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Sondieren, schaufeln, retten

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Für die Retter der Bergwacht ist es ein Kraftakt, die Verschütteten aus dem Lawinengebiet im Drei-Seen-Gebiet in Sicherheit zu bringen. (Foto: Bergwacht Ruhpolding)

Ruhpolding – Der Morgen graut, die Nacht weicht in Ruhpolding einem nebligen Tag. Kälte hängt über den Dächern, die Luft riecht nach Kaffee. Alles wie immer. Plötzlich zerreißt ein Alarm die Stille. Binnen Sekunden ändert sich alles. Zumindest für die Bergretter.


Es ist der Start für die große Lawinenübung im Dienstgebiet der Bergwacht Ruhpolding. Mit dabei sind die Bereitschaften aus Reit im Winkl, Inzell und Traunstein.

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Das Szenario: Lawinenabgang im Drei-Seen-Gebiet zwischen Ruhpolding und Reit im Winkl. Ein Skitourengeher wurde verschüttet, vielleicht mehrere. Ab jetzt zählt jede Sekunde. Wer in der Lawine ist, droht zu ersticken. Einzige Chance sind im Prinzip die unverschütteten Kameraden. Sie müssten jetzt eigentlich ihr Verschütteten-Suchgerät nehmen, die Opfer orten, ansondieren und ausschaufeln. Stattdessen herrscht Panik: Eine Frau schreit nach ihrem verschütteten Mann, ein weiterer Skitourengeher schaut apathisch zu, ein dritter ist auf der Suche nach Handyempfang talwärts gefahren. Er konnte den Notruf absetzen.

Im Depot der Bergwacht Ruhpolding läuft derweil die Rettung an. Funksprüche hallen durch die Garage, Schritte hasten durchs Treppenhaus, Rucksäcke, Ski, Seile werden in die Autos gewuchtet. Ein kurzes Briefing, dann startet das erste Rettungsfahrzeug mit dem Voraustrupp. Mit dabei sind der Abschnittsleiter für die Lawine, ein Notarzt und zwei Retter. Sie müssen so schnell wie möglich auf das Suchfeld, von ihnen hängt jetzt das Leben der Lawinenopfer ab. Zwei Annahmen machen die Übung noch ernster. Erstens: Es ist kein Lawinenhund verfügbar. Zweitens: Hubschrauberflüge sind wegen Nebels unmöglich. Retter müssen zu Fuß zur Lawine aufsteigen. Für normale Geher eineinhalb Stunden. Viel zu lange, bis dahin wären die Opfer so gut wie tot.

Normale Skitouren in den Chiemgauer oder Berchtesgadener Alpen beginnen gern auf Forststraßen, führen durch Hochwald und erreichen am Ende freie Hänge. Diese Tour führt durch dichtes Gehölz, durchquert Gräben und eine Klamm. Immer wieder muss man die Ski tragen und steile Passagen klettern.

Geprobt wurde das »Worst-Case-Szenario«

Es ist eine Art »Worst-Case-Szenario«, das die Ausbilder der Bergwacht Ruhpolding da geplant haben. Eines, das ziemlich nahe an der Realität ist: Kurz vor Silvester gab exakt am Ort der Übung einen großen Lawinenabgang. Vier Skitourengeher entkamen nur knapp. Der Bergwacht Ruhpolding war sofort klar, dass sie künftig vorbereitet sein muss; darum die Übung heute.

Die ersten Retter sind schnell. Sie erreichen die Lawine und schaffen es, das erste Opfer eine halbe Stunde nach der Verschüttung auszugraben. Der Mann ist bewusstlos, aber er lebt, eine Atemhöhle versorgte ihn mit Luft. Ein zweiter Trupp von der Bergwacht Reit im Winkl erreicht den Unfallort und hilft mit. Minuten später ist auch eine zweite Verschüttete geortet und ausgeschaufelt. Die Panik unter den Betroffenen legt sich und es wird klar: keine weitere Person ist in der Lawine.

Verletzte warmhalten ist oberstes Gebot

Aber: weiter unten im Bachbett liegt ein dritter Skitourengeher mit gebrochenem Unterschenkel. Auch er muss, wie die beiden anderen Patienten, im Liegen abtransportiert werden. Weitere Bergretter schleppen teilbare Akjas, Bergesäcke und Sicherungsmaterial zu den Patienten. Das dauert. Derweil zählt für die Verletzten vor allem eines: Warmhalten.

Den Canyon sichert ein Team von der Bergwacht Inzell. Die Retter installieren Fixseile, bauen Abseilstationen auf und ziehen die schweren Säcke nach oben. Parallel schickt die Einsatzleitung immer weitere Leute Richtung Lawine, um beim Tragen der Verletzten zu helfen. Gegenverkehr in der Klamm, Durchreichen schwerer Teile, andauernd wird gezogen, gehievt, geschleppt und gestapft.

Knapp dreißig Mitglieder der Bergwachten Ruhpolding, Inzell, Reit im Winkl und Traunstein helfen mit, um die drei Verletzten zu retten, versorgen und bis zur nächsten Straße zu transportieren. Im Ernstfall wären noch viel mehr Leute nötig.

Gutes Gefühl: Vorbereitet für den Ernstfall

Mittags haben die Retter alle Patienten zum Sammelplatz an der Straße transportiert. Dort endet die Übung, vier Stunden nach der Alarmierung. Von hier wäre es für die Verletzten nur eine Blaulichtfahrt bis ins Klinikum. Die 30 Retter werden jetzt in die Rettungswache nach Ruhpolding fahren, die nassen Sachen trocknen, sich aufwärmen und gemeinsam essen. Dann werden sie die große Übung noch einmal durchsprechen, um den Plan für den Ernstfall zu verfeinern.

Und am Ende gehen sie nach Hause und sagen: Hoffentlich passiert da oben nichts, aber wenn, dann sind sie vorbereitet. Und das ist ein gutes Gefühl. fb