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Nach schwerem Unfall: Irgendwann wieder auf die Beine kommen

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Inzell: Peter Eicher erzählt nach schwerem Unfall von hartem Kampf zurück ins Leben
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Peter Eicher: »Ich will mich sportlich betätigen und wieder fit werden.« (Foto: Bittner)

Inzell – Er konnte fast ein halbes Jahr nicht sprechen, nicht essen, nicht trinken. »Nur rumliegen«, sagt Peter Eicher – »fünf Wochen im Koma«. An Laufen, Radfahren, allein auf die Toilette oder zum Duschen gehen ist bis heute nicht zu denken.


Am 31. Mai 2017 schlief eine damals 79-jährige Frau am Steuer ihres Wagens ein, geriet in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn und bei Mietenkam »räumte sie mich von vorne komplett ab«, erzählt Eicher. Der chancenlose Sportler schleuderte zurück in eine Hofeinfahrt, auf dem Balkon des Anwesens wurden Eichers Vorderrad und sein Helm gefunden – im zweiten Stock.

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Nach drei Wochen im Klinikum Traunstein mit einigen Operationen kam er – noch im Koma liegend – in die Neurologie-Fachklinik Bad Aibling. Eicher hatte ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Einblutungen. Der Helm flog zwar davon, rettete ihm aber vermutlich das Leben.

Alles wirkt für den gebürtigen Weißbacher, der zum Zeitpunkt des Unfalls in Bergen wohnte, so surreal. Selbst das Aufwachen irgendwann im Juli fehlt in seinem Gedächtnis. Fast regungslos kämpfte er sich zurück ins Leben. Ganz langsam. Bis Anfang November konnte er nicht sprechen, nichts essen oder trinken, wurde künstlich ernährt. Dann kam die Halskanüle raus, doch die Geschmacksnerven verweigerten noch einige Zeit ihren Dienst.

In die alte Wohnung konnte er nicht zurück

Nach fünf Wochen im Tiefschlaf wachte er auf. »Erinnerungen daran habe ich nicht.« Eichers Schwester Christine musste bald einen Besuchsplan erstellen. »So viele liebe Menschen wollten mich sehen.« Er freute sich über jeden einzelnen; selbst, wenn er anfangs seine Antworten auf die vielen Fragen auf Zettel schreiben musste. Mit dem Sprechen wurde es von Woche zu Woche besser.

Mitte Februar 2018 verließ er Bad Aibling. Eine viermonatige Reha in Bad Häring zwischen Wörgl und Kufstein folgte – »dort, wo sie unter anderem die verletzten ÖSV-Wintersportler wieder auf Vordermann bringen«, sagt Eicher. Seine neue Wohnung in Inzell war danach noch nicht fertig, darum ging's erstmal in Pflegeheime nach Inzell und Bad Reichenhall.

Am 19. November 2018 konnte er endlich in seine neue Wohnung, 538 Tage nach dem Unfall. Nach Bergen konnte er nicht zurück, rauf in den zweiten Stock. In Inzell hatte seine Schwester nach langer Suche eine Bleibe für ihn gefunden: behindertengerecht umgebaut, Erdgeschoß, mit Auf- und Abfahrtsrampe vor der Haustür.

Hier muss Peter Eicher nun den Alltag ganz neu lernen. Einkaufsmarkt und Physiotherapie sind in der Nähe, gut erreichbar für ihn, im Rollstuhl. »Ein absoluter Glücksfall, diese Wohnung, denn einfach war das nicht.« Noch immer spricht er langsam, aber es wird. Ein Pfleger hilft im Haushalt.

Eicher war zuvor Bergsportler, und beim Mountainbike-Rennen auf die Reiter Alm oberhalb von Weißbach stets dabei. Dann ging's mehr und mehr aufs Rennrad, im Winter auf die Ski. Neben seiner selbstständigen Tätigkeit als Ernährungs- und Gesundheitsberater arbeitete er als Ski- und Langlauflehrer, erst in Ruhpolding, dann in Reit im Winkl. Dass er heuer am 27. April seinen 50. Geburtstag feiern durfte, sieht er als Geschenk. In der Tat »feiert« er auch am 31. Mai – »da stand heuer mein zweiter Geburtstag an«, lächelt er.

Hilfsbereitschaft trieb ihm die Tränen in die Augen

An seinem 49. Geburtstag veranstalteten »seine Trachtler« einen Benefizabend in der Surtalhalle in Lauter. Die Vorstände Willy Weber junior (Saalachthaler Bad Reichenhall) und Sepp Harbeck (D' Mühlberger Waging) organisierten den Gauheimatabend zu Gunsten Peter Eichers. Die vielen Gruppen traten ohne Gage auf.

»Das ging mir unter die Haut, diese Hilfsbereitschaft – obwohl ich zuerst unsicher war.« Früher war er Mitglied der Gaugruppe der 16 besten Schuhplattler des Gauverbands. Seinen 50er beging er in kleinem Kreis, weil ihn alles noch immer sehr anstrengt. »Ich war aber dann doch glücklich, dass meine Familie und Freunde um mich waren.«

»Gesund essen« ist ihm wichtig, die Geschmacksnerven erholten sich zum Glück. »Und Bewegung«. Viel Bewegung, jeden Tag. »Um meine Situation Stück für Stück zu verbessern.« Wenngleich es ihm natürlich nicht schnell genug geht: »Ich bin nicht der geduldigste Mensch, war ich schon vor dem Unfall nicht.« Solange er jedoch Fortschritte macht, ist er guter Dinge: »Irgendwann wieder auf den eigenen zwei Beinen stehen«, ist das große Ziel. Dafür kämpft er mit einem enormen Willen. Die Hoffnung steckt ganz tief in ihm, die Zuversicht strahlt aus seinen Augen. Weil er »nur« einen indirekten Querschnitt hat, wie er sagt. Die Verbindungen sind da, die Nervenbahnen, aber inwieweit diese vielleicht nochmal irgendwann ansprechen, ist offen.

Er arbeitet hart. Fast jeden Tag setzt sich Peter Eicher auf sein Handbike. Auf gut befestigten, aber höchst fordernden Bergauf-Bergab-Radwegen bewegt er sich darauf bis zu drei Stunden, 35 Kilometer kommen da schon mal zusammen – unter anderem bis Traunstein und zurück. Mit reiner Arm-Oberkörper-Muskelkraft. Ab dem Bauch aufwärts spürt er alles – auch die Schmerzen. Dort will er alles fit bekommen und fit halten. »Ohne Sport ginge es nicht. Ich würd' wahnsinnig werden.« Physiotherapie, Osteopathie und Bewegungsbad im Krankenhaus Ruhpolding stehen auf Peter Eichers Wochenprogramm – täglich mindestens eine Stunde.

Bei zu schlechtem Wetter kann er mit seinem Handbike daheim auf der Rolle fahren. Doch Peter Eicher ist ein »Draußen-Mensch«. Darum denkt er schon an einen Langlaufschlitten. Ob das bereits in diesem Winter klappt, weiß er noch nicht. »Es ist vielleicht zu früh.« Er probiert alles, was irgendwie helfen könnte. Es nervt ihn jedoch, täglich eine ganze Handvoll Tabletten einnehmen zu müssen.

Sein Umfeld hilft ihm enorm, er bekommt die beste Unterstützung. Vor allem durch seine Schwester Christine und seinen Bruder Georg, für den die gesetzliche Betreuung eingetragen wurde. »Er kümmert sich um das Finanzielle, die Korrespondenz mit dem Rechtsanwalt und den Versicherungen«, erzählt Peter. Ganz langsam kehrt er selbst sogar ins Berufsleben zurück. In seiner Wohnung hat er sich bereits ein kleines Büro eingerichtet, kontaktiert seine früheren Kunden.

Vergebung ist ein großes Wort

Die Frau, die ihn überfahren hat, erkundigte sich regelmäßig nach ihm. Immer wieder entschuldigte sie sich. Sie schleppt die Gewissheit, einem Menschen nicht nur das Laufen, sondern ein großes Stück seines bisherigen Daseins genommen zu haben, ebenfalls für den Rest ihres Lebens mit sich rum. Peter Eicher überlegte lang, ob er sie kennenlernen möchte. Im Frühling hat er sie getroffen: »Davor hatte ich richtig Bammel – aber sie vermutlich noch mehr.«

Es war ein richtig angenehmes Zusammensein. »Abschließen kann man so was aber natürlich nicht.« Auf die Frage nach Vergebung sagt er: »Das ist ein großes Wort. Ich versuche, die Sache anzunehmen, wie sie ist. Und so gut es geht. Ändern kann ich es ja nicht.« Er meint sogar: »Für irgendwas wird das alles gut gewesen sein.«

Er ist auch froh, sein Leben bis zum Unfall genossen zu haben: »Ich habe mir die Zeit gut eingeteilt, war viel in der Natur unterwegs.« Die Berge sind seine Welt. Hochgern und -felln waren in den letzten Jahren Peters Hausberge. »Da bin ich oft noch schnell am Abend rauf, manchmal mehrmals pro Woche.« Er war bei den Trachtlern aktiv und drückte jedes Wochenende den Bayern die Daumen – »Heimatverbundenheit ist mir wichtig«. Eicher vermutet, dass er nicht viel anders gemacht hätte, hätte er gewusst, was auf ihn zukommt.

Jammern kannte er schon früher nicht. »Sich gehen lassen, kommt nicht infrage. Aufgeben schon gar nicht.« Darum versteht er nicht, wenn wer in seiner Gegenwart jammert. »Meine Güte, was soll ich denn sagen? Ich sitze den ganzen Tag da herinnen im Rollstuhl. Ihr habt es doch so gut«, denkt er sich. Er dürfte jammern, lässt es aber nicht zu: »Ich versuche, mein Leben zu genießen, selbst wenn das oft sehr schwer fällt und dieser Genuss heute ganz anders aussieht.« Er spielt sich in vermeintlich viel kleineren Dingen ab: Alleine, selbstständig auf die Toilette »gehen«, ohne Hilfe duschen – das sind heute seine Träume. »Ein eigenständiges Leben ohne fremde Hilfe, das wär's.«

Gerade wenn das Wetter gut ist, schießen Peter Eicher die Fragen in den Kopf: »Was machen meine Spezln jetzt wohl? Skifahren, Berggehen, Radfahren?« So gern wäre er dabei. Mit zwei gesunden Beinen. »Einfach gehen.« Er hadert nicht mit seinem Schicksal, wenn an »mental und körperlich richtig schlechten Tagen« die Zweifel kommen: »Warum ich?« Wäre er nur fünf Sekunden eher oder später an dieser Stelle gewesen – nichts wäre passiert. »Diese Gedanken versuche ich immer schnell zu vertreiben, weil sie mich nicht weiterbringen. Es ist passiert. Ich kann es nicht ändern, muss damit leben.« Und das versucht Peter Eicher so gut als möglich. bit