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Senioren wie die 83-jährige Lydia Brandl lernen bei speziellen Kursen der Diakonie im Achental, wie sie mit einem Smartphone umgehen und die Churchpool-App für sich nutzen. (Fotos: Wannisch)

Digitale Teilhabe ist keine Frage des Alters

Marquartstein – Konzentriert blickt Lydia Brandl auf den kleinen Bildschirm ihres Smartphones. Sie sitzt zusammen mit drei weiteren Damen im fortgeschrittenen Alter im Saal des evangelischen Gemeindezentrums in Marquartstein. Mit geübten Handbewegungen manövriert sich die 83-Jährige durch das Telefon. Den Stift mit der weichen Gummilippe, der das Tippen auf den kleinen Smartphonebuchstaben erleichtert, hält sie dabei elegant in der Hand, gerade so, als ob sie eine Nachricht per Hand schreiben wolle. Das tut sie in gewisser Weise auch – nur nicht auf Papier mit einem Füllfederhalter, sondern digital über die Churchpool-App. Wie das funktioniert, lernt die Seniorin seit kurzem bei einem speziellen Kurs, den die Diakonie im Achental anbietet.


»Churchpool, das kann man vielleicht mit Kirchengemeinde übersetzen«, sagt Volkmar Döring, der Vorsitzender der Stiftung Diakonie im Achental zu den Teilnehmern, die alle 70 plus sind. Zusammen mit Diakon Michael Soergel, der als Seelsorger für die Diakonie im Achental zuständig ist, leitet Döring das Projekt. Ziel der Aktion: eine Art digitale Seel- und Fürsorgeplattform aufzubauen, für niederschwellige Hilfegesuche und Hilfeangebote. Aus Sicht der Diakonie ein nötiges Instrument, um den Kontakt zu den Gemeindemitgliedern zu halten. Im Achental leben viele Senioren, die der evangelischen Kirche angehören, aber durch Zuzug erst im gesetzteren Alter oftmals wenig soziale Bindungen über die Kirchengemeinde hinaus haben. Um den Kontakt zu den Gemeindemitgliedern zu halten, will man künftig auch auf den digitalen Weg setzen – mit der App »Churchpool«. Diese soll die Kirche mit der Gemeinde vernetzen.

Und warum braucht es dafür eine eigene App, wenn es bereits bewährte Messengerdienste gibt? Das Programm »Churchpool« haben Döring und Soergel gewählt, da es den hohen Datenschutzregeln, die die Landeskirche vorgibt, gerecht wird. »Die Server stehen in Deutschland, teilnehmen kann nur, wer vom Administrator, in dem Fall Michael Soergel, freigeschaltet wird.« Außerdem ist die App kostenfrei und ohne Werbung. »Ein Punkt, der uns sehr wichtig war«, betont Döring. Um die App zu nutzen, legt die Kirchengemeinde ein eigenes Profil in der App an und kann so ihre Mitglieder über Neuigkeiten informieren. Daneben gibt es die Möglichkeit für die Mitglieder, sich in Chatgruppen zusammenzufinden oder einer Einzelperson eine Nachricht zu schicken. Außerdem können die Teilnehmer über die App auch den Gemeindebrief oder geistliche Impulse lesen.

Aktive Teilhabe an der digitalen Welt: »Es gibt unseren älteren Gemeindemitgliedern wieder etwas ihrer Würde zurück, wenn sie ihr Leben selbstständig organisieren können«, erhofft sich Soergel. Um sich mit der App vertraut zu machen, wird nun einmal in der Woche eine Stunde lang im Gemeindesaal zusammen geübt. Die Stiftung der Diakonie hat dazu Geräte angeschafft, Smartphones und Tablets, die den Teilnehmern zum Ausprobieren zur Verfügung stehen, wenn sie noch kein eigenes Gerät haben. Das war allerdings nur dank einer großzügigen Spende des Rotary Clubs Traunstein möglich. Döring, selbst Rotarier, hatte seine Kontakte spielen lassen, da es seitens der Kommunen im Achental keine Unterstützung für das Projekt gab. Und Club-Präsident Norbert Wolf war sofort von dem Projekt begeistert, so dass der Verein bereits eine erste Spende über 7000 Euro gegeben hat, für die nächsten zwei Jahre sind nochmals je 4000 Euro vorgesehen – insgesamt 15.000 Euro. »Ohne die Spende hätten wir das Projekt, für das nicht nur für die Geräte Kosten anfallen, nicht umsetzen können«, betont Döring.

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Ohne die Spende des Rotary Clubs Traunstein, die Club-Präsident Norbert Wolf (von rechts) an Diakon Michael Soergel und Volkmar Döring, Vorsitzender der Stiftung Diakonie im Achental überreicht, wäre das Projekt »Churchpool-App« nicht möglich.

Bei dem Kurs prallen unterschiedliche Levels aufeinander. Manche sind den Umgang mit Smartphone und Tablet gewöhnt, müssen sich allerdings mit dem neuen Programm von Churchpool zurechtfinden. Andere wiederum haben keinerlei Erfahrung mit dem Mobiltelefon. Doch für jeden nehmen sich Soergel und Döring ganz individuell Zeit. »Die Qualität, nicht die Quantität zählt bei uns«, betont Soergel. »Manchen muss man den Unterschied zwischen einem normalen Telefon, einem Handy und einem Smartphone erklären«, sagt Döring. Andere wie Lydia Brandl bringen ihr eigenes Gerät und ein technisches Grundverständnis mit.

Brandl nutzt ihr Smartphone schon seit einigen Jahren, kommuniziert mit ihren Kindern und dem Enkel über Whatsapp. »Wenn ich etwas nicht verstehe oder kann, dann frage ich meinen Enkel«, sagt die Seniorin. Die rüstige 83-Jährige will »Churchpool« künftig auch dazu nutzen, ihre Dienste anzubieten, sei sie doch noch viel mit dem Auto unterwegs. Noch etwas unsicher in der Handhabung mit dem eigenen Smartphone und der App ist eine andere Teilnehmerin. Die 70-Jährige macht zwar bereits fleißig Fotos mit ihrem Gerät, denn sie ist viel in den Bergen unterwegs. Doch mit dem Nachrichtenschreiben klappt es noch nicht ganz so gut. Heute steht daher auf dem Übungsplan: »Nachricht an eine Gruppe und an eine Einzelperson über Churchpool schicken«. Dafür haben sich die Teilnehmer entweder bereits die App heruntergeladen oder sie nutzen eine Testversion. Dass die kleinen Computer ihre Tücken haben, merkt man schnell. Der Sperrbildschirm der 70-Jährigen wird bereits nach kurzer Inaktivität eingeschaltet, was die Seniorin bei der Umsetzung von Dörings Übungsanleitung aus dem Konzept bringt. Kein Problem, auch in diesen Fällen helfen Döring und Soergel. Der Zeitrahmen, bis sich der Sperrbildschirm aktiviert, wird kurzerhand verlängert.

Einen Schritt weiter ist Dagmar Hibsch. Auch sie »fuchst« sich noch in die Funktionsweisen der App hinein, Nachrichtenschreiben ist aber kein Problem. Das Kirchenvorstandsmitglied will eine neue Gruppe gründen, die sich über die Themen für den Gemeindebrief austauscht. Angelegt ist das Projekt auf die nächsten zwei Jahre. Bis dahin will man einen aktiven Mitgliederpool von mindestens 100 Personen aufbauen. Übrigens gerne überkonfessionell, wie Döring und Soergel betonen.

Wer Interesse hat, sich über Churchpool im Achental zu vernetzten oder an den Kursen teilnehmen will, kann sich bei Diakon Michael Soergel oder bei Volkmar Döring informieren.

vew