Der »Homer des Chiemgau« würde heute 100 Jahre alt

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Christian Hechenbichler, der Simandl, wäre am heutigen Montag 100 Jahre alt geworden. Unser Bild zeigt ihn im Alter von 85 Jahren in seiner Stube auf dem Simandlhof neben einer von ihm geschnitzten Madonna. (Foto: Archiv Giesen)

Ruhpolding – Seinen 100. Geburtstag würde der Simandl, Christian Hechenbichler, am heutigen Montag begehen, würde er noch leben. Doch mit 92 Jahren war er eines Morgens nicht mehr aufgewacht; ein Tod, den er sich immer gewünscht hatte.


Hechenbichler war trotz seiner frühen Erblindung eine außerordentliche Persönlichkeit, die Zeit ihres Lebens viel für ihre bayerische Heimat und ihr Dorf leistete: Zuletzt als Dichter – »Homer des Chiemgau«, wie er von vielen genannt wurde, früher als Holzschnitzer, Kreisrat, Gemeinderat und Vorstandsmitglied in vielen Vereinen, prägte er das öffentliche Leben.

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Bis zuletzt zeichnete er sich durch geistige Beweglichkeit und ein Gedächtnis aus, von dem manch Jüngerer nur träumt. Sein gewaltiges geschichtliches und literarisches Wissen sprudelte nur so aus ihm heraus, und er konnte unendlich viel aus dem Ruhpoldinger Gemeindeleben erzählen. All das, obwohl er seit fast 20 Jahren blind war: 1943 hatte er im Krieg sein linkes Auge durch einen Granatsplitter verloren. Durch eine Krankheit wurde auch die Sehkraft am rechten Auge immer schwächer.

Als sechstes von zwölf Kindern wurde Hechenbichler auf dem Simandl-Hof in Ruhpolding geboren. Schon als kleiner Bub hätte er nichts lieber als das Schnitzen gelernt. Mit dem ersten Taschenmesser schnitt er an Lindenholzabfällen der Schreinerei von Bartholomäus Schmucker herum. Erste Figuren schnitzte der Zwölfjährige, als er von einem Freund seines Vaters drei alte Schnitzmesser geschenkt bekam.

Mit 16 Jahren kam der erste künstlerische Auftrag: eine 80 Zentimeter hohe Heiligenfigur für die Josefskapelle in Kleeham bei Chieming, die heute noch zu sehen ist. Sie war so gelungen, dass auch sein Vater die Freizeitbeschäftigung akzeptierte. Nun schnitzte der Bub auch Tierfiguren und verkaufte sie an die Feriengäste des Simandl-Hofs.

Mit dem Tod des Vaters 1939 musste er mit der Mutter den Hof bewirtschaften und die kleinen Geschwister durchbringen. Von 1941 bis 1945 war er im Krieg, dann in Gefangenschaft bei Tarent, wo ihm die Engländer die Bodenbretter der Versorgungskisten überließen, damit er für sie schnitzen konnte.

Nach dem Krieg galt es, den Hof aus dem Jahr 1741 instand zu setzen und den Betrieb in Schwung zu bringen. 1948 heirateten Hechenbichler und Maria Mader vom Bindergütl in Siegsdorf. Sie bekamen drei Söhne und drei Töchter. »Das war doch das Beste an meinem Leben – 50 Jahre verheiratet und immer treu und fest zusammengehalten, dazu drei Paar gesunde Kinder«, sagte er dazu. Aber auch im öffentlichen Leben war er engagiert. Von 1952 bis 1966 und von 1972 bis 1984 war er für die CSU im Gemeinderat, von 1966 bis 1984 auch im Kreisrat. In den 60er Jahren war er zehn Jahre Bauernobmann, acht Jahre Schöffe beim Landgericht, viele Jahre in der Vorstandschaft der Traunsteiner Volkshochschule und amtlich vereidigter Boden-, Flur- und Wildschadensschätzer. Seit 1952 kämpfte er für die Erhaltung der Forstrechte. Viele Jahre war er Ortsobmann beim Verband der Forstberechtigten im Chiemgau. Zudem war er Ehrenmitglied beim Trachtenverein »D' Miesenbacher«, bei der Krieger- und Soldatenkameradschaft und beim Burschenverein, dessen Vorstand er einige Jahre war. Er sang 40 Jahre im Kirchenchor, später auch im Männerchor und spielte leidenschaftlich gern Theater. Nach dem Krieg baute er das Theaterspiel in Ruhpolding wieder mit auf.

Seine größte Leidenschaft aber blieb das Schnitzen. »Dabei konnte ich mich erholen und alles um mich herum vergessen«, erzählte er. Neben Figuren aus dem Alltagsleben restaurierte und schuf er Heiligenfiguren, denen er oft die Gesichter der Auftraggeber gab, fertigte Krippen, Christusfiguren für Feldkreuze und Madonnen, darunter auch viele Reliefs.

Als er sein Augenlicht ganz verlor, war es ein harter Schlag für ihn, dass er das Schnitzen aufgeben musste. Er ließ sich aber nicht unterkriegen, sondern dichtete bayerische und hochdeutsche Verse, die er telefonisch seinen Freunden vortrug. Das Büchlein »Geschichte einer Jugend – Was die Linde erzählt« erschien in mehreren Auflagen. Ein weiteres Büchlein trägt den Titel »Echt boarisch und gut deutsch« mit Versen, die er auf Tonband sprach. Freunde oder Familienmitglieder schrieben sie dann auf. Noch existieren Büchlein und Tonbänder. Wer etwas haben möchte, kann sich unter Telefon 08663/94 03 an Sandra und Valentin Hechenbichler wenden.

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