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So fühlen sich Jungkühe wohl – in ihrer natürlichen Umgebung auf der Weide. Doch neun von ihnen sind in Schleching 100 Meter von der Alm abgestürzt und starben. Foto: dpa

»Information über Sichtungen würde uns schon helfen« – Landwirt vermutet Wolf als Ursache für Panik

Schleching – »Das muss jetzt endlich aufhören, dieses Totschweigen von Sichtungen von Wolf und Bär«, sagt Sandra Hörterer. Neun ihrer Jungkühe sprangen an der Zellerwand in Panik in den Tod, wie sie sagt, »die sind da 100 Meter runter gestürzt, so sahen sie auch aus. Das ist ja nicht, als wären die nur umgefallen und würden schlafen. Das bricht mir das Herz, das macht ja auch emotional was mit uns. Und das muss jetzt endlich mal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, das müssen die Behörden und Wolfsschützer endlich begreifen!«


Tags zuvor sei er noch auf seiner Niederalm gewesen, berichtet ihr Mann Hannes Hörterer auf Anfrage des Traunsteiner Tagblatts. »Da waren die Tiere noch ganz ruhig. Am nächsten Tag habe ich den Zaun kontrolliert und festgestellt, dass sie da durch sind.« Zunächst seien sie auf die Nachbaralm gerannt, hätten dort zwei weitere Zäune durchbrochen und seien dann die Wand hinunter gesprungnen.

»Die sind einen Kilometer gerannt in nackter Panik«

»Das ist ja nicht eine Wand gleich hinter dem Zaun, wo sie einfach nur abgestürzt sind«, erklärt Sandra Hörterer, »die sind einen Kilometer gerannt in nackter Panik, durch mehrere Zäune durch, und dann in die Tiefe gesprungen.«

Dass die Ursache für die Panik ein Wolf war, davon gehen beide aus. Hannes Hörterer sagt, vor etwa eineinhalb Wochen sei ein Wolf in Grassau gesehen worden. Und erstens seien die Bauern inzwischen gut vernetzt, zweitens gebe es in Tirol eine offizielle Seite der Behörden im Internet, auf der Sichtungen großer Beutegreifer verkündet würden. »In Waidring läuft eine Wölfin rum, im Inntal sind zwei Rüden. Für die sind das keine Entfernungen, die sind schnell auch bei uns.« Aber im Gegensatz zu Tirol würden Sichtungen hier nicht kommuniziert, im Gegenteil, die Jäger dürften nichts sagen. »Und die merken ja zuerst, wenn das Rotwild nicht da ist, wo es immer ist. Aber das wird von oben massiv gedeckelt.« Dass er einen Wolfsabschuss noch erlebt, damit rechnet der Landwirt nicht mehr. »Aber eine Kommunikation der Sichtungen würde uns ja schon helfen. Dann kann ich wenigstens reagieren, und meine Tiere nachts einsperren. Das mach ich drei, vier Nächte lang, dann wird's dem Wolf zu blöd und er zieht weiter. Aber wissen muss ich's halt.«

Risse von Kühen gebe es zwar nicht, aber Panik, die ganze Kuhherden ins Unglück stürze. »Und dafür gibt's nicht mal eine Entschädigung.« Dabei sei die nur die eine Seite der Medaille, wie seine Frau Sandra sagt. Der materielle Schaden seien vielleicht 15.000 Euro – »auch kein Pappenstiel in diesen Zeiten, aber viel schlimmer ist doch, was das mit uns macht.«

»Oh Gott, hoffentlich san s' no da«

Mit erstickender Stimme schildert sie die Suche nach den Tieren auf der Alm, die vergebliche Hoffnung, sie irgendwo im Wald zu finden. »Da baust doch eine Bindung auf. Ich steh nachts auf, wenn sie kalbern, bei uns hat jede einen Namen, die dürfen raus, wir tun alles, dass es ihnen gut geht. Und dann findest sie nach 100 Metern Sturz, eine hing noch am Felsen in den Bäumen mitten im Klettergebiet. Die hätt auch Kletterer erwischen können.«

Für sie sei mehr kaputt gegangen, »die Alm, das war unser Kraftort nach der Arbeit, da bin ich voller Freude rauf gefahren zu meinen Tieren. Jetzt halt ich die Luft an und denk 'oh Gott, hoffentlich san s' no da'. Egal, ob ich zum Fenster raus schau oder hinters Haus geh, ich seh immer diese Wand.« Mehrere Stunden habe die Bergung der toten Tiere gedauert, »die Letzte ham's um halb 7 ausgeflogen am 50-Meter-Tau. Ich frag mich, was muss denn noch passieren?«

»Das muss einfach auch ins Bewusstsein der Verbraucher! Wollen die Billigfleisch aus Massentierhaltung oder hochwertiges aus artgerechter Haltung?« Auf der Alm stehe das Gras hoch, das müsse ja genutzt, die Alm abgeweidet werden, »aber wie denn?« Es gebe durchaus auch Almen, die nicht einzäunbar seien, und Herdenschutzhunde seien das nächste Problem. »Die Viecher sind vier Monate auf der Alm, bei der Größe brauch ich zwei, drei Hunde. Und was mach ich mit denen die anderen acht Monate?«

Für diese Hunde sei jeder Fremde eine Bedrohung, Wanderer, Radler, Leute mit Hunden. »Ich weiß nicht, was der macht, wenn da einer mit der Stirnlampe aufkreuzt im Dunkeln. Und da diskutieren wir über jeden Kampfhund, aber wir sollen uns drei solche Hunde her tun, die ich dann acht Monat' lang am Hof einsperren muss. Das ist doch auch nicht im Sinne des Tierschutzes!«

Von einem Fall wie diesem habe sie noch nie gehört, sagt Landtagsabgeordnete Gisela Sengl dazu, »besonders nicht, dass irgendwo so viele Tiere abgestürzt sind«. Den Wolf werde man sicher nicht mehr ausrotten, so die Grünen-Politikerin, aber in Almgebieten werde man um eine »maßvolle Reduzierung« nicht herumkommen. Die Grünen hätten auch vier Anträge zum Thema Wolf und Weidehaltung in den Landtag eingebracht, unter anderem zur Schaffung einer Stelle von einem Experten, »der sich nur mit dem Wolf und der Weidehaltung beschäftigt.« Angesiedelt werden könnte diese beim Landwirtschaftsamt, denn derjenige müsse vernetzt sein mit Förstern und Almbauern. Und der könnte dann die Landwirte über Wolfssichtungen informieren. »Aber die CSU hat alles abgelehnt.«

Das lässt Landtagsabgeordneter Klaus Steiner (CSU) so nicht auf sich sitzen. »Ein Manager bringt doch da überhaupt nichts«, begründet er die Ablehnung. »Ein Berater kann doch da auch nichts machen. Und wollen wir wirklich zwei Meter hohe Stromzäune um die Almen rum? Was ist dann mit Reh und Gams?« Er habe ja ein Wolfsgespräch veranstaltet, da hätten auch die Landwirte die Einzäunung abgelehnt.

»Ich habe mit Hörterer noch gestern telefoniert und werde mir die Absturzstelle heute ansehen«, so Steiner. Es stehe noch nicht mit letzter Sicherheit fest, dass ein Wolf die Tiere derart in Panik versetzt hat, aber viele Indizien sprächen dafür, so die Einschätzung Hörterers, die er teile. Unabhängig davon zeige der Vorfall, wie sinnlos und praxisfremd die Diskussionen um Schutzzäune seien. Wölfe würden sich nicht an Rinder oder Pferde heranmachen.

Zäune sind für Rinder in Panik kein Hindernis

Dass Zäune jedweder Art für Rinder in Panik kein Hindernis mehr seien, werde in öffentlichen Diskussionen gar nicht berücksichtigt. »Wir dürfen nicht ständig an den Praktikern, den Tierhaltern und Almbauern vorbei theoretische Diskussionen führen«, so Steiner.

Die Almbauern seien zunehmend massiv verunsichert, »manche werden die Almwirtschaft aufgeben, wenn wir ständig an den Realitäten vorbei diskutieren«. Jetzt gehe es darum, dem Landwirt bei der Kostenfrage für die zwei Hubschrauber, mit denen die Tiere geborgen werden mussten, zu helfen.

coho