Der »Binder-Luck« - ein strammer Neunziger

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Immer mit Wettermantel, Filzhut und seit Corona mit Maske unterwegs: Ludwig Huber, der »Binder-Luck«, der sich täglich ums Ruhpoldinger »Wirtschaftsleben« kümmert.

Ruhpolding – Wenn er seine tägliche Radl-Runden durchs Dorf dreht, kann man es kaum glauben, dass Ludwig Huber, besser bekannt als »Binder-Luck«, am heutigen Mittwoch seinen 90. Geburtstag feiert. Aufrecht wie ein Junger sitzt er dann im Sattel, den verbeulten, dunkelgrauen Filzhut mit den vielen Abzeichen keck in die Stirn gezogen, seinen alten Wettermantel über die rechte Schulter geworfen – so kennt den Luck schon von Weitem jedes Kind. 


Aber auch mit seinen gestandenen 1,80 Meter, den gut hundert Kilo und den wettergegerbten Furchen im Gesicht gibt er trotz seines Alters eine stattliche Erscheinung ab. Ein richtiges Original eben, das sich durch nichts verbiegen lässt und dem der neuzeitliche Mainstream ziemlich wurscht ist.

Ja, die Furchen… Es sind seine persönlichen Baumringe, die ihm die schwere Arbeit im Holzschlag und am Hof beim Fuxbinder, wie sein Anwesen in der Fuchsau seit Alters her heißt, einzeln ins Konterfei geschrieben hat. Über sechzig Jahre war er als Holzknecht – heute Forstwirt – im Staatswald tätig, meistens hinten in der Schwarzachenalm, aber auch schon mal auswärts, wenn im Forstenrieder Park nach verheerenden Stürmen größere Mengen Schadholz aufgearbeitet werden mussten. Im Vinzenzi-Verein ist er schon lange Ehrenmitglied, ebenso unterstützt er den Förderverein des Holzknechtmuseums.

Schon sein Vater Ludwig war vor dem Krieg Partieführer. Da war es naheliegend, dass er vom Wunschberuf Zimmerer umschwenkte, noch dazu, weil zu damaliger Zeit händeringend Holzarbeiter gesucht wurden.

Dass er seine Holz-Gene mittlerweile an Sohn Ludwig, den Dritten und Enkel Ludwig, den Vierten weitervererbt und dadurch seinem früheren Arbeitgeber reichlich Nachwuchs aus der Binder-Familie beschert hat, erwähnt er nicht ohne Stolz. Ungemein freuen würde es den Luck, wenn der jüngste Ludwig den bescheidenen Milchbetrieb in der Zukunft weiterführen würde. »Interesse hat er jedenfalls, der scheut keine Arbeit«, lobt der frischgebackene Neunziger, der nur noch sporadisch auf dem Hof mithilft.

Seit einer Hüft-Operation geht auch nicht mehr alles so leicht von Hand. Aber das steckt er mit stoischer Ruhe genauso weg wie die schweren Schicksalsschläge, als Tochter Resi und Enkel Michael viel zu früh verstarben. Auch der Tod seiner Frau Anni vor zehn Jahren war ein gravierender Einschnitt, der das Leben schlagartig für ihn änderte. Aber er kann auf die Unterstützung der Großfamilie zählen.

Damit ihm daheim nicht die Decke auf den Kopf fällt, verfährt der gesellige Witwer nach dem Sprichwort »Allein ist’s nicht mal im Himmel schön«. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass sich der Luck nicht unter die Leute mischt. Auf einen Ratsch, oder zwei; manchmal werden es auch drei. Es ist seine Art der persönlichen Vergangenheitsbewältigung, ein lieb gewordenes Ritual, nach dem man regelrecht die Uhr stellen könnte. Pünktlich zum Dämmerschoppen kreuzt er im Dorf auf und kümmert sich im wahrsten Sinn des Wortes um das örtliche »Wirtschaftsleben«. Aber nicht, um sich zu besaufen – Ludwig Huber ist ein geschätzter Gesellschafter, mit dem gut zu diskutieren ist und dessen Erfahrungsschatz schier unerschöpflich scheint. Meistens verteilt er seine Gespräche auf mehrere Lokale, denn unterschiedliche Meinungen und Informationen gibt es zu Hauf. Und die Menge an Stoff an den Stammtischen aufzuarbeiten, das kann dann schon mal etwas länger dauern.

Seit sein uralter Drahtesel in zwei Teile gebrochen ist – »…das viele Kopfsteinpflaster« –, schwört er auf das E-Tourenrad mit bequemen Tiefeinstieg, das er sich vor einigen Jahren zugelegt hat. »Jetzt tu' ich mich leichter, wegen der morschen Knochen«, feixt der »Binder-Luck« über die moderne Unterstützung. Immerhin steht der Tacho derzeit bei zehntausend Kilometern. Die meisten stammen aber nicht vom Dämmerschoppen, sondern von seinen Touren rund um Ruhpolding, die er tagsüber unternimmt. Seit Corona immer griffbereit am Lenker dabei: eine FFP-2-Maske, wenn es grad mal zum Einkehren wird. Man weiß ja nie… ls

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