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Biathlon-Absage als Chance für Ruhpolding sehen

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Ruhpolding: Biathlon-Absage als Chance für Ruhpolding sehen
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Seit einem Jahr hat der Pfälzer Frank Oette das Ruder im Ruhpoldinger Tourismus übernommen. (Foto: Schick)

Ruhpolding – »O’kema« titelt in dicken Lettern das aktuelle Gastgeber-Magazin, in dem Ruhpoldings Gäste wichtige Infos für ihren Aufenthalt erhalten. O’kema – was nichts anderes heißen soll als: Angekommen zu sein, als wertgeschätzter Freund, als Erholungssuchender, teilhaben zu können an der örtlichen Gemeinschaft und an dem, was Ruhpolding an touristischen Facetten bietet, und sei es nur für ein paar Tage.


O’kema, also richtig angekommen ist mittlerweile auch Frank Oette, und das schon seit einem Jahr. Er muss arbeiten – oder wie er sagt: er darf. Der waschechte Pfälzer, aufgewachsen in Kaiserslautern und, wie sollte es auch anders sein, bekennender 1. FCK-Fan, hat nämlich seinen Traumjob gefunden im (noch) vergleichsweise beschaulichen Biathlon-Mekka Ruhpolding.

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Seit September vergangenen Jahres hält der 47-Jährige als Geschäftsführer der Ruhpoldinger Tourismus GmbH (RTG) die Zügel fest in der Hand. Und da hat er wahrlich viel zu tun: Mit dem legendären Kurhaus, das schon mal glorreichere Zeiten erlebt hat, dem 1970 eröffneten Wellenhallenbad Vita Alpina, übrigens das erste seinesgleichen im Alpenraum, mit Freibad, Eishalle, der neu hinzugekommenen Dorflinie und vielem mehr. Nicht zu vergessen das Tagesgeschäft mit dem Gästeservice, der Tourist-Info und dem Marketing, wo er zusammen mit seinem Stellvertreter Herbert Ringsgwandl und dem hochkompetenten Team neue Ideen im touristischen Kerngeschäft ausarbeitet und vorantreibt.

Mit dem Traunsteiner Tagblatt zog er eine erste Bilanz über zwölf Monate, die es auch ohne der Corona-Krise, allein schon von der Intensität her, in sich gehabt hätten. Schließlich zählen all die vorgenannten Einrichtungen und Objekte nicht gerade zu den Aktivposten, die eine Gemeindekämmerin oder ihre Kollegen zu lauten Jubelgesängen verleiten würden. Aber Frank Oette ist Realist und Protagonist zugleich. Er kann auf einen reichen Erfahrungsschatz in leitender Position zurückgreifen, wie die fünf Jahre als Kurdirektor im Staatsbad Bad Kissingen zeigen. Als er beruflich vor der Wahl stand: Meer oder Alpen, zeigte der Kompass eindeutig in Richtung Süden, in den Chiemgau, nach Ruhpolding.

Der Ort reizte ihn, wie er sagt, schon wegen der touristischen Historie und der vorhandenen Infrastruktur, die sich die Gemeinde in den zurückliegenden Boom-Jahren zugelegt hatte. Eine Folge des Konkurrenz- und Kirchturmdenkens, so wie es damals zu Dr. Degeners Zeiten nicht nur für einen Branchenprimus wie Ruhpolding üblich war. Die Schallmauer lag bei einer Million Übernachtungen, pro Jahr. Darunter? Peanuts. Heute dagegen produzieren die genannten Objekte in schöner Regelmäßigkeit Verluste. Damit fehlt Geld, um weitreichende Investitionen tätigen zu können. Investitionsstau nennt es Frank Oette. Ihn mit Hilfe von schlüssigen Konzepten abzubauen, wird die Herkulesaufgabe der nächsten Jahre sein.

Mit Konzepten, die man sich leisten kann und dem Credo »Qualität vor Quantität«. Dies umzusetzen, dafür ist er angetreten, dafür hat er Verantwortung übernommen. Im Ort scheint die Botschaft »o’kema« zu sein: Hotellerie, Gastronomen, Vermieter – an allen Ecken werden Betriebe modernisiert, Kapazitäten aufgestockt, Service und Angebot einer Auffrischung unterzogen. Angepasst an das Reiseverhalten, das sich grundlegend geändert hat. Individualtourismus ist angesagt. Frank Oette ist überzeugt: »Heimat« als Markenkern lässt sich gut vermarkten, ohne altbacken zu wirken.

Der Gast weiß es zu schätzen. Bei ihm ist das neue Ruhpoldinger Image »jung, frisch, traditionell, authentisch« offenbar schon o’kema. Das hat der Sommer gezeigt. Zumal Corona mitgeholfen hat, die Wahrnehmung auf inländische Feriendestinationen zu lenken. Lockdown mit positivem Nebeneffekt? Höchstens ein Trostpflaster für die entstandenen Einbußen, als die touristischen Uhren stillstanden.

Deshalb ist RTG-Geschäftsführer Oette froh, dass sein Ruf nach Saisonverlängerung jetzt im Spätherbst auf fruchtbaren Boden fällt. Dass Bergbahnen, Freizeiteinrichtungen, Beherbergungsbetriebe bereit sind, dem neuen Trend zu folgen. Einem Trend, den er in Kooperation mit den Nachbargemeinden in der Region und dem Chiemgau Tourismus e. V. in Zukunft stärker vernetzen möchte. Corona hat die Notwendigkeit schonungslos aufgezeigt.

Und Hiobsbotschaften wie etwa die Entscheidung, dass im Januar kein Biathlon-Weltcup in der Chiemgau-Arena stattfinden wird? Möchte man da nicht den Kopf in den Sand, oder vielmehr in den Schnee stecken? »Keinesfalls«, bekräftigt er: »Wir haben in den letzten Tagen so viel Zuspruch von Gästen bekommen, die trotzdem – oder gerade deswegen – zu uns kommen möchten.« Von Opferrolle also weit gefehlt... Langeweile wird jedenfalls in der biathlonfreien Woche nicht aufkommen. »Wir haben wie immer einige Pfeile im Köcher«, macht der Tourismus-Chef neugierig.

Und wie muss man sich fühlen als gebeutelter Fan eines Drittligisten, ausgerechnet im Land des großen FC Bayern? Großartig, strahlt Frank Oette voller Optimismus, denn Ruhpolding spiele ja auch in der ersten Liga. Touristisch gesehen jedenfalls. Und das soll auch so bleiben... ls

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