weather-image
20°

Katastrophenfall: Zusammenfassung vom Freitag – »Wir schnaufen jetzt alle mal tief durch«

4.3
4.3
Bildtext einblenden
Bei der Rückkehr nach Raiten wurden die Bewohner registriert. Die Ortseingänge waren gestern mit Polizeikräften besetzt. (Fotos: Wunderlich)
Bildtext einblenden
Maria König aus Raiten lobt den Einsatz der vielen Einsatzkräfte. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

Schleching – Aufatmen in Schleching: Die Anwohner des wegen akuter Lawinengefahr evakuierten Ortsteils Raiten haben früher als erwartet in ihre Wohnungen zurückkehren können. Die Sperrung werde mit sofortiger Wirkung aufgehoben, teilte das Landratsamt Traunstein am späten Donnerstagabend mit. Derzeit sei die Wahrscheinlichkeit für einen Lawinenabgang auf die Häuser äußerst gering. Zuvor war die Behörde noch davon ausgegangen, dass die Sperrung bis mindestens Freitag andauern werde. Das Traunsteiner Tagblatt hat mit einigen Raitenern nach ihrer Rückkehr gesprochen.


Der Ortsteil mit rund 230 Bewohnern war am Mittwoch evakuiert worden. Oberhalb von Raiten hatte aufgrund der Schneemassen ein Lawinenabgang gedroht. Die Einwohner kamen bei Familien und Freunden unter. Betroffene Landwirte holten in der Nacht auf Donnerstag auf eigene Gefahr auch Rinder und andere Tiere aus der Ortschaft.

Anzeige

Die Lawinenwarnkommission hatte das Gebiet am Donnerstag mit Hilfe eines Hubschraubers untersucht und die Lage neu bewertet. Es habe den ganzen Tag Erkundungen und Sichtungen gegeben, sagte Landrat Siegfried Walch in einer Videobotschaft. »Ich bin sehr froh und wir schnaufen jetzt alle mal tief durch.«

Weiterhin nicht betreten werden dürfe der Hangbereich hinter der Wohnbebauung, sagte Walch. Denn kleinere Abgänge seien weiterhin möglich. Bereits am Mittwoch hatte es demnach einen kleineren Lawinenabgang gegeben.

Gebiet wird weiter intensiv beobachtet

Mit dem zunächst vorhergesagten Wetter bleibe die Lawinenlage in den kommenden Tagen stabil, hieß es beim Landratsamt. Das Gebiet sollte aber intensiv weiterbeobachtet werden. Ein Evakuierungsplan, um für künftige akute Lawinengefahren vorbereitet zu sein, sollte erarbeitet werden.

Das Vorgehen der Behörde und der Lawinenwarnkommission beschrieb Michael Reithmeier, der Pressesprecher des Landratsamts, im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Die Experten der Lawinenwarnkommission hätten am Donnerstag den ganzen Tag über die Situation am südöstlichen Hang der Hochplatte intensiv und umfassend untersucht. Fachleute seien mit Hubschraubern abgeseilt worden und hätten die bis zu 3,50 Meter hohe Schneeschicht erkundet und Schneeprofile gegraben. »Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse wurden anschließend tiefgreifend analysiert und bewertet.« Das habe bis in den Abend hinein gedauert. Ab 21.10 Uhr am Donnerstag seien dann die Raitener angerufen worden, dass sie zurück in ihre Häuser könnten.

Spätabends wurde unsere frühere Ortsberichterstatterin Barbara Reichenbach vom Landratsamt angerufen. »Wir waren gerade beim zu Bett gehen. Da wollten wir keine Hektik verbreiten«, schildert die 81-Jährige die Situation um kurz nach 22 Uhr am Donnerstag. Sie hat dann mit ihrem Mann die Nacht noch im Hotel Gabriele in Unterwössen verbracht und ist erst am Freitagmorgen zurückgekehrt in ihr Haus.

Die verschiedenen Einfahrten in den Ort Raiten waren gestern weiter mit Polizeiposten besetzt und jeder Rückkehrer wurde registriert. Die Raitener Barbara und Bertram Reichenbach nahmen die ganze Situation recht gelassen und haben in ihrem Haus keinen Schaden zu beklagen. Anders bei ihren Nachbarn Gabi und Bernd Humpl. Dort wurde die Terrassentür von Sicherheitsleuten eingeschlagen, überall lagen die Scherben herum und wegen einer besonderen Sicherung konnte und kann man das Haus nicht betreten. Daraufhin wurde auch noch die Haustür – sehr unsachgemäß wie Gabi Humpl kritisierte – aufgebrochen. Sie versteht diese Aktion nicht, denn sie sei sieben Mal registriert worden. Es hätte also klar sein müssen, dass sie nicht mehr im Haus seien, betonte Humpl. Aber die Polizei und die Einsatzkräfte lobt sie trotzdem, denn sie hätten sich sehr bemüht zu helfen, zum Beispiel bei der Medikamentenbeschaffung.

»Ich find' keine Ruhe«

Von der großen Solidarität beeindruckt zeigte sich Maria König auf ihrem Bauernhof. Sie lobte den Einsatz der vielen Hilfskräfte, der Polizei und der Feuerwehr. »Es war der Wahnsinn« meinte sie. Besonders wichtig war ihr auch, dass die Tiere des Hofs gut untergebracht werden konnten. Von vielen Stellen kam Hilfe für Übernachtungsmöglichkeiten und Futter für die Tiere. Sie ist der Meinung: materieller Schaden lässt sich beheben, aber Schaden an Leib und Leben nicht. Der gleichen Meinung war auch Monika Hell, die ebenfalls einen Bauernhof in Raiten betreibt. Nur Margot Mix im Nebenhaus, Mutter von Maria König, sah man die Aufregung an und sie meinte, dass es sie nervlich schon arg mitgenommen habe. »Ich find' keine Ruhe.«

Die Ruhe ist auch trügerisch, denn wenn sich erneut Risse zeigen im oberen Drittel der Hochplatte, steht eine erneute Evakuierung an. In der Nähe von Raiten – außerhalb der Gefahrenzone – muss nun eine Fläche vom Schnee geräumt und eingezäunt werden, wo die Tiere dann Platz finden.

Nicht zugelassen wurde unsere Berichterstatterin zu einer Informationsveranstaltung gestern Nachmittag. Landrat Siegfried Walch begründete das damit, dass dies eine Sicherheitseinweisung für die Raitner Bürger sei und keine Veranstaltung für die Presse. Die Stimmung sei aber vorwiegend gut gewesen und für die Einsatzkräfte habe es großen Applaus gegeben, wie das Traunsteiner Tagblatt erfahren hat. KR/wun