Bildtext einblenden
Die Wahl-Ruhpoldingerin Selma Götz erinnert sich gerne an die Zeit, die sie als zwölfjähriges Flüchtlingsmädchen vor drei Jahrzehnten Jahren im Reiterhof im Ortsteil Zell verbrachte. Heute steht auf dem Gelände das neu erbaute aja-Hotel. (Foto: Schick)

Selma Götz flüchtete vor 30 Jahren mit den Großeltern aus Sarajevo

Ruhpolding – »Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätten meine Eltern nicht schon früh genug die Gefahr erkannt«, fragt sich Selma Götz jedes Mal, wenn sie am neu erbauten aja-Hotel in Zell vorbeikommt. Dann schweift ihr Blick gedankenverloren hinüber zu dem touristischen Komplex, in dem heute Reisende unbeschwerte Tage verbringen. »Vielleicht wäre ich eines von Tausenden Opfern geworden, die dieser unsinnige Balkankrieg gefordert hat – blutig geschlagen, vergewaltigt oder gar tot.« Für die 42-jährige schlanke Frau mit den kurzen schwarzen Haaren ist es Gottseidank anders gekommen: Das Schicksal und ihr jetziger Lebensmittelpunkt Ruhpolding haben sie letztlich vor Greueltaten dieser Art bewahrt. Dafür ist sie unendlich dankbar. Für jede erdenkliche Unterstützung, die ihr damals als Minderjährige, getrennt von Familie und dem vertrauten Umfeld, entgegengebracht wurde.


Rückblende: Im Dezember 1991, also vor 30 Jahren, brachte ein Bus aus Sarajevo die damals zwölfjährige Selma Pusonja nach Ruhpolding. Anlaufstation war der im Besitz der Gemeinde befindliche Zellerbauernhof, auch als Reiterhof bekannt, der zu diesem Zeitpunkt für Wohnzwecke vermietet wurde und in der Folgezeit Kriegsflüchtlingen aus Bosnien und Kroatien als Unterkunft diente. Selma war das erste Flüchtlingskind in dem ehemaligen Bauernhof. Vor seinem Abriss stand das in die Jahre gekommene Gebäude genau auf dem Gelände des jetzigen Hotels. Für Selma wurde der Reiterhof ein Zuhause auf Zeit.

Abenteuerliche Flucht zerrte an den Nerven

Ihre Großeltern, denen die Ausreise noch erlaubt war, hatten das Mädchen auf der 24-stündigen Fahrt begleitet. Sie mussten allerdings postwendend wieder zurück nach Bosnien. Mit gemischten Gefühlen denkt Selma Götz an die abenteuerliche Fahrt zurück, die sie ins befriedete Bayern, nach Ruhpolding brachte. Straßensperren, unentwegte Kontrollen und obendrein eine gesprengte Brücke, die unter lebensgefährlichen Bedingungen passiert werden musste, zerrten an den Nerven aller Beteiligten. Doch für die Flüchtlinge zählte nur eine Devise, und die hieß: Raus aus der Gefahrenzone, raus vor den anrückenden serbischen Milizen. Der Weitblick der Eltern bewahrheitete sich bald: Schon im Frühjahr 1992 war Sarajevo, die als weltoffen bekannte Olympia-Stadt von 1984, durch die Armee bosnischer Serben, durch Einheiten der verbliebenen jugoslawischen Bundesarmee und einer paramilitärischen Allianz komplett eingekesselt. Es sollte die längste Belagerung einer Stadt im20. Jahrhundert werden…

Fern von den Ereignissen, die sich in ihrer Heimat überschlugen, musste sich Selma inzwischen in Ruhpolding neu orientieren. Ihre Tante Asra, die damals mit ihrem Lebensgefährten die Pizzeria »da Claudio« betrieb, war für das minderjährige Mädchen zwangsläufig zur Ersatz-Mama geworden. Trotzdem war sie, bis den Eltern ein halbes Jahr später die Flucht gelang, viel auf sich alleine gestellt; nagendes Heimweh inbegriffen. Im Reiterhof, in dem Selma ein eigenes Zimmer bewohnte, waren auch einige Mitarbeiter untergebracht. Da sie von der Schule befreit war, (es sollte ja nur ein Aufenthalt auf Zeit sein), machte sie sich in der Pizzeria nützlich. Als immer mehr Flüchtlinge im Reiterhof ankamen, kümmerte sich Selma um deren Kinder und leistete als Dolmetscherin wertvolle Dienste. Heute spricht sie fast akzentfrei Deutsch, und, worauf sie besonders stolz ist, astreines Bairisch.

Schulalltag mit reinstem Mobbing

Mit dem Zuzug der Eltern holte sie der Schulalltag auf negativer Basis mehr ein, als ihr lieb sein konnte. Dort erlebte sie, was Mobbing in reinster Form bedeutet, wenn einem ins Gesicht gespuckt wird mit den Worten »Geh doch zurück, du jugoslawisches Schwein!«. Als sie täglich weinend nach Hause kam, wurde es ihrer Mutter zu bunt. Das Gespräch mit Rektor Erich Stadler zeigte danach offenbar Wirkung und Selma biss sich durch bis heute – Ruhpolding ist endgültig ihre Heimat geworden, und das seit drei Jahrzehnten. Selbst als die Eltern wieder zurückgingen nach Sarajevo und später nach Norwegen zogen, beeinflusste das ihre Entscheidung nicht. Selma ging ihren eigenen Weg – mit einschneidenden Erfahrungen, die das Leben eben schreibt und die sie deshalb zu einer überaus starken Frau reifen ließen. Dass sie mit 18 eine gescheiterte Ehe eingegangen ist, wohl auch aus dem Kalkül heraus, der bevorstehenden Abschiebung zu entgehen, sieht sie rückwirkend betrachtet als Schicksalsfügung an: »Das hat wahrscheinlich so sein müssen.« Die deutsche Staatsbürgerschaft sicherte so ihre ungehinderte Ausbildung zur Friseurin, ein Beruf, den sie seit ihrer Lehre im selben Betrieb ausübt. Seit zwölf Jahren ist sie mittlerweile mit ihrem Lebensgefährten Hans zusammen, der gemeinsame Sohn Simon sowie Tochter Vivien aus zweiter Ehe komplettieren die glückliche Patchwork-Familie. Im Rauschberger-Trachtenverein, wo seine Schwester bereits bei den Aktiven mitwirkt, wird der Vierjährige bald das Plattln lernen.

In Sarajevo ist Selma Götz in eine liberal moslemische Familie hineingeboren, die immer für humanistische Werte eintrat: Leben und leben lassen, wie in Bayern. Deshalb hat sie es nie verstanden, wenn Menschen sich ihres Glaubens wegen anfeinden oder bekriegen. Sie selber hofft, dass sie mit ihrer Integration – trotz oder gerade wegen der anfänglich erlebten Anfechtungen – ein Beispiel gibt, wie dieses Unterfangen gelingen kann. »Ohne anpassen, gegenseitiges akzeptieren und respektieren hat das alles keinen Sinn,« gibt sie dieses gut gemeinte Rezept allen Neubürgerinnen und Neubürgern mit auf den Weg. Für die weltoffene Muslimin gehören kirchliche Feste wie das bevorstehende Weihnachten genauso zum Jahresablauf wie Trachtenfeste oder der Fasching. Und hin und wieder verdrückt die Wahl-Ruhpoldingerin auch schon mal ohne Gewissensbisse die eine oder andere Leberkässemmel.

Ebenso wichtig wie der Ruhpoldinger Freundeskreis, mit dem sie ihr 30-jähriges Jubiläum feierte, ist für sie der telefonische Kontakt zu den Freundinnen und den beiden Tanten in Sarajevo, den sie auch nach dem Tod ihrer Eltern aufrechterhält. Oder es ergibt sich während eines Besuchs in der alten Heimat die Gelegenheit, um sich wieder mal ausgiebig in der bosnischen Muttersprache unterhalten zu können. Einfacher geht das allerdings fast vor der Haustüre: Mit Cousine Irma, die ebenfalls kriegsbedingt seit 1994 ihren Lebensmittelpunkt am Rauschberg gefunden hat. Das nächste runde Jubiläum ist also schon vorprogrammiert.

ls

Mehr aus Ruhpolding