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Sepp Zeller aus Ruhpolding ist Bergbauer aus Leidenschaft – Mensch, Tier und Umwelt vereinen

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Ruhpolding: Bergbauer Sepp Zeller setzt auf Extensivierung und Diversifizierung
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Sepp Zeller füttert frisches Gras und ergänzt mit Heu. (Foto: Monika Konnert)

Ruhpolding – Vor einem guten Jahr ist das bayerische Volksbegehren zum Artenschutz ausgelaufen. 1,8 Millionen Bürger hatten unterschrieben und damit die darin formulierten Ziele unterstützt. Bei den Landwirten aber schlugen die Wogen hoch, denn sie sahen sich plötzlich als die Buhmänner der Nation, die für den Rückgang der Artenvielfalt und die Zerstörung der vielfältigen Lebensräume durch ihre intensive Wirtschaftsweise allein verantwortlich gemacht werden.


Mit dem Versöhnungsgesetz und dem Volksbegehren Plus versuchte die Politik, die offenen Gräben zu schließen und Wege aufzuzeigen, um Ökologie und Ökonomie in der Landwirtschaft in Einklang zu bringen. Das versucht auch Sepp Zeller auf seinem Hof in Ruhpolding. Er gab dem »Traunsteiner Tagblatt« einen Einblick in die Arbeit.

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Bergbauer aus Leidenschaft

Mit Blick auf den Rauschberg in seiner vollen Größe, umgeben von saftigen, grünen Wiesen, die in Teilen noch in voller Blüte stehen, präsentiert sich der Großgstatterhof in Ruhpolding. Nur ein paar Fahrradfahrer sind an diesem sonnigen, warmen Frühsommertag auf dem Mozart-Radweg, der am Hof vorbeiführt, unterwegs.

Für Betriebsinhaber Sepp Zeller, Bergbauer aus Ruhpolding, hat das Volksbegehren nicht viel geändert. Seit er 1984 nach dem frühen Tod seines Vaters den »Großgstatter« Hof übernommen hat, war ihm klar, dass der damals von der Landwirtschaft eingeschlagene und von der Politik propagierte Weg »Macht mehr, dann habt ihr mehr!« nur falsch sein kann.

Intensives Bewirtschaften unter Einsatz von Kunstdüngern und Pestiziden, auf immer höheren Ertrag anstatt auf Qualität zu setzen, sei von Beginn an ein großer, politisch vorgegebener Fehler gewesen. »Jetzt den Bauern hinzustellen als den Kaputtmacher der schönen, blauen Erde ist schlichtweg falsch.« Für den Bergbauer mit Leib und Seele war von Beginn an klar, dass er durch seine landwirtschaftliche Arbeitsweise Mensch, Tier und Umwelt vereinen will. Deshalb sei er immer bedacht gewesen, möglichst viel Grund zu haben, sodass er diesen extensiv bewirtschaften kann, ohne finanzielle Einbußen verzeichnen zu müssen.

Inzwischen bewirtschaftet Sepp Zeller durch Ankauf und Pacht rund 90 Hektar Wiesen und Almen, davon rund 58 Hektar oder 64 Prozent der Fläche in den Programmen Kulturlandschaft (Kulap) und Vertragsnaturschutz (VNP). Unter anderem kommen auf diesen Flächen weder Kunstdünger noch Spritzmittel zum Einsatz. Für rund 22 Hektar hat Zeller sich für einen späten Schnittzeitpunkt, je nach Witterung der 1. oder der 15. Juni, sowie kompletten Düngerverzicht entschieden.

Die Flächen werden maximal dreimal abgemäht. Er hat diese Flächen vor Kurzem von einem Landwirt übernommen, der sie vorher intensiv bewirtschaftet hat. Er will sie jetzt, aus voller Überzeugung, durch Abmagerung und Reduzierung der Schnitthäufigkeit wieder artenreicher rückentwickeln. Streuwiesen mäht Zeller grundsätzlich nur einmal jährlich, frühestens am 1. August. Und auch die in das VNP-Programm einbezogenen Almen werden nicht gedüngt, meist dreimal gemäht und zum Schluss noch einmal überweidet.

Auf dem Hof stehen in einem Laufstall zwanzig Milchkühe. Die hat Zeller am Morgen mit frischem Gras versorgt, das er auf der Wiese, keine 200 Meter vom Stall entfernt, gemäht hat. »Noch zwei, drei Tage kann ich dort mähen.« Dann ist die Fläche abgemäht und die benachbarte Parzelle muss in Angriff genommen werden. Wird das frische Gras knapp, bekommen die Kühe getrocknetes Heu. Ein großer Ballen, noch aus dem Vorjahr, steht am Stalleingang.

Die Kühe würden es sogar dem frischen Gras vorziehen, so Bauer Zeller. Ein kleiner Versuch zeigt, dass er recht hat. »Rinder sind vom Ursprung her Raufutterfresser«, erklärt Zeller. Deshalb setzt er beim Futter auf getrocknetes Heu und nicht auf Silo und hat dazu eine eigene Heutrocknungsanlage installiert, wo die riesigen Ballen schonend getrocknet werden.

Jungvieh auf den Almen

Für den Winter werden sie auf dem Heuboden oder in einem großen, befahrbaren »Heuzelt« gelagert, das über einem früheren Silo errichtet wurde. Siloballen werden nur ausnahmsweise bei anhaltend schlechtem Wetter oder von nasseren Wiesen erzeugt. Das Jungvieh, 28 Ochsen und rund 30 Kälber, ist zurzeit auf einer der drei Almen, die zu dem Betrieb gehören.

Zum Abweiden von unwegsamen, steinigen Geländeteilen sowie Waldrändern hält Zeller etwa 30 Schafe, die dem Eigenverzehr dienen. Die Milch von seinem Hof wird von den Milchwerken Berchtesgaden-Chiemgau in Piding verarbeitet und als »Bergbauernmilch« vermarktet. Solche Strukturen seien für die Bauern wichtig, denn »durch die weltweite Vernetzung bist du als Einzelner verloren. Auch ›regional‹ und ›lokal‹ produzieren geht nur, wenn die Vermarktungsstrukturen stimmen«, so Zeller. Und so zeigt er sich auch mit dem ökonomischen Erfolg seiner Wirtschaftsweise durchaus zufrieden.

Dazu trägt auch sein zweites Standbein »Urlaub auf dem Bauernhof« nicht unwesentlich bei. Die ganzjährig betriebene Erwachsenenpension war trotz Corona auch für diesen Sommer schon frühzeitig ausgebucht.

Gesunde, leistungsfähige Tiere, qualitativ hochwertige Produkte, Diversifizierung, zufriedene Kunden und ein gutes Auskommen sind Sepp Zellers Erfolgsrezept. Und die Überzeugung, dass »die Zukunft der Landwirtschaft nur extensiv gehen wird, für uns als Bauern, für die Landschaft, für den Gast«.

Und dann kommt doch noch ein Funken Pessimismus auf bei dem sonst so positiv denkenden Landwirt: »Nur, wenn der Klimawandel es zulässt.« Auf den Almen sei wenig Humus und die Trockenheit nehme zu. Alles Dinge, die der Betrachter der Postkartenidylle an diesem Tag nur zu gerne weit von sich schiebt. Monika Konnert

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