Frühförderstelle Grassau hat ein neues Domizil

Bildtext einblenden
Informierte im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt über die Frühförderung in Grassau: Leiter Martin Mende-Döring (links). Bürgermeister Stefan Kattari sagte, über den Betreuungsschlüssel werde bereits nachgedacht. Kleinere Gruppen seien aber vorerst nicht möglich. (Foto: T. Eder)

Grassau – Die Frühförderstelle hat ihr neues Domizil an der Mietenkamer Straße bereits im vergangenen Jahr bezogen. Mit einem Tag der offenen Tür wollte sich die Einrichtung der Öffentlichkeit vorstellen. Da dies coronabedingt bisher nicht möglich war, informierte der Leiter der interdisziplinären Frühförderstelle, Martin Mende-Döring, bei einem Gespräch mit Bürgermeister Stefan Kattari, der Leiterin des Integrationsfachdienstes, Hildegard Ramstötter, und dem Traunsteiner Tagblatt.


»Die neuen Räume sind hervorragend, nicht nur ebenerdig und barrierefrei, sondern auch hell und in ruhiger Umgebung«, so Mende-Döring. Der Umzug sei ein Glücksfall. Nun stehen 100 Quadratmeter, Zimmer für Diagnostik, Elterngespräche, ein kleinerer Multi-funktionsraum mit Maltafel sowie ein Bewegungsraum mit Kletterelementen zur Verfügung.

Förderung von der Geburt bis zur Einschulung

Das Angebot steht Kindern von der Geburt bis zur Einschulung offen. Einem Kind die bestmögliche gesellschaftliche Teilhabe sowie Start ins Schulleben zu ermöglichen, ist erklärtes Ziel der Frühförderstelle.

Finanziert wird die Frühförderung über den Bezirk Oberbayern und die Krankenkassen. Der Kontakt erfolgt über den Kinderarzt, den Kindergarten oder auch direkt über Eltern, die sich vertraulich beraten lassen, wenn sie glauben, ihr Kind sei nicht altersentsprechend entwickelt. Das führe nicht automatisch zu Diagnostik oder Therapie, manche Angst könne bereits beim Beratungsgespräch genommen werden.

Mende-Döring nannte Beispiele. »Ein vierjähriger Bub hatte selbst nach einem halben Jahr Kindergartenbesuch Probleme, im Morgenkreis länger als zehn Sekunden sitzen zu bleiben, war impulsiv, sprang auf, redete dazwischen. Er sah etwas, musste sofort hin und wenn andere Kinder im Weg standen, wurden diese umgerannt.« In der Frühförderung lernte er, sein Verhalten zu kontrollieren und seine Aufmerksamkeitsspanne zu verlängern. Auch die Eltern erhielten Unterstützung. Mittlerweile sei der Bub in der Schule und nehme am Unterricht teil.

Andere Kinder seien sehr schüchtern. »Die Eltern eines vierjährigen Mädchens meldeten sich bei uns, weil sich ihr Kind nicht traute, im Kindergarten und außerhalb der Familie zu sprechen.« In der heilpäda-gogischen Förderung konnte es Selbstbewusstsein entwickeln. Durch Logopädie wurden Fehler in der Aussprache behoben – »nun kann sich die Kleine in der Kindergartengruppe mitteilen und auf andere Kinder erfolgreich zugehen«.

Einem schwerstbehinderten Kind und dessen Eltern konnte geholfen werden mit Physio- und Ergotherapie zur Unterstützung der Bewegungsentwicklung. Durch die Heilpädagogin lernten die Eltern, kleinste Fortschritte ihres Kindes zu erkennen und die Lebenssituation positiv anzunehmen. Bei Tiefpunkten hatten sie immer kompetente Ansprechpartner zur Seite. In der Frühförderstelle gebe es neben der Heilpädagogik auch Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie. Den Eingangsbefund erhielten nur der Arzt und die Eltern, es gelte die Verschwiegenheitsverpflichtung. Empfohlene Therapien würden von der Krankenkasse übernommen, die heilpädagogische Förderung übernehme der Bezirk.

Integrationsgruppen wären auch andernorts gut

Ein weiteres Angebot der Frühförderstelle ist der Integrationsfachdienst, den in Grassau Hildegard Ram-stötter bereits seit über 20 Jahren im Kindergarten Sankt Irmingard anbiete. Der Kindergarten mit der Integrationsgruppe und nur 15 Kindern – darunter ein Drittel mit höherem Förderbedarf – sei ein Glücksfall für Grassau und wäre auch in anderen Orten wünschenswert, betonte Ramstötter.

Laut Mende-Döring werden derzeit rund 35 Kinder allein aus Rottau und Grassau betreut. Insgesamt betreut die Frühförderstelle im mittleren und südlichen Landkreis knapp 200 Kinder. Psychische Auffälligkeiten bereits bei kleineren Kindern hätten zugenommen, was die Pandemie verstärkt habe. »Während des Lockdowns haben wir durchbetreut, anfangs mit Telefonaten, Videoberatungen und Hausaufgaben-, Spiel- und Interaktionsanleitungen. Oft waren wir die einzige Anlaufstelle außerhalb der Familie. Als es möglich war, wurde vorsichtig mit Hygienekonzept geöffnet. Für einige Familien war die coronabedingte Intensivzeit in der Familie ein Segen, für die meisten war sie eine Herausforderung.« Viele Kinder hätten Rückschritte gemacht bei der sozialen und auch der sonstigen Entwicklung.

Auf die Frage Kattaris, was wünschenswert für die bestmögliche Förderung der Kinder wäre, meinte der Experte, dass es schon eine Menge Angebote gebe, wie Kleinkindturnen, Vater-Mutter-Kind-Gruppen und mehr. »Im Krippen- und Kindergartenbereich wären grundsätzlich kleinere Gruppen und mehr Personal sehr gut. Wenn die Grundversorgung besser ist, braucht es auch nicht so viele individuelle Zusatzhilfen.«

Kleinere Gruppen derzeit nicht möglich

Dazu sagte Kattari, dass über den Betreuungsschlüssel bereits nachgedacht werde. Derzeit seien kleinere Kindergartengruppen nicht möglich. Es werde aber eine neue Kindertagesstätte gebaut und in drei Jahren, wenn die Erweiterung kommt, könne auch über kleinere Gruppen diskutiert werden.

Viele Angebote vermittle zudem die im Rathaus ansässige Familienstelle, erklärte Kattari. So erhielten Eltern zur Geburt nicht nur Geschenke von der Gemeinde, sondern auch eine Informationsmappe mit Kontaktadressen der Vereine, der wichtigsten Einrichtungen und Hilfsangebote. Auch auf die Frühförderung werde darin verwiesen.

tb