weather-image
20°

Abriss wegen Turmfalkenküken verschoben

4.0
4.0
Bildtext einblenden
»Wann endlich kommt Mama mit der nächsten Maus?« scheinen die fünf Jungfalken mit ihren riesigen Kulleraugen halb ängstlich, halb neugierig, aber sicher recht hungrig zu fragen. Allem Anschein nach gedeihen sie in ihrem Nest im Josefshaus prächtig. (Foto: Schick)

Ruhpolding – Das zeugt von Tierschutz ohne Kompromisse: Weil sich ein Turmfalkenpärchen eingerichtet hat, wird der Abriss des »Josefshauses« an der Kirchberggasse verschoben; jedenfalls solange, bis der Greifvogel-Nachwuchs flügge ist.


Demnächst wäre nämlich schweres Gerät angerückt, um das ehemalige Jugend-Erholungsheim dem Erdboden gleichzumachen. Auf dem Grundstück soll ein dreigeschoßiges Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage entstehen. Doch daraus wird vorerst nichts. »Als wir erfahren haben, dass dort unter dem Dach Turmfalken brüten, haben wir zuerst mal kräftig gestutzt,« erzählt Manfred Haberlander vom Traunsteiner Bauträger, der das »Haus der Gesundheit 2« noch heuer realisieren möchte.

Anzeige

Doch mit der Entdeckung des Vogelnestes (mittlerweile sind fünf Küken geschlüpft) sahen sich er und seine Geschäftspartner substanziellen Fragen gegenüber. Denn der Abriss des Josefshauses hätte die Zufahrt zum östlich gelegenen Gebäude erleichtert. Dieser soll umfassend umgebaut werden.

Nun wirbelt der Vogelschutz die Planungen und den Zeitplan ganz schön durcheinander. Aber, so Handwerksmeister Manfred Haberlander: »Jetzt fangen wir eben von hinten an, damit die jungen Falken Zeit genug haben, um in Ruhe heranzuwachsen. Wir können uns ja auf die neue Situation einstellen, die Falken in ihrem Brutverhalten nicht«, gibt der Ruhpoldinger zu bedenken.

Bis die flauschigen Nimmersatts ihrer Kinderstube gut verborgen hinter einer Fußpfette entfliegen und für sich selbst sorgen können, wird noch eine Weile vergehen. Laut Dieter Stiller von der gleichnamigen Jagdschule dauert ihre Entwicklung im Normalfall gut einen Monat. Danach kommt noch eine intensive Flugschule, während der die Jungvögel allerlei Gefahren ausgesetzt sind. Vor allem dann, wenn sie erschöpft am Boden kauern und mit Lockrufen Kontakt zu ihren Eltern aufnehmen.

Hundehalter sollten gerade in diesen Tagen der üblichen Kurzleinenpflicht nachkommen, damit die wehrlosen Geschöpfe unbeschadet bleiben. Am einfachsten, man trägt unbeholfene Jungvögel ins nächste Gebüsch. Da Vögel über keinen Geruchssinn verfügen, werden sie, anders als Rehe, von den Eltern wieder angenommen.

Dass sich im Josefshaus Falken-Nachwuchs ankündigt, war den Nachbarn Regina und Michi Hauber anhand des regen Flugverkehrs aufgefallen, weshalb sie ihre Beobachtungen ans Rathaus weitergaben. Die Schließung der ehemaligen Jugendeinrichtung vor einigen Jahren war den Turmfalken gerade recht gekommen. Hier konnten sie seitdem ungestört brüten. Auch wenn das Gebäude den Vögeln bald nicht mehr zur Verfügung stehen wird – Stiller sieht darin kein Manko: »Die haben in Ruhpolding viele Möglichkeiten, sogar den Kirchturm der Pfarrkirche.« Von dort ging schon mal eine Aufzucht via Youtube in alle Welt.

Auch Bürgermeister Justus Pfeifer freute sich über die Kooperationsbereitschaft der Bauwerber: »Das ist beispielhafter Tierschutz, wenn wie hier Eigeninteressen in den Hintergrund treten«, stellte er lobend heraus. ls

Mehr aus Ruhpolding