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Unsichere Zeiten für Familie Hakobyan aus Chieming mit (vorne von links) Papa Argam, Sohn Artak, Tochter Lina mit einigen ihrer gewonnenen Tischtennis-Pokale, und Mama Diana. TSV-Trainer Sepp Radlbrunner (hinten links) und Abteilungsleiter Heinz Felten versuchen, bestmöglich zu helfen. (Foto: Hans-Joachim Bittner)

Vierköpfige Familie aus Chieming soll abgeschoben werden

Chieming – Sie spielt am liebsten Tischtennis. Die Rückhand ist ihre große Stärke. In der Schule würde sie gern auf die Pausen verzichten. Weil Lina Hakobyan so gerne lernt, wissbegierig alles aufsaugt. Die Elfjährige kam am 30. Mai 2016 nach Deutschland. An diesem Tag wurde ihr Bruder Artak zwei Jahre alt. Mit ihren Eltern – Mama Diana und Papa Argam – flogen sie aus dem über 3500 Kilometer entfernten Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, nach München. Nun droht ihnen die Abschiebung.


Bei ihrer Ankunft vor fünf Jahren verbrachte die Familie zunächst viereinhalb Monate in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Bayern-Kaserne an der Heidemannstraße in München. Dann ging‘s weiter nach Chieming. Dort leben sie seitdem stark beengt in zwei kleinen Räumen der örtlichen Gemeinschaftsunterkunft. Und Lina spielt beim TSV höchst erfolgreich Tischtennis.

Weil der Vater Dialyse-Patient ist – mittlerweile erreicht er das fünfte und somit »schwerste« Stadium der chronischen Niereninsuffizienz –, suchten die Hakobyans Zuflucht in Deutschland. Argams Krankheit ist durch eine schleichende Verschlechterung der Nierenfunktion gekennzeichnet, im Grunde benötigt er schon jetzt eine Spenderniere. »Bei uns konnte er nicht entsprechend behandelt werden«, sagt seine Ehefrau. Weil ihr Mann nicht auf die gängige Hämodialyse, die sogenannte Blutwäsche, sondern die Peritonealdialyse, also die Bauchwäsche angewiesen ist. »Diese gibt es in Armenien nicht«, informiert Diana Hakobyan, die ihre Heimat als angesehene Geschichtslehrerin verließ. Ihre Qualifikation ist in Deutschland allerdings nicht anerkannt. Die Familie tat den schweren Schritt, alles hinter sich zu lassen, um das Leben des Ehemanns und Vaters zu retten. Durch ein spezielles Gerät kann Argam die Dialyse nun zumindest nachts, acht Stunden lang, durchführen und die Blutbeutel selbstständig wechseln. Gleichwohl muss zur Sicherheit immer jemand in der Nähe sein, weil er einen extrem hohen Blutdruck hat.

»Abschiebung ein völliges Unding«

Jetzt will das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Familie abschieben. Sie soll zurück nach Armenien. »Ein völliges Unding«, sagt Sepp Radlbrunner, Lizenz-Tischtennis-Trainer beim TSV Chieming, verärgert. »Nicht nur, weil das eine unbeschreiblich liebe Familie ist. Die Mutter setzt sich mit ihrer sozialen Arbeit unglaublich für unsere Gesellschaft ein.« Die Abteilung des Vereins kümmert sich seit dem Zeitpunkt, als die kleine Lina 2018 beim Schnuppertraining auftauchte, intensiv um die Hakobyans. Vor allem mit den nötigen Kontakten. »Sie sind hier absolut integriert«, bestätigt TSV-Abteilungsleiter Heinz Felten, »sprechen gut deutsch«. Im Tischtennisverein kann niemand verstehen, warum die Familie nun zurück nach Armenien soll. Mama Diana belegte bereits einen halbjährigen Pflegekurs inklusive bestandener Prüfung, arbeitete im Kindergarten, in einem Lager, bei einem Friseur. Aktuell absolviert sie eine dreijährige Ausbildung zur Arzthelferin im »Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V.« in Traunstein – also in einem Bereich, in dem hierzulande akuter Fachkräftemangel herrscht. Aufgrund ihrer sehr guten Noten darf sie die Lehrzeit vermutlich sogar verkürzen. Der Arbeitgeber bestätigt Diana Hakobyan in einem Schreiben »bislang durchwegs überdurchschnittliche Leistungen« und bezeichnet sie als »wertvolle Fachkraft«, um die »Gesundheitsversorgung in Deutschland aufrecht zu erhalten«.

Familienvater Argam Hakobyan ist zu 100 Prozent behindert, kann nicht arbeiten. Der siebenjährige Sohn Artak geht in die 2. Klasse der Grundschule Chieming. Seine Schwester Lina hat es bereits ins Annette-Kolb-Gymnasium nach Traunstein geschafft, ist in der 5. Jahrgangsstufe angekommen. »Ich habe hier schon viele Freundinnen gefunden«, freut sich das stets fröhlich wirkende Mädchen, beispielsweise mit Tisch­tennis-Doppel-Partnerin Stephanie Deinzer. Lina kann sich mit ihren elf Jahren überhaupt nicht vorstellen, von hier weg zu müssen. Ihre Eltern versuchen, sie und ihren Bruder mindestens zweisprachig aufzuziehen: Armenisch und Deutsch hauptsächlich, klar. Dazu ein wenig Russisch. »Bayerisch nicht zu vergessen, ganz wichtig«, meint Heinz Felten augenzwinkernd. Kurz können alle lachen, die schwierige Situation belastet die Familie jedoch schwer: »Wir wissen nie, was morgen kommt«, sagt Diana Hakobyan traurig. Sepp Radlbrunner denkt im schlimmsten Fall an eine besondere Aktion: »Wir könnten locker 1000 Unterschriften sammeln, bei uns im Verein und den benachbarten Klubs – hier herrscht eine gewaltige Solidarität.«

Bei den TSV-Tischtennis-Cracks ist Lina bereits eine feste Größe im Nachwuchsbereich, trainiert mit den drei bis vier Jahre älteren, qualifizierte sich jüngst für die Bayerische Meisterschaft und befindet sich unter den Top-Ten ihrer Altersklasse im Freistaat. Einen ganzen Karton voller Pokale und Medaillen brachte Lina zum Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt mit. »Sie ist ein Riesentalent«, freut sich Sepp Radlbrunner, der es einst als Aktiver selbst bis in die dritte nationale Tischtennis-Liga geschafft hat. »So jemanden wie sie sieht man nicht oft«, zeigt er sich über Linas Fähigkeiten begeistert. Der Trainer und seine Vereinskollegen wollen diese besondere Begabung natürlich bestmöglich fördern.

Der Schock kam am 2. November

Vier- bis fünfmal pro Woche kommt Lina zum Üben an der Platte in die Schulturnhalle in der Josef-Heigenmooser-Straße, zusätzlich besucht sie bereits seit 2019 regelmäßig diverse Lehrgänge in Oberbayern. Jüngst durfte sie erstmals – noch außer Konkurrenz – bei den Erwachsenen starten und schlug sich im Damen-Feld der Bezirksmeisterschaft mit sogar einem gewonnenen Satz und vielen gewonnenen Punkten mehr als erstaunlich. Am 2. November flatterte den Hakobyans der Schock in Papierform ins Haus: »Die Voraussetzungen eines Abschiebungsverbots werden nach wie vor nicht als gegeben angesehen«, so das Bundesamt holprig. »Diesen Satzbau mussten wir erst mal verstehen«, sagt Mama Diana. Seitdem lebt die Familie in großer Sorge, ob sie tatsächlich zurück in ihre Heimat muss. Die Verantwortlichen für Migration und Flüchtlinge vertreten die Auffassung, Argam Hakobyan könne sehr wohl adäquat in Armenien behandelt werden. Gerade in diesem Punkt widerspricht seine Frau den Behörden: »Genau das ist eben nicht so. Deshalb sind wir ja hier. In Armenien ist die Bauchfell-Dialyse aktuell nicht möglich.« Ihr Arbeitgeber bestätigt schriftlich: Argam Hakobyan drohe der Tod, werde er nicht entsprechend behandelt.

Ein in Sachen »Asyl- und Ausländerrecht« spezialisierter Anwalt aus Rosenheim ist eingeschaltet. Er versucht alles, um das Bleiberecht für die Familie zu erwirken. »Wir haben momentan nicht einmal eine Aufenthaltsgenehmigung«, sagt Diana Hakobyan nach über fünf Jahren in Deutschland traurig. Dadurch dürfen sie auch nicht umziehen, in eine etwas geräumigere Wohnung, dürfen nicht mal für ein paar Stunden beispielsweise nach Österreich. Gleichwohl sorgt die erstaunlich positive Grundeinstellung der Familie dafür, dass sie nicht verzweifeln: »Mein Mann wurde hier bislang optimal medizinisch versorgt«, ist Diana glücklich, dass »wir von den Menschen hier im Chiemgau so toll aufgenommen wurden.« Natürlich nagt die Unsicherheit an ihnen, Tag für Tag. Momentan wissen sie nicht, wie und ob es für sie überhaupt in Deutschland weitergeht. Die Klage gegen den Bescheid aus München ist eingereicht, das Ergebnis offen.

Hans-Joachim Bittner