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Die fehlende Ortsmitte soll bald Geschichte sein

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Marquartstein: Die fehlende Ortsmitte soll bald Geschichte sein – »Ortsgespräch mittendrin«
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Viele Marquartsteiner nahmen »Ortsgespräch mittendrin« teil. Rechts im Bild sind der Investor Tobias Tomczyk, Bürgermeister Andreas Scheck und die Stadtplanerin Barbara Hummel (von rechts). Foto: M. Peter

Marquartstein – Das Wetter zeigte sich für die besondere Form der Bürgerinformation, dem »Ortsgespräch mittendrin« Spaziergang zu den neuralgischen Punkten des Ortszentrums von seiner besten Seite. Wie Bürgermeister Andreas Scheck (Bürger für Marquartstein) betonte, sei es sicher für jede Stadt und Gemeinde ein Meilenstein, wenn im Ortszentrum eine großflächige Erneuerung und Umgestaltung geplant sei. Die Stadtplanerin Barbara Hummel ging auf die Besonderheiten der Aufgabenstellung für den Planerwettbewerb ein. Als Vertreter des Investors Lebensraum Tiroler Achen GmbH nahm Tobias Tomczyk teil.


In Marquartstein stehe eine ganz besondere entscheidende Phase in der Ortsentwicklung bevor, sagte Bürgermeister Scheck. Nämlich die große Chance, die weitestgehend fehlende Ortsmitte im Bereich zwischen der Bundesstraße und dem Gutsapfel-Bau großflächig neu und vor allem lebendig zu gestalten. Es sollen rund 500 Quadratmeter Gewerbefläche und Wohnraum für rund 145 Menschen geschaffen werden. Seit geraumer Zeit werde über die Entwicklung dieses Bereichs intensiv nachgedacht. Um sie erfolgreich umsetzen zu können, müssten verschiedene Faktoren zusammenspielen, sagte Scheck.

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»Mit der Aufgabe der Firma Schrobenhauser und dem anschließenden Verkauf des Geländes an die Lebensraum Tiroler Achen GmbH hat sich der Knoten 2018 gelöst«, betonte Scheck. Nun bestehe die Möglichkeit, das ganze Areal zwischen Bahnhof-, Staudacher Straße und Schlechinger Straße zu entwickeln. Zum Faktor Qualität meinte Scheck, dass die Entwicklung im Gesamtüberblick über die Gemeinde zu betrachten sei. Mit der Errichtung von Gebäuden sei es bei Weitem nicht getan. Wie Scheck weiter ausführte, gehörten dazu die Aspekte der Stadtplanung, die Frei- und Grünräume, der Verkehr und besonders die Nutzung in der Erdgeschoßlage.

»Es soll eine gesunde Mischung entstehen«

Bei der Bauweise würde man auf Nachhaltigkeit setzen und den Baustoff Holz in vielen Bereichen nutzen, betonte Tobias Tomczyk. Ebenso setzt der Investor, hinter dem nach seinen Worten zwei Familienunternehmen stehen, bei den Gebäuden auf die Nutzung von regenerativer Energie. »Es soll eine gesunde Mischung zwischen Wohn- und Gewerbeanteilen entstehen.«

Einleitend meinte Hummel, dass sich Stadtplaner etwas erschreckend anhöre. Doch betreue sie seit Jahrzehnten Kommunen bei der Überplanung ihrer Orte. In Marquartstein gebe es keinen echte Ortsmitte, wobei das Rathaus einen gewissen Ankerpunkt darstelle, meinte Hummel. Fünf Architekten werden nach ihren Worten die Möglichkeit bekommen, Vorschläge für die Bebauung auszuarbeiten. Durch die Auswahlmöglichkeit habe man die Chance, vielfältige Lösungsansätze zu bekommen und durch die Auswahl auch sehen zu können, was sich weniger eigne, beziehungsweise was man eher nicht wolle. Die Stadtplanerin versicherte, dass Architektenbüros ausgesucht worden seien, die Erfahrung in der ländlichen Planung hätten.

Ein Punkt beim Spaziergang war die Bushaltestelle an der Bundesstraße 305 westlich des Schrobenhau-sener Areals. Hier sei die Frage gewesen, wie mit dieser Bushaltestelle umgegangen werden solle. Die Entscheidung fiel zum Erhalt und zur Aufweitung. So würden die Schüler, die die Bushaltestelle sehr stark nutzten, im Zentrum gehalten, was eine Belebung für den Ort sei. Die Topografie, also der natürliche kleine Hügel, wird laut Hummel die Planer in punkto Barrierefreiheit zur Verbindung der verschiedenen Bereiche fordern.

Der große, freie Bereich an der Staudacher Straße soll ein Raum für Menschen werden, wie es Hummel ausdrückte. Durch die Gestaltung sollten sich die Menschen wohlfühlen und trotzdem Parkmöglichkeiten erhalten bleiben. Jedoch dürfe der Platz nicht zu weitläufig wirken, sonst fühlten sich die Menschen dort verloren und nicht heimelig. Sie griff dabei auch die Anregung einer Teilnehmerin auf, bei der Gestaltung des Platzes Elemente von italienischen oder Südtiroler Plätzen einfließen lassen zu können.

Um die erforderlichen Stellplätze für die 45 angedachten Wohneinheiten in verschiedenen Größen zu schaffen, könnte sie sich eine Tiefgarage, die in dem westlich gelegen Hang ihren Platz finden könnte, vorstellen. So müsste die Garage nicht zu tief in den Boden gebaut werden, so Hummel. Die Gewerbeflächen wurden nach den Worten von Hummel begrenzt und somit dem Kaufverhalten der Gesellschaft die andere Verkaufswege und großflächige Geschäfte bevorzugt, Rechnung getragen. Anregungen aus den Besucherreihen wurden von der Stadtplanerin aufgenommen und werden ihrer Aussage nach noch überprüft. Die Stadtplanerin geht davon aus, dass der Gewinner im Frühwinter feststehe. Dann könnten die Entwürfe der Öffentlichkeit vorgestellt und erläutert werden.

Bedenken und Anregungen

Ein Teilnehmer hatte Bedenken, dass es mit mehr Wohnungen verstärkt zu Problemen mit Anliegern bei Veranstaltungen kommen könnte. Dazu meinte die Stadtplanerin, dass es furchtbar wäre, wenn Wohnungen aus dem Ortszentrum genommen und auf der grünen Wiese errichtet würden. Gerade mit Blick auf die Versiegelung von neuen Flächen sollten mehr Wohnungen direkt in Orten entstehen.

Eine Anliegerin der Staudacher Straße kann sich nicht vorstellen, dass die mögliche Tiefgarage reicht, um der Parkplatzsituation gerecht zu werden. Denn bereits jetzt reiche der Platz nicht aus. Hierauf antwortete Hummel, dass die oberirdischen Stellplätze oft von Angestellten genutzt würden und die Stellplatzdiskussion allgemein die Gesellschaft spalte. Jedoch finde sie, dass es zumutbar sei, wenn die Leute nicht direkt bis zur Kasse mit dem Auto fahren könnten. In Marquartstein seien viele Parkmöglichkeiten in wenigen Minuten zu erreichen, so die Stadtplanerin.

In den Fragen tauchten auch die Bedenken auf, dass durch die Bebauung des Areals zu viel Grünflächen verloren gehen würden – was der Bürgermeister so nicht sieht. In Marquartstein gebe es durch den Forstamtshügel, den Achendamm, den Platz mit dem Musikpavillon und der erhaltenswerten, begrünten Bahntrasse durchaus sehr viel Grün, meinte Scheck.

Wie es denn mit weiteren gastronomischen Betrieben, wie einer Eisdiele zum Beispiel, aussehen würde, wurde bei dem Rundgang auch gefragt. Dazu sagte Hummel, dass das kein Bürgermeister oder Planer vorgeben könne. Das müsse sich entwickeln.

Gemeinderat Toni Entfellner (Die Grünen/Offene Liste) hofft, dass die Aufenthaltsqualität so groß werde, dass die Leute gerne den Platz besuchten und somit die Gastronomen von alleine kommen, weil in Marquartstein etwas los sei. MP