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»50 Prozent sind in der falschen Schule«

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Begleitet von Bürgermeister Bernd Ruth (von links) sowie den beiden Geschäftsführern Simon und Bernhard Daxenberger sprach Kultusminister Bernd Sibler mit der Auszubildenden Monika Ott über die Berufspraxis in der Schreinerei Daxenberger. (Foto: Effner)

Seeon-Seebruck – Akuter Fachkräftemangel im Handwerk einerseits und andererseits eine wachsende Zahl von Abiturienten, überfüllte Studiengänge und immer mehr Studienabbrecher: Welcher Bildungsweg die optimalen Zukunftschancen eröffnet, darüber diskutierten rund 50 Schulleiter, Innungsmeister, Unternehmer, Behördenleiter sowie führende Persönlichkeiten von IHK und Handwerkskammer in Seeon mit Bayerns Kultusminister Bernd Sibler.


Zum Auftakt des Fachgesprächs führte der Traunsteiner Stimmkreisabgeordnete Klaus Steiner in die Thematik ein. Im Unterschied zu anderen Bundesländern, die über Gesamtschule und steigende Abiturientenzahlen die Berufschancen junger Menschen erhöhen wollen, setze der »bayerische Weg« auf ein mehrgliedriges Schulsystem mit individueller Förderung. Dem gleichwertig zur Seite gestellt, so der Abgeordnete, sei die berufliche Bildung mit der dualen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Diese sei inzwischen weltweit ein Exportschlager.

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»Mit Gesellenbrief was in der Hand«

Bernd Ruth, Bürgermeister von Seeon-Seebruck, sprach sich dafür aus, die Gelegenheit zur besseren Vernetzung der einzelnen Bildungsträger zu nutzen. Gastgeber Bernhard Daxenberger äußerte Unverständnis, dass angesichts der unternehmerischen Erfolge zahlreicher Handwerker viele Eltern immer noch im Abitur die besten Zukunftschancen für ihr Kind sehen. »Mit dem Gesellenbrief haben die jungen Leute echt was in der Hand und viel Praxiserfahrung gesammelt.« Auch mit Blick auf fehlende Mittelschüler gab er sich überzeugt: »50 Prozent der Kinder gehen in die verkehrte Schule.«

Kultusminister Bernd Sibler brach eine Lanze für die Förder- und Berufsschulen, die »gesellschaftlich extrem wichtig« seien, aber öffentlich »kaum wahrgenommen« würden. Der Irrglaube, dass nur ein möglichst hoher Bildungsabschluss gute Zukunftschancen verheiße, sei vor allem durch die Pisa-Studien vorangetrieben worden und die Akademisierung auch einfacherer Berufe in anderen Ländern Europas.

Sibler zeigte sich zufrieden, dass man die Übertrittszahlen in Bayern ans Gymnasium (40 Prozent), Realschule (30 Prozent) und Mittelschule (30 Prozent) seit einigen Jahren habe stabilisieren können. Die berufliche Bildung werde im Rahmen des Bildungspakets Bayern unter anderem durch eine Stärkung des Meisterbonus (Erhöhung auf durchschnittlich 1500 Euro), mehr Lehrerstellen für Berufsschulen und zehn Millionen Euro zusätzlich für Aus- und Weiterbildungseinrichtungen gestärkt.

In der Diskussion unter der Leitung von Dr. Helmut Wittmann aus Seeon wollte IHK-Präsident Dr. Eberhard Sasse wissen, wie viel Landtagsabgeordnete über eine nichtakademische Berufsausbildung verfügen. Abgeordnete mit Studium seien sicher in der Überzahl, »aber die Handwerksmeister müssen auch kandidieren«, hob Sibler hervor. Ebenso sei eine bessere bzw. differenzierte Präsenz des Handwerks in Medien und TV-Filmen wünschenswert.

»Die wissen zu wenig darüber«

Josef Pflügl, Obermeister der Heizung-/Sanitär-Innung Traunstein, wünschte sich eine bessere Weiterbildung der Lehrer über Handwerksberufe: »Die wissen zu wenig darüber, was wir machen.« Otto Zach, Obermeister der Elektro-Innung Traunstein, machte deutlich, dass der Wert der Lehre gerade in der Vermittlung der Berufspraxis sowie der Verantwortung und der Aufgaben auf der Baustelle bestehe. »Eine Verkürzung auf zwei Jahre für Abiturienten halte ich für nicht sinnvoll.« Kulturminister Sibler unterstützte den »Wunsch nach mehr Berufspraxis in den Schulen«.

Von einem »neuen Rekord bei den Berufsschülern« berichtete Wolfgang Kurfer, Direktor der Staatlichen Berufsschule I in Traunstein. Während die IT-Sparte boome, sei die Schülerzahl in den Ernährungsberufen in gut zehn Jahren von 650 auf 230 gesunken. Dies mache den Erhalt der Klassen schwierig.

Unternehmer Michael Regnauer aus Seebruck machte darauf aufmerksam, dass die Automatisierung in den Firmen zwar die Produktivität erhöhen könne, »handwerkliches Geschick und Qualität etwa bei der Oberflächenbearbeitung« aber »nach wie vor unverzichtbar« seien.

Das Problem einer fundierten Lehrerausbildung als Grundlage für optimalen Unterricht in allen Schularten und eine Anpassung der Gehaltsstufen gerade mit Blick auf die Grundschullehrer sprach Schulamtsdirektor Otto Mayer an.

Kulturminister Bernd Sibler warnte abschließend davor, die Lehrpläne mit dem Ruf nach immer neuen Zusatzqualifikationen zu überfrachten. »Das führt zu einer immer weiteren Verflachung.« Die Handwerksmeister forderte er auf, mit dem Tragen der Handwerkskluft bei passenden Gelegenheiten »dem Berufsstand öffentlich wieder mehr Gewicht und ein Gesicht zu verleihen«. eff

 


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