weather-image
29°

Marquartstein setzt auf Genossenschaftswohnungen

4.5
4.5
Wohnungsbau
Bildtext einblenden
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Marquartstein – Zu massiv, falscher Standort und nicht bedarfsgerecht waren die Argumente der Gegner des zur Abstimmung vorgelegten genossenschaftlichen Wohnbauprojekts der Maro Genossenschaft für selbstbestimmtes und nachbarschaftliches Wohnen in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Die Befürworter führten bezahlbaren Wohnraum, gemäßigten Flächenbedarf und Antwort auf die demografische Entwicklung ins Feld.


Letztlich sah die Mehrheit des Gemeinderats mehr Positives für das neue Wohnmodell mit den vier bis zu dreigeschossigen Gebäuden, die Raum für 25 Wohnungen und neun Plätze für eine Demenz-Wohngruppe bieten wird. Das Abstimmungsergebnis fiel mit neun Ja- und sieben Nein-Stimmen zugunsten des Projekts zwischen Brandäcker und Sportplatz.

Anzeige

Das Thema bezahlbarer Wohnraum und neue Wohnformen sei schon öfters behandelt worden, so Bürgermeister Andreas Scheck (Bürger für Marquartstein). Für ihn haben die Kommunen die Aufgabe, mehr Vielfalt durch verschiedene Finanzierungsmodelle, wie Ansiedlungs-Modell, einkommensorientierte Förderung oder Miet- und Eigentumsprojekte zu schaffen. Der Trend zeige, dass der Einfamilienhausbau rückläufig ist und mehr auf die mehrgeschoßigen Varianten gesetzt werde.

Man habe mit verschiedenen Wohnbaugesellschaften gesprochen, auch mit der des Landkreises. Da mit der Maro die Ziele am besten zu realisieren seien, habe man sich für sie entschieden. Den Standort bei Freiweidach habe man gewählt, da sich andere Grundstücke wie das Schrobenhauser-Areal oder das ehemalige Bahnhofsgelände für ein lebendiges Wohnprojekt nicht so eigneten. Die Maro hat Toni Entfellner (Grüne/Offene Liste) als Planer beauftragt.

Die Höhe orientiert sich an Höfen in der Nachbarschaft

Die dreigeschoßige Bauweise bestehe in Marquartstein schon lange, sagte Entfellner. Die Bauern hatten früher nur begrenzte fruchtbare Fläche und bauten zur Flächeneinsparung in die Höhe. Die bestehenden Höfe hätten bereits die Höhe, die bei dem Projekt angestrebt würde. Der umgebenden Bebauung sei durch eine Abstufung der Geschoße Rechnung getragen worden.

Durch die Platzierung der Gebäude und der Giebelständigkeit werde auf Sichtachsen geachtet. Der Verzicht auf Zäune und Hecken fördere die Gemeinschaft und die Nachbarschaftsbeziehungen, was durch Fußwege unterstützt werden soll. Die Bautradition am Ort solle auf alle Fälle in die Planung einfließen, so Entfellner.

Roland Polleichtner (CSU/Freie Bürger) sind die Gebäude zu massiv. Weiter hat er Bedenken, dass der Bedarf nicht besteht. Darum werde er gegen das Projekt stimmen. Klaus Hell (Bürger für Marquartstein) sieht das Projekt wegen der Größe sehr kritisch. Im ersten Entwurf waren es rund 7000 Quadratmeter mit sieben Gebäuden. Jetzt wurde das Projekt auf vier Gebäude und rund 4500 Quadratmetern reduziert. Er wolle, dass bei allen künftigen größeren Wohnbauprojekten mindestens eine geförderte Bebauung von 50 Prozent festgelegt werden müsse. Ohne diese Festlegung sei er gegen das Projekt.

Auch wenn Anke Entfellner-Häusler (CSU/Freie Bürger) den Ansatz für die neue Wohnform als richtig empfand, sei das Projekt überdimensioniert. Erst einmal solle man mit weniger Wohnungen schauen, ob dieses Wohnform angenommen werde. Auch sei sie nicht für den Standort. Darum wolle sie nicht zustimmen. Für Veronika Memminger (CSU/Freie Bürger) schied das Projekt wegen der Größe und weil es zu weit vom Ortszentrum entfernt ist, aus. Für seine Gegenstimme war die Dimension der Anlage ausschlaggebend, begründete Simon Bauer (Bürger für Marquarstein) sein Nein bei der Abstimmung.

Aus Sicht von Hans Hacher (CSU/Freie Bürger) wurde der falsche Standort gewählt. Auch gefalle ihm die Form der Genossenschaft nicht. Wenn der Bedarf für bezahlbaren Wohnraum vorhanden sei, solle die Maßnahme zu 100 Prozent in die Förderung und nicht nur zu 60 Prozent, sagte dagegen Franz Aigner (CSU/Freie Bürger). Er könnte sich das Wohnprojekt näher am Zentrum vorstellen. Auch er stimmte dagegen. Zum Förderanteil sagte Scheck, dass für ein funktionierendes Wohnmodell eine gewisse Durchmischung erforderlich sei. Darum würden nur 60 Prozent der Wohnungen in die Förderung genommen.

»Dem Projekt werde ich vollumfänglich zustimmen, da es für die aktuellen Themen wie bezahlbarer Wohnraum und Flächenfraß die Lösung ist!«, sagte zweite Bürgermeisterin Claudia Kraus (Grüne/Offene Liste). Die Gesellschaft ändere sich und nachbarschaftliche Beziehungen seien immer gefragter. Die neue Nachbarschaft brauche eine Moderation, die die Maro biete. Bei der Realisierung könnten einheimische Firmen zum Zuge kommen.

Große Gebäude sind heute wieder erforderlich

Das Konzept sei richtig und gut, so Peter Lloyd (Grüne/Offene Liste). Überall werde propagiert, es müsse anders gebaut werden. Früher seien große Gebäude errichtet worden, weil es erforderlich war – »und heute ist es wieder erforderlich«. Die bebaute Fläche biete jungen Familien die Möglichkeit, an Wohnraum zu kommen. Für Hubert Göschl (Bürger für Marquarstein) spricht die Mietsicherheit für das Projekt. Zusätzlich werde man der Nachfrage nach kleineren Wohnungen gerecht. Gerade ältere Menschen könnten so im Ort bleiben und weiter eigenständig wohnen. Man sei sich momentan noch nicht bewusst, welche Herausforderung das Thema Demenz an die Gesellschaft stellen werde.

Katja Kink (Bürger für Marquartstein) erinnerte daran, dass es in Marquartstein nicht allen so gut gehe, wie dem Gremium am Tisch. Darum sei bezahlbarer Wohnraum eine wichtige Aufgabe. Zur allgemeinen Diskussion fügte Josef Moritz (CSU/Freie Bürger) an, dass die angestrebte Wohnungszahl nicht zu viel sei. Die Mietdauer sei sicher längerfristig, der Wechsel werde überschaubar bleiben. Durch das begrenzte Flächenangebot sollten die Häuser durchaus größer und höher gebaut werden, meinte Michael Elgass (Grüne/Offene Liste).

Für eine florierende Entwicklung im Ortszentrum werde auch eine Entwicklung in den weiteren Ortsteilen benötigt, so Scheck. In Freiweidach zwischen dem Wohngebiet Brandäcker und dem Sportplatz liegt für Marquartstein eine Fläche von circa 32.000 Quadratmetern, die für eine städtebauliche Entwicklung Möglichkeiten bietet. Die Gemeinde hat davon rund zwei Drittel erworben. Hierfür soll nun ein Entwicklungskonzept mit Wohnbebauung sowie Misch- und Gewerbegebiet erarbeitet werden. Der Rat votierte mit 11 zu 6 für die Erarbeitung. MP