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Von Chieming hinaus in die weite Welt

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Chieming - Bäcker
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In Island aber auch in anderen Teilen der Welt kam und kommt die in Bayern erlernte Backkunst von Lars Dietzel gut an.

Chieming – »Wenn einer eine Reise tut, so hat er was zu erzählen.« So das bekannte Zitat des deutschen Dichters Matthias Claudius. Lars Dietzel ist so ein Weitgereister, der viel zu erzählen hat. Der viel erlebt hat und sich gleichzeitig auch viel erarbeitet hat.


Dietzel ist Bäckermeister, der über seinen Handwerksberuf und seine Reiselust schon mehrmals um die Erdkugel und zurück unterwegs war und gerade wieder seine nächste Tour vorbereitet. Dietzel fährt dort zum Arbeiten hin, wo andere ihren Urlaub verbringen oder ihrer Abenteuerlust nachgehen.

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Sein Weg ist gleichzeitig auch ein Plädoyer, dass man es mit Fleiß und Anstrengung im Handwerk zu etwas bringen kann. Nach dem Abschluss an der Hauptschule Chieming ging es in die Lehre beim örtlichen Bäckereibetrieb in Chieming. Stolz hielt der damals 19-jährige im Jahr 2009 nach dreijähriger Lehrzeit seinen Gesellenbrief in der Hand, ein Qualitätssiegel für eine gute Ausbildung. Der Wissensdurst, noch mehr in seinem Handwerk zu lernen und sich weiterzubilden, blieb und so war der erfolgreich abgeschlossene Meisterkurs im Jahr 2013 die konsequente Folge.

Erste Station war Lech am Arlberg

Bald schon ging es raus in die damals noch nicht ganz so weite Welt: Die Saisonstelle als Ofenarbeiter in einer Backstube in Lech am Arlberg machte Lust auf mehr. Und so ging es Ende 2014 für ein Jahr über den »großen Teich« – als Bäckermeister und Backstubenleiter einer Schweizer Bäckerei nach Springfield im US-Bundesstaat Virginia. Eine Zeit, die er nicht missen möchte im Erlernen und Erleben der Kultur. Unterschiede und Gemeinsamkeiten erleben – und über manches auch einmal schmunzeln können. »Es war ein entspanntes Arbeiten, im Ausland war alles relaxter, Pünktlichkeit wird nicht ganz so ernst genommen« so der Chieminger, der trotz guter Englischkennnisse schon mal mit Händen und Füßen kommunizieren musste, wenn Arbeiter mit südamerikanischem Hintergrund nur der spanischen Sprache mächtig waren. Eine freundliche Aufnahme und das Kennenlernen neuer Freunde sowie genügend Zeit, als Tourist New York und Co. zu erkunden, lassen die USA-Reise als positive Erinnerung in der Rückschau erscheinen, und das trotz eines zum Glück positiv ausgegangenen Autounfalls. Und natürlich durfte dort auch der Besuch des Oktoberfests nicht fehlen – aber eben nicht in München sondern in Washington D.C.

Ein Jahr in Neuseeland

Einmal »Blut geleckt«, hat es den stillen Chieminger nicht lange in heimischen Gefilden gehalten, Dietzel »musste« wieder hinaus. Und wenn, dann nochmals richtig: Ein Angebot in Neuseeland hatte ihn gereizt. Eine Mischung aus Abenteuer und »Sendungsbewusstsein«, das Herstellen heimischer Backwaren im Ausland – die reizvolle Kombination verschlug ihn im März 2016 für ein Jahr nach Auckland (Neuseeland) in die dort ansässige Bäckerei »Bread and Butter« als Abteilungsleiter. Wie in den USA wusste Dietzel mit seinem Fachwissen zu begeistern, (Back)-Qualität »Made in Germany« war begehrt und respektiert, wenngleich für ihn persönlich wichtig war, andere Backtechniken kennenzulernen. »Auch in anderen Ländern und ihren Bäckereien wird gut gebacken, wenn auch nicht alles nach unserem Geschmack ist.«

Das »Sitzfleisch« war noch nicht so ausgeprägt beim ältesten Sohn einer Arzthelferin und eines Bauingenieurs. Und so ging es nach dem Neuseeland-Aufenthalt in nördlichere Gefilde, in die Bäckerei »Bernhöftsbakari« nach Reykjavik in Island. Seine in Bayern erlernte Backkünste waren begehrt, die dort eher süß schmeckende Breze bekam ihren klassisch bekannten salzigen Laugengeschmack. Beeindruckend waren auf einer Rundreise für ihn die Geysire mit ihren regel- oder unregelmäßigen Wasserfontänen. Inzwischen war auch das Alleinsein, das Wegsein von Familie und Freunden im Chiemgau nicht mehr schlimm. Und Skype, WhatsApp und Co. taten das ihrige, dass er stets mit der Heimat verbunden blieb. Daneben halfen schnell gewonnene Freunde auf der Vulkaninsel, sich mit dem Auslandseinsatz anzufreunden. Seine Familie, seine Eltern und die beiden jüngeren Geschwister unterstützen seine Reiselust – und besuchen ihn auf seiner »Welttour« immer wieder.

Die Freude am Reisen ist ungebrochen, die Herausforderung immer wieder neues zu erleben, reizt den jungen Chieminger, der seine langfristige berufliche Zukunft trotzdem heimatverbunden eher in der Region sieht. »Eine eigene Backstube in Deutschland oder ersatzweise eine leitende Position in einer Bäckerei« ist so nach dem Geschmack des Bäckermeisters.

Am Sonntag geht's nach Afrika

Bevor es aber einmal so weit sein könnte, geht es am Sonntag von Frankfurt aus nach Afrika in die zwischen Tansania und Mosambik eingebettete Republik von Malawi, wo er bei der Aktion »Brot gegen Not« mitarbeitet. Einer Hilfsaktion in Form einer Stiftung, die eine Großbäckerei aus Düsseldorf ins Leben gerufen hat. Mit ihr soll vor allem jungen Menschen in der Dritten Welt Hilfe zur Selbsthilfe gegeben werden. Dazu werden voll ausgerüstete Ausbildungsbackstuben aufgebaut, in der die Jugendlichen von erfahrenen Bäckern geschult werden. Dietzel wird einer davon sein.

In Mzuzu, einer rund 130 000 Einwohner zählenden Stadt, steht auf dem Gelände des Kapuziner-Ordens unter anderem seit einem Jahr eine Backstube neben einer Ölmühle, einer Maismühle und einem Mädcheninternat. »Wir wollen ihnen das Backen beibringen, wollen ihnen helfen, dass sich die Menschen dort dann selbst versorgen können«, sagt Dietzel. Auch wenn es eine faktisch ehrenamtliche Arbeit ist, freut er sich auf die Herausforderung: »Es ist das Ungewisse gleichermaßen wie die Möglichkeit anderen zu helfen.« Eine Herausforderung dürfte es sicherlich sein, haben die künftigen Auszubildenden praktisch keine Erfahrung im Herstellen von Backwaren, sollen es aber im »Learning by doing« selber machen. Dietzel soll mehr schulen, informieren und anlernen. Immer wiederkehrende Stromausfälle machen das Arbeiten dabei nicht einfach. Und so ist auch der Schritt vom Bäckermeister zum Entwicklungshelfer bei dem rund zweimonatigen Kurztrip nicht weit.

Eine Herausforderung wird gleich der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober sein, wenn er mit seinen noch nicht bekannten Mitarbeitern und Bäckerei-Neulingen für den dortigen Botschaftsempfang das gewünschte Gebäck auf den Tisch bringen soll.

Nichts geht über bayerische Backkunst

Viele verschiedene Backwaren hat der trotz seines noch relativ jungen Alters weitgereiste Bäckermeister gesehen, probiert und gebacken. Trotzdem geht nichts für ihn über bayerische Brezen, Loaberl und die heimische, regionale Backkunst: »Ich bin froh, mein Handwerk in Bayern gelernt zu haben. Wir backen nicht so süß wie der Rest der Welt. Und daneben bedeuten bayerische Backwaren viel Tradition und wenig Trendprodukte. Das mag ich.« awi

 


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