Römische Spolien werden wissenschaftlich untersucht

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Dieser wunderbar verzierte Quaderstein zierte einst die Außenfassade des frührömischen Tempels von Bedaium, dem heutigen Seebruck. (Foto: Müller)

Seeon-Seebruck – Der Leiter der Abteilung Römerzeit an der Archäologischen Staatssammlung München, Dr. Bernd Steidl, kam nach Seebruck, dem römischen Bedaium, um sich mit Gemeindevertretern ein Bild von den antiken Spolien (Architekturbauteile) zu machen, die seit vielen Jahren auf dem Museumsvorplatz und der südlich angrenzenden Wiese zu bestaunen sind.


Es handelt sich dabei um Quadersteine aus Untersberger Marmor des einstigen römischen Tempels, der in der Spätantike (um 300 nach Christus) angesichts zunehmender feindlicher Germaneneinfälle durch ein quadratisches steinernes Kleinkastell ersetzt wurde. In dessen Grundriss steht heute die katholische Pfarrkirche St. Thomas und St. Stephan.

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Untersuchungen starten Mitte September

Wie Steidl ankündigte, wolle er die teilweise einige Hundert Kilogramm schweren, geschichtsträchtigen, Steine ab Mitte September von Wolfgang Schmidt zeichnen, fotografieren und vermessen lassen, um weitere wichtige Informationen über den Tempelbau zu erhalten. Zudem will der provinzialrömische Archäologe nach eigener Aussage auch, sobald es neue Erkenntnisse gibt, in Seebruck anschauliche Infotafeln erstellen.

Die überregionale Bedeutung des frührömischen Tempels von Bedaium, wo einheimische, durchreisende und pilgernde Römer aus nah und fern insbesondere den lokalen See- und Flussgott Bedaius verehrten, zeigt sich auch an dessen allem Anschein nach prächtigen Erscheinungsbild, auf das unter anderem eine besonders schöne Verzierung auf einer Spolie hindeutet.

Auch an einem weiteren Römerstein, der an der Nordseite des Kirchenschiffes (Außenwand) verbaut ist, lässt sich noch eine auffällige reliefähnliche Ornamentik erkennen. Ebenso erwähnenswert sind die an einigen Quadersteinen sichtbaren Verzapfungen, an denen noch alte Eisen- und Bleirückstände aus der Römerzeit auszumachen sind. Sie halfen den Römern, die Steine exakt aneinander zu verbauen.

Ins Auge stechen zudem die sogenannten »Wolf-Löcher«, mit deren Hilfe die Römer die schweren Quadersteine beim Bau mittels des Hebesystems »Wolf« – einer Art Flaschenzug – nach oben zogen und an die gewünschte Position setzten. Viele der am Museumsvorplatz befindlichen, antiken Architekturbauteile waren im letzten Jahrhundert im Seebrucker Friedhofsbereich beziehungsweise bei Renovierungsarbeiten in der Pfarrkirche entdeckt worden.

Dabei kamen auch römische Grabsteine ans Tageslicht. Auftraggeber der geplanten Spolien-Vermessungsaktion ist die Gemeinde, die auch die Kosten übernimmt. Gefördert wird das Ganze über das EU-Maßnahmenprogramm Leader als Teil des vor drei Jahren erfolgreich angelaufenen Projekts »Römerregion Chiemsee«.

Einem Zufall und der Spürnase der damaligen Museumsleiterin Andrea Krammer war es 2015 zu verdanken, dass an der von 1474 bis 1478 gebauten Seebrucker Pfarrkirche ein Mauerrest des frührömischen Bedaius-Tempels entdeckt wurde.

Krammer fiel damals beim routinemäßigen Blick in die Urnengräber-Grube an der Südwestseite ein heller Fleck im Profil auf. Diakon Georg Oberloher beauftragte da­raufhin eine Münchner Grabungsfirma, die das Mauerstück freilegte, vermaß und dokumentierte. Auffallend war, dass die entdeckte Tempelmauer kurz vor dem Kirchturmfundament abbrach – nicht ohne Grund.

Unerwartete Probleme beim Neubau

Beim Neubau des Kirchturms (1842 bis 1847) kam es 1843 zu unerwarteten Problemen. Wie der frühere Pfarrer Jakob Weyerer in seinem 1930 veröffentlichten Buch »Seebruck – Eine Studie zur Heimatkunde« schreibt, begann sich der bereits 23 Meter hohe Turm »gen Westen zu neigen und drohte einzustürzen«. Als Grund führte er die »Westmauer des Römerkastells« an, auf der der Kirchturm »in fünf Fuß Tiefe« auf einer Seite geruht habe.

Wie Weyerer weiter ausführte, habe der Turm wieder vollständig abgetragen werden müssen. Um den neuerlichen Turmbau nicht zu gefährden, habe man sich für den »gänzlichen Abriss« der Römermauer entschieden. Dass es die Tempel- und nicht die spätantike Kastellmauer war, wusste man damals freilich noch nicht. Erst 2012 hat Dr. Steidl die Öffentlichkeit im Rahmen eines Vortrags über die damals ganz neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse informiert. mmü


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