Schwerer Start ins Leben: Elli-Lou war drei Monate auf der Kinder-Intensivstation

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Elli-Lou hatte als Frühchen, das in der 27. Schwangerschaftswoche auf die Welt kam, keinen leichten Start ins Leben. Ihre Eltern Kathrin und Germain Bennett sind umso glücklicher, dass es ihr gut geht. (Foto: Corinna Noack-Aetopulos)

Ruhpolding – Bange Wochen liegen hinter und auch noch vor Elli-Lou und ihren Eltern Kathrin und Germain Bennett, als das Mädchen am 5. Juni 2020 im Klinikum Traunstein das Licht der Welt erblickt. Denn das langersehnte Töchterlein ist – wie rund jedes zehnte Kind in Deutschland – eine Frühgeburt. Als diese gelten vor Ablauf der 37. Schwangerschaftswoche geborene Babys. Elli-Lous Geburt findet bereits in der 27. Schwangerschaftswoche statt, das winzige Frühchen wird anschließend drei Monate auf der Kinder-Intensivstation der Kinderklinik im Klinikum betreut. Mit der Geschichte ihres heute gesunden, fröhlichen, kleinen Mädchens wollen die Bennetts anderen Eltern Mut machen.


»Wir denken immer wieder an diese besondere, intensive Zeit zurück, an die Kinder und Eltern, die wir damals kennengelernt haben und wir sind auch oft in Gedanken bei jenen, die heute in unserer Lage sind«, sagt Germain Bennett. »Deswegen möchten wir allen, die sich um ihre Kinder sorgen, weil sie zum Beispiel früher auf die Welt kommen, sagen, dass sie sich bei allen verständlichen Ängsten ein wenig Optimismus bewahren können.« Denn wenn ein Kind ein Vierteljahr früher als errechnet auf die Welt komme und heute gesund und munter sei, dann könne dies ein positives Signal sein. Bei aller Freude über den guten Ausgang ihrer Geschichte: Vergessen können Kathrin und Germain Bennett die hinter ihnen liegende Zeit nicht. »Das war das anstrengendste, schlimmste Jahr, aber gleichzeitig auch das schönste«, blickt Germain Bennett zurück. Der 41-Jährige und seine Frau sind heuer zehn Jahre verheiratet. Acht Jahre hatten sie vergeblich auf Nachwuchs gehofft, als sie sich für den Weg einer künstlichen Befruchtung entschieden. Beim zweiten Versuch verlief diese positiv und Kathrin Bennett wurde mit Elli-Lou schwanger.

Doch nach 22 Wochen Schwangerschaft überschlagen sich die Ereignisse. »Meine Frau hat am 5. Mai 2020 die Nachricht bekommen, dass sie sofort ins Krankenhaus muss«, erzählt Germain Bennett. Hintergrund des besorgniserregenden Anrufs war eine – unbehandelt das Leben von Mutter und Kind bedrohende – Präeklampsie, zu deutsch Schwangerschaftsvergiftung. Kathrin Bennett sagt heute: »Ich bin mit dem Gefühl ins Klinikum gekommen, dass wir beide hoffen, dass unsere kleine Tochter überlebt.« Zuvor sei sie bereits von der behandelnden Frauenärztin zur Pränatal-Diagnostik nach München überwiesen worden, weil ihr »Baby so klein war.« Zur Welt bringen möchte die damals 35-Jährige ihr Kind in der Landeshauptstadt aber auf keinen Fall. »Die Familie so weit weg, die psychische Belastung und dann auch noch Corona«, die werdende Mutter und ihr Mann entscheiden sich schnell für das Klinikum Traunstein. Dort dürfen sie sich zwar der Pandemie wegen erst einmal eine Woche nicht sehen. Aber die Bennetts werden doch positiv überrascht.

Hier finden Mutter und Kind die Hilfe, die sie in ihrer ganz speziellen Situation brauchen. Damit das Frühchen genügend Kräfte hat, soll es möglichst nicht vor der 27. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen. Immer, wenn eine der vier Wochen bis zu diesem Zeitpunkt hinter der Mutter und ihrem Ungeborenen liegt, ist Kathrin Bennett erleichtert. Den Kaiserschnitt erlebt sie mit Übelkeit, Erbrechen, es folgen eine Nacht und ein Tag auf der Intensivstation. In dieser Zeit pendelt der hochbesorgte Vater zwischen seiner Frau auf der Intensivstation und dem winzig kleinen Säugling auf der Kinder-Intensivstation. Kathrin Bennett sieht ihr Neugeborenes unmittelbar nach der Geburt nicht. Später dürfen sie und ihr Mann nur im Wechsel zu Elli-Lou, die Sicherheitsregeln wegen Covid-19 müssen während ihres gesamten Krankenhausaufenthalts streng beachtet werden.

Insgesamt 97 Tage bleibt Elli-Lou auf der Kinder-Intensivstation. Ihre Eltern leben zwischen Bangen und Hoffen. Manchmal wacht Kathrin Bennett mitten in der Nacht in Sorge um ihr Kind auf und oft ruft sie deswegen mitten in der Nacht in der Kinderklinik an. Sie weiß, dass ihr dort rund um die Uhr gerne Auskunft da-rüber gegeben wird, wie es ihrer Kleinen gerade geht. Elli-Lou, mit gerade mal 440 Gramm und 26 Zentimetern auf die Welt gekommen, entwickelt sich gut. Nur kurz vor ihrer geplanten Entlassung drei Monate nach ihrer Geburt gibt es im letzten Moment noch einen Schreck: Das kleine Mädchen wehrt binnen weniger Tage erfolgreich eine Lungenentzündung ab und darf nun endlich nach Hause. Auch dort werden sie und ihre Eltern nicht alleingelassen.

Noch im Klinikum hat ihnen die bundesweite und auch in Traunstein beheimatete Nachsorgeeinrichtung »Bunter Kreis« Unterstützung angeboten und Elli-Lou kennengelernt. Die Bennetts nehmen die Hilfe für knapp ein halbes Jahr gerne an und sind noch heute mit Nachsorgeschwester Cornelia Möller in Kontakt. »Das war auch eine intensive und sehr wertvolle Zeit«, sagt Kathrin Bennett.

Sie und ihr Mann sind voller Dankbarkeit für die Unterstützung und den Zuspruch, die sie in dieser emotional so enorm belastenden und daher auch noch immer in ihnen nachwirkenden Zeit durch Familie, Freunde, Kinderklinik und Bunten Kreis erfahren haben. »Wie in der Kinderklinik auf die Eltern eingegangen wird, tut wirklich gut, die jungen Ärztinnen, die Pflegekräfte, einfach das gesamte Team um Chefarzt Dr. Gerhard Wolf hat uns ganz toll begleitet und unterstützt«, so Kathrin Bennett. »Das ist essenziell, damit man in solch einer Extremsituation nicht zerbricht«, sagt ihr Mann. Hoffnung und Zuversicht möchten Kathrin und Germain Bennett auch anderen jungen Eltern mitgeben. Ihr Beispiel könne zeigen, dass doch noch alles gut werden kann, meinen sie: Inzwischen ist Töchterchen Elli-Lou fast 18 Monate alt und wiegt schon sieben Kilo, ist 70 Zentimeter groß, gesund und liebt Erdbeeren und Banane mit Müsli zum Frühstück. Das klingt nach ganz viel Lebensfreude.

Ina Berwanger

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