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Ruhpoldingerin wird heute 100 Jahre alt – und blickt zurück

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Ruhpoldingerin wird heute 100 Jahre alt – Großer Geburtstag und Rückblick
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Besuche sorgen immer für Abwechslung: Jubilarin Rosa Oellinger mit ihrem Sohn Prof. Dr. Robert Oellinger (links) und ihrem Neffen Dr. Michael Schuhbeck. (Foto: Schick)

Ruhpolding – Sie ist die älteste noch lebende Bürgerin, die im damals verschlafenen Ruhpolding geboren wurde: Am heutigen Valentinstag feiert Rosa Oellinger bei bester Gesundheit und im Kreis der Familie, mit Freunden und Bekannten ihren 100. Geburtstag.


Ihre persönliche »Lebenslaufzeit« steht zwar nicht im Guinness-Buch der Rekorde, doch die rüstige Jubilarin ist sich im Klaren darüber, dass es nicht jedem Menschen beschieden ist, einen solch denkwürdigen Tag zu erleben; noch dazu in geistiger Frische. Dafür ist sie dem Herrgott in besonderer Weise dankbar.

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Das Licht der Welt erblickte Rosa Oellinger, geborene Schuhbeck, auf dem elterlichen Wimmer-Hof (heute Hotel Ruhpoldinger-Hof), einem der markanten, Ortsbild prägenden Bauern­höfe mitten im Dorf, wo sie als jüngste Tochter mit zwei Schwestern und drei Brüdern aufwuchs.

Wie damals üblich, mussten die Schuhbeck-Kinder schon früh am Hof mitarbeiten, denn die 20 Kühe und anderen Tiere wollten versorgt sein. Da bot der hölzerne Dorfbrunnen im Sommer gleich nebenan willkommene Abkühlung. »Das war immer unser Planschbecken, da kamen auch die Kinder aus der Nachbarschaft,« erinnert sich die Jubilarin gern an die unbeschwerten Stunden zurück.

Auch der kurze Weg zur Schule war von Vorteil. Allerdings nicht nur für sie als »Dorferin«. Denn ausgerechnet das Fräulein Vierthaler, das im Unterricht recht fleißig den Tatzenstecken benutzte, kam fast täglich zu ihnen heim, weil die Mama den besten Kaffee weit und breit kochte. »Der hätte ich am liebsten die Tasse umgeschüttet«, ärgert sie sich heute noch über die strenge Lehrerin.

Eine weitere Begebenheit, die für die Pfarrei von Bedeutung war, ist ihr ebenfalls in Erinnerung geblieben. Denn das Grundstück auf dem Kirchbichl, auf dem die Pfarrkirche St. Georg steht, gehörte zum Wimmer-Anwesen. Erst durch langes Verhandeln mit ihrem Vater gelang es dem damaligen Pfarrer Eder, die Besitzverhältnisse zu regeln. »Der hat ganz schön oft kommen müssen, bis es soweit war«, blickt sie zurück.

Der frühe Tod der Mutter 1930 stellte die damals Zehnjährige sowie die ganze Familie auf eine harte Probe. Doch der Schicksalsschlag förderte auch ihre Fähigkeit, das Leben trotz aller Hindernisse zu meistern.

Das bewies sie bereits mit 18 Jahren eindrucksvoll: Zusammen mit einer weiteren Kursteilnehmerin bestand sie als erste Ruhpoldingerin auf Anhieb die Führerscheinprüfung – eine Sensation für damalige Verhältnisse, die für Gesprächsstoff sorgte. »Zum Unterricht nach Traunstein sind die Frau von Kaufmann (Ehefrau von Georg von Kaufmann, Leiter der Waldarbeiterschule) und ich immer 'schwarz' gefahren, da hat sich keiner darüber aufgeregt«, lacht Rosa Oellinger verschmitzt. Praktizierte Frauenpower zu einer Zeit, als Emanzipation noch wirklich ein Fremdwort war.

In der Folgezeit saß sie täglich am Steuer eines Lastwagen der Marke »Tempo A 400«, um von den Gehöften rings um Ruhpolding Milch für die elterliche Molkerei einzusammeln. Wenn es die Zeit erlaubte, machte sie auch schon mal auf Bitten der Ordensschwestern des »St.-Anna-Hauses« eine Spritztour mit den kleinen Patienten, die dort ihre Lungenkrankheiten auskurierten.

1942 wechselte sie zur Molkerei Spieldiener nach Bad Reichenhall, wo sie ihren späteren Mann, den gelernten Schriftsetzer Johann Oellinger aus Traunstein kennen- und lieben lernte.

Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wurde 1946 geheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, die während ihrer Studienzeit in jeder Hinsicht von den Eltern unterstützt wurden. Beide, Robert und Hans, promovierten und sind als angesehene Ärzte, auch zum Teil ehrenamtlich, in Entwicklungsländern tätig. Nach und nach hat sich die Familie um fünf Enkel und drei Urenkel erweitert.

Prägend waren auch die zehn Jahre auf der Reiteralm, als die naturverbundenen Oellingers die Neue Traunsteiner Hütte als Hüttenwirte betrieben und in Spitzenzeiten bis zu 300 Skifahrer verköstigten.

1982, zu Beginn des Rentenalters, erfolgte der Umzug von Reichenhall nach Ruhpolding, wo ihr Mann im Jahr 2000 verstarb. Seit acht Jahren verbringt Rosa Oellinger nun im SenVital ihren Lebensabend.

Dass sie mittlerweile nicht mehr am Steuer eines Lastwagen sitzen kann, sondern mit dem Rollator im Ortszentrum ihre Runden dreht, stört sie nicht im Geringsten. »Hauptsache, ich komm’ an die frische Luft,« meint sie amüsiert und fügt hinzu: »Und an meinem Planschbecken aus Kindertagen vorbei…« ls

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