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Gemeinde will neun Wohnungen im Harrecker Hof schaffen

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Seeon-Seebruck will neun Wohnungen im Harrecker Hof in Ischl schaffen
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Seit fast 200 Jahren besteht der Harrecker Hof in Ischl. Im Wohn- und Wirtschaftstrakt sollen jetzt Wohnungen eingebaut werden. Darüber hinaus sollen zwei weitere Neubauten entstehen, die sich architektonisch an den Baustil des kleinen Orts anlehnen. (Foto: Rasch)

Seeon-Seebruck – Neue Wohnformen anzubieten und dabei den dörflichen Charakter zu erhalten und weiter zu entwickeln, erfordert nicht nur Fingerspitzengefühl. Auch die Voraussetzungen müssen stimmen, um ein wie in Ischl in der Gemeinde Seeon-Seebruck geplantes, zukunftsweisendes Wohnbau-Projekt umzusetzen.


Als Grundstücksbesitzerin verfügt die Gemeinde Seeon-Seebruck über das Privileg, das Projekt nach ihren Vorstellungen zu gestalten und zu verwalten. Was die Gemeinde genau vor hat, darüber informierte sie die Bevölkerung im Bürgersaal in Truchtlaching. Das Interesse bei der Präsentation war sehr groß. Der Saal war voll besetzt.

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Für den circa 80-Seelenort Ischl mit seiner 1432 erbauten Kirche Sankt Martin eine Bauleitplanung aufzustellen – um Baurecht für einheimische junge Familien zu schaffen –, darüber wird in der Gemeinde schon seit geraumer Zeit diskutiert. Ausgangspunkt der Debatte war das im Besitz der Kommune befindliche Grundstück mit dem ehemaligen »Harrecker-Anwesen« und Bundwerkstadl. Die Gemeinde hatte das Anwesen und die dazugehörigen Grundstücke vor Jahren erworben und fand jetzt eine Antwort darauf, wie sie das Quartier in dem malerisch gelegenen Kirchendorf verwerten könnte, ohne dabei zu sehr in die gewachsene Struktur einzugreifen.

Die Planung sieht vor, in das Wohn- und Wirtschaftsgebäude neun Wohnungen einzubauen. Der dazugehörige, denkmalgeschützte Bundwerkstadl soll künftig Vereinen als Lagerstätte zur Verfügung gestellt werden. Auf dem freien Grundstück sind zwei weitere Wohnhäuser geplant: ein Vier- und ein Sechs-Familien-Haus. Von einer Einfriedung in Form eines Gartenzauns wird dringend abgeraten. In das Gesamtensemble soll auch ein sogenannter Parkstadl integriert werden, in dem man sich auch eine zentrale Energieversorgung für die Wohngebäude vorstellen könnte.

Ischl soll ländlichen Charakter behalten

Die Gemeinde müsse den veränderten gesellschaftlichen Änderungen Rechnung tragen, sagte Bürgermeister Bernd Ruth. »Die Landwirtschaft ist nicht mehr da, der Wohnungsmarkt ist leer gefegt.« Im Gemeinderat sei man nach intensiver Diskussion überein gekommen, auf dem Grundstück ein zukunftsweisendes Projekt unter Beibehaltung des ländlichen Charakters zu entwickeln. Gemeinsam mit einem beauftragten Planungsbüro habe ein Gemeinderatsteam an dem Quartier gearbeitet.

Das Ergebnis stellte Projektplaner Franz Blüml aus Tittmoning vor. Nachdem sich das Gewölbe des ehemaligen Stalls in einem sehr desolaten Zustand befindet, wird dieser Teil, der später als Garage dienen soll, seinen Angaben zufolge neu aufgebaut. Hingegen sei das Mauerwerk der Wände des Wohnhauses noch gut beieinander und müsse lediglich saniert werden, so Blüml. Auch die Fenster könnten erhalten bleiben, was dem Gebäude weiterhin einen gewissen Charme verleihe.

Insgesamt neun Drei- bis Vier-Zimmer-Mietwohnungen zwischen 70 und 130 Quadratmeter sollen im Erd-, Ober- und im Dachgeschoß entstehen. Die beiden Neubauten, die sich architektonisch dem dörflichen Baustil anlehnen, indem das Erdgeschoß gemauert und das Obergeschoß in Holz ausgeführt werden, sollen Platz für vier und sechs Familien schaffen. Das Vier-Familien-Haus wurde nach Angaben des Bürgermeisters bereits einer Familie versprochen, die dringend mehr Wohnraum benötigt. Wie das Sechs-Familien-Haus am Ende verwertet wird, lässt sich der Gemeinderat zum jetzigen Zeitpunkt noch offen. Ruth betonte aber, dass das gesamte Quartier im Eigentum der Gemeinde bleibe und es auf gar keinem Fall an einen Investor veräußert werde.

Ruth: Bezahlbarer Wohnraum entsteht

Bis das Quartier vollständig bebaut ist, wird aber noch viel Wasser die Ischler Achen hinunterfließen. Wie Ruth erklärte, soll zunächst das Hofgebäude saniert und ausgebaut werden. Ein konkreter Baubeginn wurde nicht genannt. Die zwei Neubauten sollen erst zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden.

Dass sich durch das Projekt, solle es wie geplant umgesetzt werden, das Dorfbild verändern wird, verschwieg Ruth nicht. »Es wird eine Veränderung geben«, räumte er ein. Aber das Vorhaben biete die einmalige Chance, bezahlbaren Wohnraum anzubieten. Als Eigentümer des Grundstücks könne die Gemeinde das staatliche Wohnraumförderprogramm in Anspruch nehmen und möchte dies auch tun, teilte Ruth mit. Die Förderung liegt bei 30 Prozent.

Ausgehend von insgesamt 19 Wohnungen ist in dem idyllischen Kirchendorf ein nicht unerheblicher Zuzug zu erwarten. Diese Tatsache beschäftigte vor allem die Ischler Bürger. Sie befürchten, dass die Infrastruktur durch ein weiteres Bevölkerungswachstum dafür nicht ausgelegt ist und die jetzige Feldstraße womöglich asphaltiert wird. »Am Friedhof herrscht sehr viel Betrieb. Durch den zunehmenden Verkehr sehe ich hier ein großes Konfliktpotenzial«, beklagte ein Ischler. Ein wesentlicher Kritikpunkt war die Anzahl der Wohnungen, die in der ehemaligen Hof- stelle entstehen sollen.

»Ganz Ischl ist dagegen, dass im Harrecker Hof neun Wohnungen entstehen. Mit allem anderen können wir leben«, war der Diskussion zu entnehmen. Auch die offene Gestaltung des Quartiers wurde in Frage gestellt: »Es gibt keinen Gartenzaun. Jede junge Familie sagt aber, ich möchte, dass meine Kinder sicher sind.«

Josef Binder aus Seeon bedauerte es, dass für das Projekt keine Genossenschaft gegründet wurde. »Das Projekt gefällt mir, aber es ist schade, dass keine Genossenschaft gebildet wird«, sagte er. Ein anderer Besucher bedauerte, dass der Stadl nicht für Wohnzwecke genutzt wird, andere konnten sich mit Situierung des Parkstadls und der Garagen nicht anfreunden.

Zweite Bürgermeisterin Martha Gruber (FW) versuchte die Gemüter zu beruhigen und sie von dem Projekt zu überzeugen. Sie sei am Anfang auch erschrocken, habe sich aber eines Besseren belehren lassen und sei mittlerweile von dem Projekt überzeugt: »Wir müssen auch an unsere Kinder und Enkelkinder denken«, sagte die Vizebürgermeisterin.

Eine Lanze für das Vorhaben brachen auch die Gemeinderäte Josef Daxenberger (CSU) und der Bürgermeisterkandidat der Freien Wähler, Martin Bartlweber. »Das ist jetzt ein erster Schritt. Jetzt geht es ans Umsetzen«, sagte Bartlweber. Wichtig sei es, die Leute im Vorfeld einzubinden, um an einem Strang zu ziehen. Dem wurde man laut Bürgermeister Bernd Ruth mit einer ersten Vorstellung des Projekts jetzt auch gerecht. ga