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»Dieses Lebensgefühl auf Rädern würde ich nie hergeben«

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Alles original ist an der Ente von Dr. Wolfgang Maier – bis auf die Rallye-Beschriftungen links und rechts der hinteren Seitenscheiben und das Kissen des TSV 1860 München auf der Rückbank. (Foto: Hohler)

Siegsdorf – »Die Ente ist unser fünftes Kind«, sagte Dr. Wolfgang Maier und lacht, und seine Frau Helga pflichtet ihm bei. »Wenn der Ente etwas fehlt, leiden wir richtig mit«.


Der gebürtige Unterwössner war noch Student, als diese große Liebe begann. Die ersten Fahrten in der Ente waren die nach München zum Medizinstudium mit einem Kommilitonen aus Unterwössen, der im Ablagefach Strafzettel sammelte. »Wir haben uns mit der Ente in die Kurven gelegt, das war eine wahre Pracht«.

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Für die Reise mit seinem Freund Franz Öttl, einem Kunststudenten, zu den Kunststätten an der Westküste der Türkei hatten die beiden Freunde ein Auto gesucht, das günstig und robust war – und das die damals gerade unter Studenten verbreitete, konsumkritische Lebenshaltung zum Ausdruck brachte.

Ein Gebrauchtwagen wäre nie infrage gekommen

Und als er sein erstes eigenes Auto bekam, war den Eltern die Sicherheit wichtig – ein gebrauchtes Auto wäre nie infrage gekommen. Es sollte ein Neuwagen sein. So kam Dr. Wolfgang Maier beim damaligen Traunsteiner Citroën-Händler zu seiner ersten, einer grünen, Ente.

Viele Jahre sind vergangen. Nach einer Zeit in Niederbayern war Dr. Maier zuletzt Leitender Oberarzt im Vinzentinum. Da fuhr schon auch mal eine Klosterschwester mit in der Ente. Oder auch der Unterwössner Bildhauer Andreas Kuhnlein.

Inzwischen hat er das Berufsleben hinter sich gelassen, die vier Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Die Liebe zur Ente teilen sie mit den Eltern, auch wenn sie selbst keine mehr haben. »Heutzutage kriegt man kaum noch eine Ente in einem guten Zustand«, erklärt Helga Maier.

Da ist der jetzige taubenblaue 2CV eine rühmliche Ausnahme. Er lief acht Tage vor dem endgültigen Produktionsstopp in Portugal 1990 vom Band – und wurde aufgebockt für 21 Jahre konserviert und eingelagert. Seit der Erstanmeldung im Jahr 2011 wird er liebevoll umsorgt, gehegt und gepflegt und ist Ente Nummer fünf in der Familie – für Dr. Maier ist es die dritte, auch seine Frau hatte zwei. »Der kriegt Super plus 98 Oktan« – der luftgekühlte Zwei-Zylinder-Boxermotor dankt es mit gleichmäßigem Schnurren.

Dass die aktuelle Ente noch so gut in Schuss ist, liegt nicht zuletzt daran, dass sie nur trocken in die Garage kommt. »Das habe ich von meinem Vater gelernt«, sagt Dr. Maier. »Der hatte immer wunderschöne Autos, die ewig hielten – er hätte sie aber nie nass abgestellt«. Und so gehört zur Grundausstattung vor jeder Fahrt die Vileda-Ausrüstung, damit dem Blech kein Roststäubchen schaden kann.

Im Frühjahr wachküssen wie Dornröschen

Natürlich haben Maiers auch noch ein ganz alltägliches Allwetterauto. Die »Ente« ist nur von Mai bis Oktober zugelassen. Im Winter steht sie eingemottet in einer Garage. »Dass sie im Frühjahr nie gleich anspringt, ist eigentlich Standard. Da muss man sie wie Dornröschen erstmal wachküssen«, sagt Dr. Maier und lacht.

Und auch im Sommer ist sie ein reines Schönwetterauto – deswegen hat sie auch erst 15 490 Kilometer auf dem Tacho. Sollte es doch einmal regnen, sucht Dr. Maier so schnell wie möglich ein regensicheres Plätzchen auf, etwa unter einer Brücke, so wie bei der größten Ausfahrt, die die Maiers im letzten Jahr unternahmen zum Welt-Enten-Treffen in Samobor bei Zagreb – »und das alles ohne Navi, ABS oder Klimaanlage«.

Dabei begeisterte die Maiers durchaus die eingeschworene Gemeinschaft der »ENThusiasten«. Und während es bei dem Treffen alle möglichen und unmöglichen Umbauten zu bestaunen gab, erregte die Ente der Maiers vor allem durch ihren vollkommen unrestaurierten Originalzustand Aufsehen. »Bei einem anderen Treffen am Samerberg konnte es ein Mechaniker gar nicht glauben, wie gut und original unsere Ente noch erhalten ist«, sagt Dr. Maier. Weder die nachträglich angebotenen Kopfstützen noch einen zweiten Außenspiegel hat Dr. Maier an- oder einbauen lassen. Sicher fühlt er sich bei Ausfahrten trotzdem. »Es kommt ja immer auf die eigene Fahrweise an. Dazu gehört viel Sicherheitsabstand. Und man fährt im 2CV deutlich entschleunigter als in jedem anderen Auto. Das hat ja fast schon therapeutische Wirkung – bis auf die Aggressivität der anderen Autofahrer, denen wir mit 80 km/h zu langsam sind.«

Die Kurvenlage und die weichen Sitze begeistern

Außerdem begeistern die Maiers die Kurvenlage, die Federung und die weichen Sitze »wie ein französisches Sofa, das ist einmalig. Ich glaube, das Geheimnis ist, dass das Auto so einfach und trotzdem so zuverlässig ist.«

Über wohlmeinende Ratschläge wie »ihr habt doch vier Kinder, ihr braucht doch ein stabiles Auto, einen SUV« können Maiers nur lachen. »Gar nichts brauch' ich«, sagt Dr. Maier. »Glauben Sie mir, dieses Lebensgefühl auf Rädern würde ich niemals hergeben.« coho

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