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Vom besonderen Ton des Holzes verzaubert

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Vor dem Hausberg Geigelstein und Breitenstein (von links) Martin Sabold, Christine und Christian Zaiser sowie Konrad Anner. (Foto: Wunderlich)

Schleching – Angefangen hat die nun mehr 50 Jahre währende Geschichte des Alphorns in Schleching mit Konrad Anner. Die Liebe führte den Aschauer 1967 nach Schleching, als er Annemarie Pfeiffer heiratete. Seine zweite Liebe, die Musik, stellte er in der Musikkapelle Schleching unter Beweis als Flügelhornspieler. Aber es gab noch ein weiteres Instrument, dem sein großes Interesse galt: das Alphorn.


Zu dieser Zeit war das Alphorn im Chiemgau noch nicht so bekannt, aber Anner hatte den festen Willen, drei Alphörner zu bauen. Er wandte sich im Winter 1967/68 an Franz Jell – Rechenmacher in Bernau – und bat um den Bau der Alphörner. Die entsprechenden Bäume dafür musste er besorgen. Es war nicht so einfach, geeignete Stämme zu finden. Aber nach längerem Suchen wurde er fündig und so entstanden im Oktober 1968 die ersten drei Hörner für Schleching. Als Besetzung fanden sich nun Konrad Anner als erste Stimme, Richard Prasser als zweite Stimme und Martin Sabold als Bassstimme zusammen. In der Backstube von Sebald Pfeiffer wurde fleißig geübt bis zum ersten Auftritt 1969 bei den Alpinen Deutschen Skimeisterschaften in Schleching.

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Konrad Anner und Martin Sabold von Beginn dabei

Von da an ging es Schlag auf Schlag, die Auftritte in den vergangenen 50 Jahren sind nicht mehr zu zählen, so zahlreich, so spektakulär, so vielseitig sind sie und die Schlechinger Alphornbläser wurden immer bekannter. Nach jedem Auftritt kamen neue Anfragen. So spielten sie schon im nächsten Jahr vor 10 000 Zuhörern beim Eistheater »Zum Weißen Rössl« auf der Eisfläche zum 28. Geburtstag von Hans Jürgen Bäumler. Standkonzerte, Heimatabende und Auftritte auf den verschiedensten Veranstaltungen gehörten nun fast zum laufenden Programm. 1973 wurde die erste Schallplattenaufnahme mit Luis Trenker erstellt, dieser sollten noch viele folgen sowie diverse Fernsehauftritte im In- und Ausland. Die Besetzung der Schlechinger Alphörner wechselte in den langen Jahren, aber seit der ersten Stunde bis heute sind Konrad Anner und Martin Sabold dabei. Das heutige Quartett besteht seit 1983 mit Christian Zaiser und seit 1990 mit Christine Zaiser.

Nach zehn Jahren Spielzeit beschlossen die Schlechinger, es müssen neue, selbstgebaute Alphörner her. Ein spannendes Unterfangen, da man vorher nie weiß, wie Hörner klingen werden. Es ging alles gut und die Bläser waren zufrieden mit ihrem Werk.

Die Professionalität war inzwischen so ausgereift, dass sich die Schlechinger 1979 dem großen Alphornbläser-Treffen, das alljährlich an einem anderen Ort stattfindet, stellten. Auf dem Streichen wurde das Event für 60 Alphörner und rund 400 Personen organisiert. Liveübertragungen in Funk und Fernsehen waren geplant. Es kamen dann so viele Zuschauer, dass die Polizei aus Reit im Winkl angefordert werden musste, um die Besucherströme zu lenken, ein unvergessliches Erlebnis für die, die dabei waren.

Soviel Aufmerksamkeit an den Alphörnern zog weitere Interessenten an, so begleitete das französische Fernsehen ein Jahr den Bau eines neuen Alphorns und Aufnahmen mit Opernsänger José Carreras und den Schlechingern folgten. So ging es über die Jahre weiter vom Auftritt im Antiquarium beim Neujahrsempfang von Franz Josef Strauß, Flugreisen zu Auftritten in Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, Auftritte auf der Weltausstellung in Hannover bis zum internationalen Folklorefestival in Zagreb (Kroatien) und einer Einladung vom deutschen Generalkonsulat nach Thessaloniki, wo die Schlechinger mit einer Polizeieskorte zu Auftritten ins Landesinnere begleitet wurden.

Daneben gab es natürlich auch die vielen Auftritte in Bayern, besonders in der Weihnachtszeit etablierten sich über die Jahre feste Termine, wie Auftritte beim Adventssingen, Adventsmärkten, auf dem Schlechinger Christkindlmarkt und das Jahr wird immer beschlossen mit dem Silvestergruß auf dem Dorfplatz.

Alphornklang sollte zur Unterhaltung dienen

Das Repertoire der Lieder für Alphörner war am Anfang sehr spärlich, sein Zweck war eher praktischer Natur, nämlich zur Gefahrenwarnung im Tal oder zur Beruhigung des Viehs auf den Almen. Auch vor 50 Jahren sollte der Alphornklang eher zur Unterhaltung dienen, vielleicht auch mit dem Bewusstsein der Erhaltung einer alten Tradition. Konrad Anner war unermüdlich, über die Jahre schrieb er viele Stücke, die von der Uraufführung bis heute gespielt werden. Der Nachwuchs liegt ihm ebenfalls am Herzen, so bildete er »De Junga Schlechinger Alphornbläser« aus. Die bekamen 2013 auch noch ein ganz besonderes Geschenk: Das im Jahr 1973 längste Alphorn der Welt, mit einer Länge von 10,51 Metern, das die damalige Besetzung der Alphornbläser kaufte. Verkauft hat es ihnen damals die Witwe von Franz Jell. Das Horn wurde zerlegt und restauriert, heute können es die Besucher des Bürgerhauses bewundern, wo es an der Decke hängt. Die heutigen Besitzer sind die Jungen Schlechinger Alphornbläser Josef Bachmann junior, Anton Rappl junior und Florian Wegener.

Die ganze Retrospektive wäre sicher schwierig, wenn nicht Martin Sabold akribisch alle Termine, Fotos, Zeitungsartikel aufgehoben und in zwei sehr dicken Chroniken von 1969 bis heute aufgeschrieben und aufgehoben hätte.

»Gefühl von Wärme, das direkt ins Herz geht«

Was ihn so fasziniert an dem Instrument? »Es ist der besondere Ton des Holzes, der beim draußen spielen so weit in die Natur getragen wird«, sagt Konrad Anner. Christine und Christian Zaiser lieben »das Gefühl von Wärme, das durch das Instrument direkt ins Herz geht«. Martin Sabold sagt, dass er sehen kann, »wie sich Christine und Christian auch nach einem anstrengenden Arbeitstag beim Spielen entspannen können«.

Einmal in der Woche wird gemeinsam geübt, oft auch allein und dabei wird viel Freizeit investiert. Einig war sich das Quartett, dass sie die vielen gemeinsamen Erlebnisse und die schöne Kameradschaft zusammen halten lässt und durch die vielen Jahre getragen hat. Ein weiterer Motivationsgrund sei, dass sie mit ihrer Musik die Zuhörer erfreuen wollen und beobachten, dass diese oft ganz ergriffen sind und sich herzlich bedanken für das Hörerlebnis und »das freut uns, dass wir was geben können und auch etwas zurückbekommen« fand Christine Zaiser.

Dankbar sind die Vier für die 50 Jahre, in denen trotz der vielen Reisen alles gut gegangen ist. Das werden die Musiker bei einem Gottesdienst in der Schlechinger Pfarrkirche St. Remigius am morgigen Sonntag um 8.45 Uhr mit den Kirchenbesuchern feiern. wun