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Interview mit Ruhpoldinger Weihbischof: »Das Zölibat war nie unumstritten«

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Ruhpolding: Interview mit Weihbischof: »Das Zölibat war nie unumstritten«
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Weihbischof Dr. Bernhard Haßlberger. (Foto: EOM/Wolf)

Ruhpolding – Der geborene Ruhpoldinger Bernhard Haßlberger ist seit 25 Jahren Weihbischof im Erzbistum München und Freising, Bischofsvikar für die Seelsorgeregion Nord des Erzbistums und seit 2013 auch Dompropst.


Auch in vielen anderen kirchlichen Gremien ist Dr. Haßlberger vertreten, als Mitglied in der Kommission Weltkirche und als Beauftragter für die Polizeiseelsorge in Bayern. Mit seinem Heimatort Ruhpolding ist Dr. Bernhard Haßlberger noch eng verbunden. Seit Jahren verbringt er regelmäßig seinen Sommerurlaub bei der Familie seines Bruders Martin in Ruhpolding. Während im Dom zu Freising und im Münchner Liebfrauendom sein 25-jähriges Bischofsjubiläum mit Kardinal Reinhard Marx gebührend gefeiert wurde, feiert Haßlberger am Sonntag mit den Ruhpoldingern während der 10-Uhr-Messe in St. Georg. Christiane Giesen sprach mit Weihbischof Haßlberger über das Zölibat und die künftige Rolle der Frau in der Kirche.

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Im Zusammenhang mit den nicht abreißenden Missbrauchsfällen auch in der katholischen Kirche wird immer wieder die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Zölibats aufgeworfen.

Das Zölibat gibt es seit 800 Jahren und es war nie unumstritten, besonders nicht zu den Zeiten der Reformation, als die protestantische Kirche entstand und das Zölibat ablehnte. Auch im ersten Jahrtausend war es selbstverständlich, dass Priester und Bischöfe geheiratet haben. In den urchristlichen Gemeinden gab es viele Frauen, die »die Hosen anhatten«, aber die Obersten waren wohl immer Männer. Später haben sich bei den harten Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst die Reformklöster und Klerikerstifte gebildet, deren Prinzip Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit waren. Im Laufe der Zeit wurde dieses Modell auch auf das Priestertum übertragen. Dabei wurde allerdings nicht berücksichtigt, dass der einzelne Priester nicht wie ein Ordensmann in einer Gemeinschaft lebt und zum Beispiel oftmals auch mit Einsamkeit zu kämpfen hat.

Sehen Sie heute auch Vorteile im Zölibat?

Ein großer Vorteil ist es, dass der Priester seine ganze Zeit selbst ohne Rücksicht auf die Familie für seine Aufgaben ganz frei einteilen kann. Ich weiß aber, dass es so manchem Priester mit dem Zölibat nicht gut geht.

Ich hatte das große Glück, eine Familie und gute Freunde zu haben, sodass ich mich nie wirklich einsam fühlte. Selbstverständlich war es auch für mich nicht immer einfach, zu sehen, wie viele andere Familie bekamen, heute auch Enkel, und ich mich fragen musste, ob ich diesen Weg wirklich gehen wollte. Letztendlich bin ich aber bis heute glücklich in meinem Beruf und den vielfältigen Aufgaben, die ich ehrlicher Weise mit eigener Familie wohl nicht bewältigen könnte. Aber ich denke, dass das Zölibat für jeden von uns eine Riesenherausforderung ist.

Können Sie sich vorstellen, dass sich in einigermaßen absehbarer Zeit am Zölibat etwas ändert?

Es gibt Überlegungen in der Kirche, das Zölibat in solchen Regionen zu erleichtern, in denen nicht mehr ansatzweise genügend ordinierte Priester gibt. Ich bin kein Hellseher, aber es könnte sein, dass sich in diesem Punkt im Laufe der Zeit etwas ändert. Dabei geht es ja auch um das Problem von Scheidungen. Wenn Priester heiraten – und die Weihe zum Priester ist ebenso ein Sakrament wie die kirchliche Eheschließung – dürfen sie dann auch geschieden werden? Die Abschaffung des Zölibats würde viele Probleme aufwerfen. Ich bin froh, dass ich das nicht entscheiden muss.

Jesus selbst hat wohl nicht zölibatär gelebt, oder?

Das wissen wir nicht. Es gibt natürlich viele Spekulationen darüber. Klar ist, dass Jesus sicher nicht an ein Pflichtzölibat gedacht hat. Allerdings sind seine engsten Mitarbeiter, die zwölf Apostel, Männer gewesen. Er war aber auch von vielen Frauen umgeben und die waren seine treuesten Anhänger, die auch unter dem Kreuz in seinem Todeskampf bei ihm ausharrten.

Hängen die Missbrauchsfälle in der Kirche mit dem Zölibat zusammen?

Im letzten Jahr wurde eine Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Die Studie nennt keine absoluten Zahlen, sondern gibt hochgerechnete Quoten pro 100 000 Personen an, um so zu einem Vergleich zur gesamten männlichen Bevölkerung zu kommen. Ergebnis ist, dass die Quote angezeigter Priester etwa genauso hoch wie die der männlichen Gesamtbevölkerung ist. Also bestätigt sie nicht die Vermutung, dass ein Priester wegen seiner besonders moralischen Verantwortung Missbrauch begehen würde. Für das Jahr 2015 nennt die Untersuchung zum Beispiel 33,4 beschuldigte Priester pro 100 000 Personen.

Ein Priester wird mit Argusaugen von seiner Gemeinde beobachtet und sollte doch ein Vorbild sein?

Ja, deshalb sind die Missbrauchsfälle, die 2010 ans Tageslicht kamen und auch heute weiter begangen werden, schrecklich. Das ganze Ausmaß hat nicht nur mich, sondern alle Verantwortlichen in der Kirche tief erschüttert. Durch den Missbrauchsskandal ist vieles aufgedeckt worden; gut ist, dass die Kirche dadurch von ihrem – zum Teil noch immer – moralisch so hohen Ross heruntergezogen wurde. Nun endlich ist auch die Kirche hellhörig geworden, sodass sie in der Prävention weit besser aufgestellt ist, als früher.

Die zweite große Frage ist, weshalb Frauen in der katholischen Kirche noch immer nicht zu Priestern geweiht werden dürfen, obwohl die ehrenamtliche Arbeit in den Gemeinden zu einem großen Teil von Frauen geleistet wird?

Heute ist es sicher so, dass die Kirche von den Frauen getragen wird. Als ich ein Bub war, war das noch nicht so. Es arbeiteten weit überwiegend Männer im Pfarrgemeinderat. Persönlich könnte ich mir heute die Ordinierung von Frauen zum Priesterberuf vorstellen. Aber die katholische Kirche ist weltumspannend tätig – ein Afrikaner denkt nicht unbedingt wie ein aufgeklärter Westeuropäer. Sicher müssen die Gläubigen Manches aushalten. Wenn man jedoch die Gesamtkirche zusammenhalten will, muss man – das heißt der Papst – nach allen Seiten austarieren, um den richtigen Weg zu finden.

Wie stellen Sie sich persönlich Ihre Zukunft vor?

Bei einem Bischof ist es üblich, dass er bis zu seinem 75. Lebensjahr aktiv ist, sofern er fit und gesund ist. Das bin ich Gott sei Dank. Natürlich muss ich meinem Nachfolger das jetzige Domizil überlassen. Ich kann mir vorstellen, in einer Pfarrei, in der man mich braucht, gleichsam als Kaplan zum Beispiel in der Seelsorge mitzuarbeiten. In den Heimatort zurückzugehen, wo man so viele kennt, halte ich eher nicht für sinnvoll. Aber noch ist ja ein bisschen Zeit. Ein Bischof muss ein Jahr, bevor er in den Ruhestand geht, seinen Rücktritt dem Papst anbieten, welcher auch angenommen wird. Im Alter von 75 halte ich das auch für sehr sinnvoll. Christiane Giesen