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»Ich war drei Minuten tot«: Biathlon-Ikone Wolfgang Pichler spricht erstmals über seinen Herzinfarkt

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Ruhpolding: Biathlon-Ikone Pichler spricht im Interview über seinen Herzinfarkt
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Wolfgang Pichler sprach am Dienstag in seinem Ruhpoldinger Haus beim Interview erstmals über seinen Herzinfarkt bei einer Radtour. (Foto: Kas)

Ruhpolding – Er sieht angeschlagen aus, geistig aber ist er voll auf der Höhe: Wolfgang Pichler, einer der erfolgreichsten Biathlontrainer der Welt, spricht erstmals öffentlich nach seinem Herzinfarkt, den er vor neun Wochen bei einer Radtour im Landkreis Traunstein erlitten hat.


Er ist schon wieder voller Tatendrang und hat einen großen Wunsch. Jenen Menschen, der ihm das Leben gerettet hat, will er finden, kennenlernen und sich erkenntlich zeigen. Unsere Sportredaktion sprach mit dem 65 Jahre alten Pichler, der seit einem Jahr Direktor im Nationalen Olympischen Komitee in Schweden ist.

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Welche Erinnerung haben Sie an jenen 27. September, als sie am Ottinger Berg im Landkreis Traunstein nach einem Herzinfarkt vom Rad fielen und erst vier Tage später aus dem Koma erwachten?

Ich habe null Erinnerung. Ich weiß nichts von dem Unfall und ich weiß auch nichts darüber, was ich die fünf Tage davor getan habe. Fakt ist, dass ich auf einer Radtour mit acht schwedischen Eisschnellläufern unterwegs war. Die sind derzeit im Trainingslager in Ruhpolding. Wie mir berichtet wurde, sind wir von ihrem Hotel gestartet, Richtung Waging geradelt und am Ottinger Berg passierte dann das Unglück.

Ich hatte die Strecke selbst ausgesucht, wollte ihnen mal eine andere Tour bieten als rund um Ruhpolding. Wir sind flott gefahren, ich kenne ja die Strecke. Sie haben mir erzählt, dass wir bergauf geradelt sind, oben bin ich dann umgefallen und hatte großes Glück, denn ich fiel direkt auf einen der Athleten, ein Zwei-Meter-Mann, der neben mir gefahren ist.

Sie waren sofort weg?

Ja, sofort. Die Athleten und die Waginger Feuerwehrler, die im Einsatz waren, erzählten mir später, dass hinter uns der Mannschaftswagen fuhr und dahinter ein Auto. Darin saß mein Lebensretter. Er stieg sofort aus, erkannte die dramatische Situation und rief den Notarzt.

Gleichzeitig holte er mich als Ersthelfer durch Herzmassage ins Leben zurück. Das geschah unter telefonischer Anleitung der Notrufzentrale. Der Mann hat mich reanimiert. Die Ärzte sagten mir später im Krankenhaus, dass ich drei Minuten lang tot war. Aber nicht länger, so gab es keine Gehirnschäden. Der Notarzt war übrigens nach acht 
Minuten zur Stelle.

Und diesen Lebensretter suchen Sie jetzt.

Richtig! Ich will mit ihm reden, ihn kennenlernen, mich erkenntlich zeigen und ihn belohnen. Dieser Mann hat mir ja das Leben gerettet. Niemand sagt mir, wer das ist. Vielleicht liest er dieses Interview. Ich bitte ihn, sich bei mir in Ruhpolding zu melden. Das wäre mir ganz wichtig.

Aber die Polizei muss doch wissen, wer das ist.

Ich denke ja, aber von der Polizei erfährst du gar nichts. Es heißt nur, sie dürften nichts sagen. Ich habe schon ein paar Mal angefragt.

Wie war es im Krankenhaus?

Ich wurde notoperiert, zwei Stents wurden gesetzt, ich kam in ein künstliches Koma und wurde nach vier Tagen zurückgeholt. Das war grausam, ich war tot, habe Geister gesehen. Ich dachte, wir werden alle überwacht. Ich hatte Halluzinationen. Ich bin ein gläubiger Mensch, habe mir dann eingeredet, dass es noch nicht so weit sein sollte.

Unfassbar! Die Ärzte haben mir gesagt, das sei alles normal. Aller höchste Anerkennung muss man dem Personal im Traunsteiner Krankenhaus aussprechen. Was die dort leisten, ist großartig. Es ist der Wahnsinn. Wir lagen zu viert auf Intensiv auf engstem Raum. Die Ärzte und Schwestern dort arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen. Ich habe nie geglaubt, dass es in Deutschland so etwas gibt.

Sie hatten großes Glück.

Das kann mal wohl sagen, ich hatte Riesenglück. Nach einer Woche auf Intensiv kam ich auf Station, bekam Besuche und es wurde immer besser. Mein Bruder Claus (Anm. d. Red: Ruhpoldings ehemaliger Bürgermeister) hat den Medienmanager übernommen, meine Frau Ute alles andere. Claus hatte gleich mal korrigiert, dass ich keine Kopfverletzungen hatte. Da war zunächst wohl eine Falschmeldung hinausgegangen.

Was sagen die Ärzte, wie sollen Sie sich künftig verhalten?

Ich soll trainieren, ganz einfach. Ich bin ja besser beisammen als vorher, weil die beiden Stents helfen. Also werde ich wenig zurückstecken, ich will aber keine Meisterschaften mehr bestreiten. Tennis will ich natürlich beim TSV Bad Reichenhall weiterhin spielen. Außerdem habe ich in der Reha Qigong gelernt. Das mache ich jetzt jeden Tag. Die Chinesen kennen es seit 2000 Jahren. Dazu messe ich jeden Tag Blutdruck, nehme meine Medikamente und trainiere. Den Alkohol lasse ich etwas weg, trinke nur mein Zwickl alkoholfrei und weniger Wein.

Die Sorgen um Sie waren groß.

Claus hat mir gesagt, dass Sport-Vertreter aus Schweden und Russland fast täglich angerufen haben. Man sieht daran schon den Stellenwert. Die Anteilnahme war wirklich sehr groß. Ich hatte nicht geglaubt, dass ich so populär bin. Für das Wochenende haben sich die ersten Fernsehteams angesagt.

Haben Sie etwas aus der Situation gelernt, machen Sie sich Vorwürfe?

Nein, keine Vorwürfe! Ich habe nichts falsch gemacht. Gelernt habe ich, dass eine Patientenverfügung unerlässlich ist. Eine solche gab es nicht. Da hat meine Frau null Rechte. Wäre ich nicht aufgewacht, hätte ein Vormund entschieden. Ich kann nur jedem raten, zu Lebzeiten eine Patientenverfügung auszufüllen und ein Testament richtig zu machen. Das ist jetzt eine meiner ersten Aufgaben.

Ich hätte niemals gedacht, dass ich in so eine Situation kommen kann. Und ich werde nie mehr etwas aufschieben, also sagen, »das machen wir irgendwann mal«. Das gibt es nicht mehr. Ich werde ein Vorhaben sofort in Angriff nehmen oder gar nicht. Gelernt habe ich auch, etwas demütiger zu werden.

Ihnen geht es neun Wochen nach dem Unglück so gut, weil Sie toptfit sind?

Ich war ja topfit, habe jeden Tag zwei Mal trainiert, bin Rad gefahren, bin gerudert und war im Fitnessstudio. Wochen vor dem Unfall war ich beispielsweise am Salzburgring bei einem Rad-Einzelzeitfahren, hatte dort einen Schnitt von 38,4 km/h. Vor mir war nur der Senioren-Weltmeister in meiner Klasse. Ich wäre auch zu den Senioren-Ruder-Weltmeisterschaften gefahren. Ich habe auch regelmäßig Tennis gespielt.

Es war also nicht falscher Ehrgeiz, mit den jungen Eisschnellläufern auf dem Rad mitzuhalten?

Ich wäre ja nie mit ihnen mitgefahren, wenn ich nicht so fit gewesen wäre. Ich habe nie etwas gemerkt, bin Sportler durch und durch. Klar, bei 60 Kilometern mit dem Rad muss man sich plagen, aber das muss ja jeder. Das ist normal. Sport mache ich auch weiter, weil Sport meine Freude ist.

Wie ging es nach dem Aufenthalt im Krankenhaus weiter?

Ich kam sofort auf Reha in die Klinik nach Bayerisch Gmain. Eine super Adresse kann ich nur sagen. Alle geben sich dort viel Mühe. Du trainierst täglich computergesteuert unter medizinischer Aufsicht. Blut und Herz werden regelmäßig untersucht. Das komplette Sportprogramm läuft unter Anleitung, individuell auf dich zugeschnitten.

Ich war richtig zufrieden. Du bekommst auch psychologische Betreuung. Ich komme ja vom Hochleistungssport, da hatte ich immer mit Psychologen zu tun. Das ist ganz wichtig. Auch so einen Kraftraum wie dort habe ich noch nie gesehen. Und ich habe mich immer wieder an meine Zeit als Trainer in Russland erinnert.

Wieso Russland?

Hier gibt es ein Sprichwort, das da lautet: »Es geht nur vorwärts.« Nur ein Beispiel: Wir hatten mal eine Busreise von etwa sechs Stunden zu absolvieren. Nach zehn Minuten hatten wir festgestellt, dass wir keine Brotzeit dabei hatten. Ich hatte dem Fahrer gesagt, er soll doch umdrehen.

Da sind die Biathleten alle aufgesprungen und haben gerufen: »Nein, nicht umdrehen, das bringt Unglück, wir gehen nur vorwärts.« Also ging es weiter – ohne Essen. Aber da bist du geprägt. Die Russen haben nach meinem Unfall übrigens auch finanzielle Hilfe angeboten, die Schweden ebenso. Das finde ich ganz stark.

Wann nehmen Sie Ihre Arbeit wieder auf?

Ich bin schon mittendrin. Sonst wird es ja langweilig. Ich war kürzlich bei den Rodlern. Der Sport gehört auch zu meinem Bereich. Wir haben in Schweden einen Rodler mit guter Perspektive. Der trainiert jetzt bei den Österreichern mit. Da muss man sich ein Bild machen und nachschauen, ob alles passt. Ich bin als Direktor auch verantwortlich, bzw. zuständig für Damen-Skispringen, Skeleton, Eisschnelllauf, Langlauf und Biathlon. Bob ist zu kostspielig, den Sport gibt es nicht in Schweden. Aktuell bin ich für die Vorbereitung für die Spiele in Peking zuständig.

Und im Biathlonverband haben Sie auch noch einen Beratervertrag.

Ja, da gibt es immer was zu tun. Ruhpolding hat ja die Biathlon-Challenge von Schalke übernommen. Jetzt kümmere ich mich darum, dass ein starkes schwedisches Paar an den Start geht, denn das schwedische Fernsehen überträgt ja live.

Der Biathlon-Weltcup wurde in Kontiolahti gestartet. Schweden feierte große Erfolge. Bei den Frauen fünf unter den Top 10, bei den Männern Platz zwei und drei und im Einzelwettkampf drei Top-Sechs-Laufzeiten. Ist das das Ergebnis ihrer Trainerarbeit?

Ich will mich jetzt nicht rühmen. Aber im Jahr 2015 war Schweden ganz unten. Da musste etwas passieren. Ich habe alle, die mit Biathlon zu tun hatten, nach 
Oestersund eingeladen. Dann legte ich mein Konzept vor. Das sah vor, die alten Sportler alle rauszuwerfen und mit jungen Athleten einen völligen Neustart hinzulegen. Ja, die Ergebnisse in Finnland sind jetzt das Ergebnis dieser Aufbauarbeit.

Wir ziehen seit fünf Jahren ein komplett neues System durch. Ich habe mir dabei viel von den Fußballern abgeschaut. Der FC Augsburg beispielsweise war in Ruhpolding im Trainingslager. Das hatte ich mir genau angeschaut und erkannt, dass der Verein – und wohl alle anderen Bundesligisten auch – für jeden Bereich einen Spezialisten angestellt haben. Da war für mich klar, dass wir das auch brauchen. Ich habe mich an Jürgen Klinsmann erinnert.

Aber Klinsmann wurde doch beim DFB verteufelt.

Das mag schon sein, aber er war der erste Bundestrainer, der dieses System in Deutschland eingeführt hat. Klinsi brachte die große Wende mit seinen Spezialisten aus Amerika. Die hatten zwar keine Ahnung von Fußball, aber jeder war Experte in seinem Bereich, egal ob Kraft-, Ausdauer, Schnelligkeit, Technik, Zweikampf, Ansprache, Psyche und so weiter. Genau das habe ich in Oestersund erklärt. Das kostet natürlich viel Geld und wir hatten keines. Aber nach und nach konnten wir alles finanzieren.

In meinem Vertrag stand auch, dass ich auch die Trainer ausbilden sollte. Und die habe ich genau auf Linie gebracht. Alle arbeiten heute noch. Wir haben eine neue Cheftrainerin, den besten Techniktrainer, einen ehemaligen Generalsekretär vom Langlauf, der zum Biathlon gewechselt ist. Und wir haben die besten Wachsler. Johannes Lukas aus München will ich erwähnen. Der ist seit vier Jahren im Trainerteam und jetzt Chef. Ein super Mann! Das Knowhow passt, die Sponsoren auch. Wir fördern aktuell sechs junge Biathleten. Es kommen wieder große Zeiten für Schweden!

Ein anderes großes Projekt packen Sie aktuell mit an.

Ja, da geht es um eine Biathlon-Akademie der Internationalen Biathlon Union (IBU). Ich bin hier in einer Kommission und schaue auch auf Ruhpolding. Das ist ein weltweites Projekt mit zwei Universitäten in Oestersund und Salzburg. Grund: Es gibt viele gute Nationen und das muss erhalten bleiben. Das ist wichtig für die Olympischen Spiele. Wir müssen die Breite fördern, sonst geht es uns wie anderen Wintersportarten, in denen nur ein paar Nationen daheim sind.

Man muss nur zum Skispringen schauen. Da waren jetzt acht Mannschaften beim ersten Weltcup am Start. Es handelt sich um ein dreistufiges Programm, das jetzt anläuft. Ich schiebe es mit an, weil es für unseren Sport ganz wichtig ist. Demnächst treffe ich mich mit dem Präsidenten des Rodel-Weltverbands und erkläre es ihm.

Aber was bedeutet Biathlon ohne Zuschauer?

Wenn man sieht, wie die ganze Welt unter dem Virus leidet, müssen wir froh sein, dass die Wettbewerbe unter diesen Bedingungen überhaupt durchgeführt werden können.

Und was ist Ruhpolding ohne Biathlon-Weltcup 2021?

Diese Entscheidung akzeptiere ich nicht. Es ist enttäuschend. Ich glaube, Ruhpolding hätte den Weltcup mit Sponsoren hinbekommen können. Das finanzielle Argument lasse ich nicht gelten. Wenn es Oberhof schafft, wieso nicht Ruhpolding? Ruhpolding hat sich zu leicht geschlagen gegeben. Da war kein Schwung dahinter. Es wäre Verhandlungsgeschick gewesen. Ich glaube, dass für den Deutschen Skiverband von Anfang an nicht klar war, dass Oberhof die Veranstaltungen bekommt.

Karlheinz Kas

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