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Ruhpolding: »Stoffe sind wie Musik«

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Ruhpolding -Evi Schweiger
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Kaum zu Hause hat Evi Schweiger schon wieder alle Hände voll zu tun: Für die Almkirta im Holzknechtmuseum bereitet sie eine Trachten-Ausstellung vor.

Ruhpolding – »Stoffe sind wie Musik«, sagt Evi Schweiger, während sie sich an einem alten Mieder-Oberteil zu schaffen macht, »sie verbinden Menschen auf allen Kontinenten«. Warum die Trachtenschneiderin aus Ruhpolding so überzeugt ist von dieser Einschätzung, ist leicht zu verstehen. Seit vielen Jahren reist die Ruhpoldingerin durch die Welt, auf der Suche nach ausgefallenen Stoffen, die ihr die Welt bedeuten. So holt sie sich die halbe Welt in ihre Schneiderstube nach Hause.


Erst vor ein paar Tagen kam sie von einer mehrwöchigen USA- und Kanadareise zurück. Im Gepäck: eine Kollektion herrlich gewirkter Muster, die ihr Schneiderherz höherschlagen lassen. Darunter wunderbares Material für historische Männerwesten und Röckischürzen für die Frauen. Denn Evi Schweiger hat ein ausgeprägtes Faible für alte Trachten. Deshalb engagiert sie sich unter anderem mit ihrer Erfahrung bei der Historischen Gruppe des Trachtenvereins »D' Rauschberger-Zell«, die demnächst ihr 110-jähriges Bestehen mit einer Almkirta in der Laubau feiert. Dafür bereitet sie eine Ausstellung vor, die sich mit dem Thema historische Trachten, alltägliche Kleidungsstücke, Fotos, Bilder und vielem mehr beschäftigt.

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So wie jetzt bei ihrem Trip über den großen Teich wurde Evi Schweiger in der Vergangenheit auch schon woanders auf dem Globus fündig. Ob in Spanien, Dubai, Persien oder sogar auf Hawaii – immer wieder war ihr das Glück beschieden, genau das zu finden, auf das sie spekulierte. Aus dem Kaukasus brachte sie einmal kunstvolle Borten und raffinierte Posamenten mit. »Da kommen dir Dinge unter, die in unseren Breitengraden gar nicht mehr hergestellt werden«, freut sich das langjährige Innungs-Mitglied des Bekleidungshandwerks für Traunstein und das Berchtesgadener Land. 2012, zum 100. Geburtstag der Innung wurde sie für ihre Verdienste geehrt. Dabei hielt sie vor Fachpublikum einen beachtenswerten Vortrag über ihr Spezialgebiet.

Die Reise in den Kaukasus hatte sie in erster Linie deshalb unternommen, weil ihr Vater während des Zweiten Weltkriegs in der Gegend stationiert war. Er ist zwar später in Kattowitz in Polen gefallen, aber sie hatte einfach das Verlangen danach gespürt, seine kaukasischen Spuren nachzuverfolgen.

Wenn im Dorf ein Fest mit Vergangenheitsbezug und monumentalem Anspruch ansteht – dafür ist die Rauschberggemeinde ja bekannt –, dann wird der Ruf nach Evi Schweiger immer laut. Ihr untrügliches Gespür für authentische Ausstattung, ganz egal, um welche Epoche es sich handelt, ist sprichwörtlich. Dann laufen die Fäden bei ihr zusammen, dann ist sie in ihrem Element. Und das noch dazu ehrenamtlich. So beim 250-jährigen Kirchenjubiläum, der 125-Jahr-Feier der Einheitsgemeinde, bei Schützen- und Trachtenfesten bis hin zur Miesenbacher-Waldweihnacht, zu der sie in der Vergangenheit viele Laien-Darsteller ausstattete und damit das Bühnenbild mitprägte.

Besonders am Herzen liegen ihr auch die prunkvollen Kostüme, mit denen die Ministranten am Drei-Königs-Tag von Haus zu Haus ziehen. Alle in mühevoller Arbeit angefertigten oder im Lauf der Zeit zusammengetragenen Objekte hütet sie wie ihren Augapfel. Die Gemeinde hat ihr dafür einen Raum zur Verfügung gestellt, in dem sie die textilen Schätze aufbewahren kann. Viele sind untrennbar mit persönlichen Erinnerungen verbunden, bei denen sogar der ehemalige Schah Reza Pahlevi indirekt eine Rolle spielte. Als 1979 im Iran Ajatolla Chomeni den politischen Umsturz einleitete, hatte das auch Einfluss auf den Textilhandel. Als ein Schweizer Fabrikant deshalb auf seiner Lieferung sitzen geblieben war, nahm ihm Evi Schweiger einen größeren Posten mit seltenen türkischen und schottischen Mustern ab. ls

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