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Das Schadholz ist frühestens im Juni aufgearbeitet

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Reste einer Lawine sind jetzt noch zu sehen. (Foto: Giesen)

Ruhpolding – Wohl keinem Wanderer und wenigen Autofahrern bleiben die zahlreichen Schneisen durch den Bergwald auf dem Weg von Reit im Winkl nach Ruhpolding oder umgekehrt verborgen. Besonders am Weitseeparkplatz zwischen Seehaus und Seegatterl gingen Anfang Januar zwei ungewöhnlich große Lawinen ab, so dass die unmittelbar vorbeiführende Bundesstraße 305 ab 7. Januar gut vier Wochen gesperrt war.


»In diesem Gebiet ist es normal, dass jeden Winter zahlreiche Grundlawinen abgehen«, erklärt Forstamtsrat Harald Siegler, der seit 2010 für dieses Gebiet beim Forstbetrieb Ruhpolding zuständig ist. Dieser Winter sei jedoch ein »Jahrhundertwinter« gewesen, wie er vorher noch nie da war, erklärt Siegler. Normalerweise könnten Lawinen dort, wo ein relativ dichter Wald vorhanden sei, aufgehalten werden. Lawinen seien sozusagen ein »normaler Vorgang«, was man auch an den zahlreichen Lawinenstrichen in dem Gebiet sehen könne. Zum ersten Mal sei jedoch in diesem Jahr die Bundesstraße von einer Lawine total verschüttet worden, sagt der Förster. »Das war noch nie da«. Kurz nach der ersten Lawine ging 300 Meter weiter eine beinahe ebenso schwere Lawine ab – ebenfalls über die Bundesstraße.

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Seither haben die Mitarbeiter des Straßenbauamts Traunstein, der Forstverwaltung Ruhpolding und dem in Marquartstein ansässigen Schutzwaldmanagement das Gebiet bereits mehrfach begangen, Ursachenforschung betrieben und planen nun, was lang- und mittelfristig getan werden kann, um künftig solche Vorkommnisse zu vermeiden.

Die erste schwere Lawine habe sich etwa 200 Meter unterhalb des höchsten Punkts des Hochkienbergs gelöst, so Siegler. Wegen der ungewöhnlich hohen Schneemengen, verbunden mit starkem Wind, sei dann die etwa 150 Meter breite Lawine bei einer ehemaligen, sehr steilen Windwurfstelle abgegangen. Ein Teil davon habe zwar durch den Bergwald gehalten werden können, der andere Teil aber – in einer Breite von etwa 30 Metern – sei mit großer Wucht abgegangen und habe durch den besonders schweren Schnee alles mitgerissen, was im Wege war. »Durch ihr Gewicht entwickeln sie eine wahnsinnige Gewalt«, sagt Siegler.

»Der Schutzwald zwischen Seehaus und Seegatterl weist leider trotz der intensiven Pflege in den vergangenen zehn Jahren immer wieder lichtere Stellen auf«, erklärt Paul Höglmüller, Leiter des Forstbetriebs Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten. Der Wildbestand liege inzwischen zwar im normalen Bereich, aber unter anderem wegen des Wildverbisses in früheren Jahren sei der Schutzwald in dem steilen Gelände immer noch nicht voll intakt und brauche dafür noch etwa 20 Jahre.

Kein »Normalfall« im vergangenen Winter

Im Gebirge werde man Lawinen nie komplett ausschließen können, sagt Höglmüller, und in den vergangenen Jahren sei nicht zuletzt klimatisch viel in Bewegung gekommen. Durch die trockenen Sommer der vergangenen beiden Jahre habe sich der Borkenkäfer massenhaft vermehrt. Dazu kämen starke »Windwurfereignisse«, die vor allem die früher viel zu häufig angepflanzte, schnell wachsende, aber flach wurzelnde Fichte dezimiert habe. Was die Verjüngung betrifft, sei das steile Waldgebiet zwischen Seehaus und Seegatterl jetzt auf einem guten Weg, sagt Höglmüller, so dass im »Normalfall« ein voll ausgebildeter, intakter Schutzwald ausgereicht hätte. Aber den Normalfall gab es halt im vergangenen Winter nicht.

Ergebnis der Lawinen: Rund 1000 Festmeter Schadholz müssen aufgearbeitet werden, davon Fichten, Tannen und Buchen, wobei etwa Dreiviertel davon bereits bewältigt sind. Circa 400 Festmeter davon werden in das Hackschnitzelwerk von Reit im Winkl geliefert. In den Lawinengassen ist immer noch sehr viel Bruchholz vorhanden, das »zwar unschön, aber nicht mehr allzu dramatisch ist«, sagt Höglmüller.

Auch der Leiter der Straßenmeisterei Traunstein, Anton Schwaiger, und seine Mitarbeiter sind intensiv von dem Lawinenabgang betroffen. Auf einer Breite von sieben Metern lag auf der Bundesstraße Schnee mit einer Höhe von bis zu 1.80 Meter, so dass sechs Leute mit schweren Maschinen über zwei Wochen beschäftigt waren, den Schnee wegzuschaffen, berichtet Schwaiger. Auch jetzt liege hier außerhalb des Straßenbereichs an vielen Stellen noch gut ein Meter Schnee, so dass man mit den notwendigen Reparaturen noch warten müsse. Schwer beschädigt wurde durch die enorme Schneelast zum Beispiel ein großer Teil der Schutzplanken, die natürlich erneuert werden müssen.

Kommt eine temporäre Verbauung zum Schutz?

In nächster Zeit müssen Straßenbauamt, Schutzwaldmanagement und Staatsforsten entscheiden, wie zur Prophylaxe weiter vorgegangen wird – ob eine so genannte temporäre Verbauung zum Schutz der nachwachsenden Bäume ausreicht oder ob eine technische Verbauung, das heißt, Untertunnelung von Strecken und Stahlnetzen, wie es sie vor allem in Österreich (Tauernautobahn, Gardasee) gibt, notwendig ist. Das ist nicht zuletzt eine Frage der Finanzierung, denn eine technische Verbauung ist sehr aufwändig und kostet rund 700 000 Euro pro Hektar.

»Alle Straßen nach Reit im Winkl hängen vom Schutzwald ab«, erklärt Höglmüller, deshalb sei es außerordentlich wichtig, dass alles dafür getan werde, dass sich ein dauerhafter, stabiler Schutzwald entwickeln könne. »Dafür sind allerdings noch viele Anstrengungen notwendig«. gi