Bildtext einblenden
Shpetim »Timi« Gashi aus Ruhpolding spricht sieben Sprachen. Als hauptberuflicher Dolmetscher muss er immer abrufbereit sein. (Foto: Kas)

Stammgast bei Polizei und Gericht: »Timi« Gashi ist als hauptberuflicher Dolmetscher im Einsatz

Ruhpolding – Er ist in Kosovo-Albanien geboren, in Bayern aufgewachsen und lebt seit knapp vier Jahren in Ruhpolding: Shpetim Gashi. Der 39-Jährige, der sieben Sprachen fließend spricht und nur »Timi« genannt wird, ist als hauptberuflicher Dolmetscher und Übersetzer gefragt. Rund um die Uhr muss er erreichbar sein, denn er ist Stammgast bei Polizei und Gericht. 


»Probleme beim Ausfüllen von Dokumenten, bei Behördengängen, Notaren oder Rechtsanwälten, ich helfe Ihnen gerne«, steht auf seiner Visitenkarte und darunter die Sprachen, die er neben Deutsch fließend spricht: Italienisch, Serbisch, Kroatisch, Kosovarisch, Albanisch, Rumänisch. Russisch könnte bald hinzukommen. »Ich verstehe die Sprache, kann mich auch etwas ausdrücken, aber die Schreibweise macht noch Probleme«, sagt der bescheidene Ruhpoldinger.

Sprachen in Abendkursen gelernt

Zur Schule gegangen ist er in Ingolstadt, wollte dann immer Masseur werden. Bei den Sprachen hatte auch die Herkunft etwas geholfen: Vater Italiener, Mutter Bosnierin. Nach dem Schulabschluss arbeitete das Sprachengenie jahrelang zunächst in der Gastronomie. Parallel besuchte er mit Abendkursen die Euro-Sprachenschule, danach die Schule für Dolmetscher in Düsseldorf. Seit 1. Januar hat er sich ganz aufs Dolmetschen und Übersetzen konzentriert. Er ist gut gebucht, was auch mit vielen privaten Aufträgen zu tun hat. Zugelassen ist er in den sechs Sprachen bei Polizeidienststellen, bei der Kriminalpolizei, der Bundespolizei, beim Zoll, in allen Kommunen sowie bei Amtsgerichten, Landgerichten, Oberlandesgerichten. »Ja ich komme weit herum, bin bundesweit unterwegs, es wird nie langweilig«, erzählt der 39-Jährige, der wohl in Ingolstadt, Regensburg, Bamberg oder Nürnberg gebucht wird, aber noch nie bei der Polizei im Landkreis Traunstein oder an den Traunsteiner Gerichten.

»Beim Übersetzen vor Gericht oder bei der Polizei geht es ganz genau, du musst jedes Wort richtig rüberbringen, sonst kann es mächtig Ärger geben«, sagt Gashi, der dafür eigens eine Versicherung abgeschlossen hat. Für einen Schaden von bis zu drei Millionen Euro ist er versichert, für eine falsche Übersetzung droht immerhin eine hohe Geldstrafe oder Gefängnis von sechs Monaten bis zu einem Jahr.

Für manche Ausdrücke kein deutsches Wort

Bisher habe alles bestens funktioniert, er habe noch keine Beschwerden bekommen. Und trotzdem kann er von Auftritten bei Gericht stundenlang plaudern. Da komme es schon mal vor, dass er verbal passen müsse. »Ja, manchmal werden Richter mit Ausdrücken beschimpft, für die es kein deutsches Wort gibt«, schmunzelt der Ruhpoldinger, der einige Male auch schon deutlich machte, dass er das Vokabular nicht übersetzen könne. Auch handgreiflich seien schon mal Festgenommene ihm gegenüber geworden. »Aber das ist ganz, ganz selten der Fall.«

Nach Ruhpolding gekommen ist »Timi« der Liebe wegen. In Ingolstadt hatte er seine Traumfrau Tina kennengelernt, mit der er in Ruhpolding Am Zellerberg wohnt. Und während er einen völlig unrhythmischen Arbeitsalltag hat, fährt seine Tina täglich ins Notariat nach Trostberg. »Manchmal arbeite ich neun Tage durch, dann habe ich wieder vier Tage gar nichts, das ist ganz verschieden«, erklärt er. Dabei wäre es um ein Haar gar nicht zu dieser großartigen Dolmetscher-Karriere gekommen. Bei einer Untersuchung im Jahr 2013 wurde bei ihm ein Krebsleiden diagnostiziert. »Es wurde immer schlimmer, ich habe gekämpft wie noch niemals zuvor«, versichert er. Sieben Jahre sei er arbeitsunfähig gewesen, erst 2020, unmittelbar vor Corona, sei er wieder einigermaßen hergestellt gewesen. »Ich war dem Tod näher als dem Leben, war monatelang in Kliniken, es ging rauf und runter, das war brutal«, ergänzt er.

Sämtliche Ersparnisse habe die Krebstherapie aufgezehrt. »Meine Familie hat mir damals sehr geholfen, sonst würde ich heute nicht mehr leben«, sagt Gashi. Die Corona-Zeit habe er einiger maßen überstanden, viel im Homeoffice gemacht, »aber so richtig zum Verdienen gab es nichts und vom Staat gab's natürlich auch keine Hilfe«.

»Ruhpolding ist da ein Paradies!«

Umso glücklicher ist er heute, Kopf und Körper seien klar, auch die Belastung halte er locker aus. Nach drei Impfungen stehe demnächst die vierte an und die werde er sofort wahrnehmen. Und dann wolle er auch seinen Führerschein machen. Und die wenige Freizeit verbringt er mit seiner Tina beim Wandern, Radfahren und Schwimmen. »Ruhpolding ist da ein Paradies!«

Karlheinz Kas

Mehr aus Ruhpolding