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Kerstin Gründel in ihrem Salon an der Altenmarkter Straße 1 in Seeon. Am Tag vor Heiligabend wird sie ihn ein letztes Mal für ihre treuen Kunden öffnen. Dann kommt das Inventar nach Ahrweiler. Gründel hat seit einer Hüft-OP Probleme. Das lange Stehen fällt ihr schwer, deshalb hört sie auf. (Foto: Privat)
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Der »Salon chic« in Ahrweiler nach der Flut: 1,82 Meter hoch stand hier das Wasser, und als es ablief, blieb eine dicke Schlammschicht. Das einzige, was Simone Manhillen retten konnte, war ihr Meisterbrief.

Kerstin Gründel schließt zu Weihnachten ihren Friseursalon und spendet Inventar nach Ahrweiler

Seeon-Seebruck – Tagelang beherrschten Mitte Juli die Schreckensmeldungen und Bilder von der katastrophalen Flut in Bad-Neuenahr-Ahrweiler die Medien. 134 Todesopfer forderte die Katastrophe in Rheinland-Pfalz, hunderte wurden obdachlos und verloren ihre Existenz. Die gesamte Infrastruktur wurde zerstört, alles was nicht niet- noch nagelfest war, von den Fluten der Ahr hinweggespült. Der Wiederaufbau geht schleppend voran. »Handwerker zu bekommen ist fast wie ein Sechser im Lotto«, sagt Simone Manhillen im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Sie ist Inhaberin eines von gut drei Dutzend selbstständigen Friseurbetrieben, denen durch das Hochwasser die Existenzgrundlage genommen wurde. Ihr Betrieb, der »Salon Chic«, wurde komplett zerstört, Teile des Inventars kilometerweit weggespült. Hilfe bekommt sie jetzt aus dem Chiemgau, genauer gesagt aus Seeon.


Hier schließt Kerstin Gründel ihren Friseursalon zu Weihnachten und spendet das Inventar der Berufskollegin, die damit gut 600 Kilometer nordöstlich von Seeon, zwischen Koblenz und Bonn, einen weiteren wichtigen Baustein für einen beruflichen Neuanfang bekommt.

Der Kontakt nach Seeon kam über Uschi Gruber, die im Edeka-Geschäft Summerer in Seeon arbeitet, zustande. Sie lebte selbst im Ahrtal, kannte Simone Manhillen und deren Schicksal. Als sie hörte, dass Kerstin Gründel ihren Salon aus gesundheitlichen Gründen schließen muss, da fragte sie, ob sie das Inventar nicht verkaufen wolle. »Als ich hörte, dass die Sachen ins Ahrtal gehen sollten, war mir sofort klar, dass ich dafür kein Geld verlange, sondern die Sachen spende«, erzählt die Friseurin, die ihren alteingesessenen Salon am 23. Dezember zum letzten Mal aufsperren wird.

Nach einer Hüftoperation mit anschließenden Komplikationen fällt ihr das lange Stehen im Salon schwer und sie wird ihre treuen Kunden nur noch daheim in Emertsham bedienen. 2010 hatte sie den seit mehr als einem halben Jahrhundert bestehenden Friseursalon von Christa Schön übernommen und seither drei bis vier Mitarbeiterinnen beschäftigt.

Es fällt ihr schwer, das Geschäft schließen zu müssen. Kerstin Gründels Vater war schon Friseur und führte den Salon Kern in Traunstein. Dort hat sie ihr Handwerk gelernt und sich 1993 selbstständig gemacht. 2010 pachtete sie den 1969 von Otto Gerl gegründeten Betrieb an der Altenmarkter Straße in Seeon von der neuen Besitzerin, der bei der Bevölkerung sehr beliebt war.

So wird es allgemein bedauert, dass eine weitere Firma, die zur Grundversorgung im Ort beiträgt, für immer von hier verschwinden wird. Auch Bürgermeister Martin Bartlweber tut es leid, dass ein weiterer Mosaikstein der Versorgung in Seeon verschwinden wird. Die Gemeinde hätte gerne geholfen, dass Kerstin Gründel ihren Betrieb weiterführen kann – letztlich ist der 55-Jährigen die Gesundheit aber wichtiger, was man verstehen müsse. Das Gemeindeoberhaupt hat für den letzten Öffnungstag am 23. Dezember schon einen Termin zum Haareschneiden reserviert. Und doch hatte Bartelweber eine gute Nachricht: Die Gemeinde will sich an der Aktion beteiligen und der Sozialfonds der Gemeinde soll einen erheblichen Teil der Transportkosten übernehmen.

Weitere Mitstreiter für die gute Sache kann man gut gebrauchen, betont Kerstin Gründel. Einer hat sich bereits spontan bereit erklärt zu helfen: Schreinermeister Hubert Frank wird die Einbaumöbel des Seeoner Friseursalons fachmännisch ausbauen und zerlegen – kostenlos. Das ist ein weiterer Baustein, dass die zerstörte Existenz von Simone Manhillen in Ahrweiler wieder aufgebaut werden kann. Es ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn von der Flut waren fast 40 Betriebe betroffen. Simone Manhillen hat bereits spezielle Friseur-Waschbecken für ihren neuen Salon gespendet bekommen. Die passen aber nicht und sie würde sie gerne weitergeben, damit auch ein anderer zerstörter Betrieb eine Starthilfe bekommt. Wovon aber soll sie die neuen Waschbecken kaufen? Eins kostet mindestens 2000 Euro.

Geld hat die 48-Jährige keines mehr, obwohl sie gut vorgesorgt und eine sogenannte Betriebsausfallversicherung abgeschlossen hat. Die hat es aber nicht eilig mit dem Bezahlen und beschäftigt Gutachter mit der Schadensfeststellung und -prüfung. Staatliche Hilfe bekommen erst die Betriebe, die eine solche Versicherung nicht haben. Aber auch die großzügig versprochenen Staatshilfen fließen zäh, berichtet die Friseurin aus dem Ahrtal über Erfahrungen ihrer Kolleginnen.

Geld heilt viele Wunden. »Aber die Bilder, als ich am Tag nach der Flut nach Ahrweiler kam, werde ich nie vergessen«. Sie hatte am Tag der Katastrophe frei und wohnt in einem zwölf Kilometer entfernten höher gelegenen Dorf. Manhillen beginnt zu erzählen: Die fest eingebauten Möbel waren weg, der Kühlschrank auch, einfach zum Fenster hinausgespült. Die Medien hätten gar nicht wiedergeben können, was da passiert ist. Bis zu den Knien sei sie im Schlamm gestanden, nachdem die ihren Salon durch eine Nachbarwohnung erreicht hatte. Zur Haustür hätte sie nicht hineingekonnt, denn die Straße samt aller Ver- und Entsorgungsleitungen war weggespült. Der Salon war erst vor wenigen Jahren neu eingerichtet worden. Das einzige, was sie aus dem Chaos retten konnte, war ihr Meisterbrief. Er ist das Symbol für den Neuanfang, den Manhillen mit Hilfe aus Seeon wagen will.

-K.O.-

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