige, dass sie das Schreiben an ihren Opa zufällig gefunden habe, als sie in alten Sachen gestöbert habe. Sie habe die Reminiszenz genau einen Tag vor ihrer eigenen Impfung entdeckt. Und das Erinnerungsstück habe sie dann noch einmal in ihrem Beschluss bestärkt, sich vor Corona und Covid zu schützen.

Selbstverständlich habe sie sich impfen lassen, erzählt die 84-Jährige. Und sie macht kein Hehl daraus, dass sie zu jenen Bürgern gehört, die in der Impfung die einzige Chance sehen, den Kampf gegen das Corona-Virus zu gewinnen. Und in diesem Zusammenhang erzählt sie auch: »Meine Schwester ist an Corona gestorben.«

Kann heute jeder in der Bundesrepublik selbst frei entscheiden, ob er sich gegen das Corona-Virus und die Covid-Erkrankung impfen lässt, so hatten die Vorfahren vor hundert Jahren in der Weimarer Republik keine Wahl gehabt. So galt auch nach dem Ende des Deutschen Kaiserreichs immer noch das Gesetz vom 8. April 1874: Dieses »Reichsimpfgesetz« schuf einen Impfzwang gegen Pocken und drohte all jenen, die der Aufforderung, sich und andere zu schützen, nicht nachkamen, mit Strafen.

Auch in Hamburg im August 1920 bestand die Pflicht, sich gegen die Pocken zu wappnen. Die Polizeibehörde wandte sich an Theodor Macke und teilte ihm in Auslegung des Paragrafen 1 des Reichsimpfgesetzes vom 8. April 1874 mit, dass der elfjährige Eitel-Fritz im Laufe des Jahres der Wiederimpfung zu unterziehen sei. Er sei nur dann befreit, wenn er »nach ärztlichem Zeugnis ohne Gefahr für sein Leben oder für seine Gesundheit nicht geimpft werden kann oder innerhalb der letzten fünf Jahre mit Erfolg geimpft worden ist oder die natürlichen Blattern überstanden hat«.

Für die »Öffentlichen Impfungen im Jahre 1920« galten zahlreiche Bestimmungen. Den Wiederimpflingen und ihren Angehörigen war unter anderem gesagt – wie Theodor Macke im Schreiben der Polizeibehörde Hamburg weiter lesen konnte – , dass die Pocken eine »gefährliche und in hohem Grade ansteckende Krankheit« seien. Und weiter: »In früheren Jahren, bevor die Impfung allgemein eingeführt war, sind alljährlich Tausende von Menschen im Deutschen Reiche an dieser Seuche gestorben; viele der dem Pockentod Entronnenen sind zeitlebens durch die Blatternnarben entstellt geblieben. Wenn heutzutage die Pocken der Bevölkerung eine fast unbekannte Krankheit geworden sind, so ist dies der durch das Reichsimpfgesetz überall eingeführten Impfung zu verdanken.«

Nicht vermerkt ist auf dem Schreiben jedoch, ob Theodor Macke den elfjährigen Eitel-Fritz damals auch tatsächlich zum Impfen gebracht hat. Sicherlich ist aber davon auszugehen, dass Recht und Gesetz im Hause Beachtung fanden. Und überhaupt: Wer mag schon gern ins Gefängnis gehen?

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