Solidarische Landwirtschaft Chiemgau: »So etwas Wunderschönes hast Du im Büro nicht«

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Fleißige Helfer auf dem Feld in Eglsee (von links): Susanne Sacco, Veronika Himmel, Elisabeth Altenöder mit Flora auf dem Arm und Isolde Buchner. Es wird Mangold gepflanzt. (Fotos: Reiter)
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Kristine Rühl (von links) erklärt Gabi Wengel und Isolde Buchner, was beim Pflanzen zu beachten ist.

Chieming – Heute ist Pflanztag auf dem Acker in Eglsee. Hunderte kleine Mangoldpflänzchen werden in die Erde gesetzt. Einzeln. Und in Handarbeit. Elisabeth Altenöder hat ihre Tochter Flora (1) dabei. Sie macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit auf dem Feld – vor allem bei Hitze – extrem anstrengend und schweißtreibend ist. Trotzdem ist sie mit großer Begeisterung Teil der Solidarischen Landwirtschaft Chiemgau (SoLaWi).


Das eigene Gemüse anbauen und dann ernten – was macht den besonderen Reiz aus? »Es schmeckt einfach ganz anders«, betont Elisabeth Altenöder. Und Susanne Sacco ergänzt mit einem Lachen: »Mein Sohn sagt oft: 'Das schmeckt aber anders als vom Acker', wenn es Gemüse aus dem Supermarkt gibt oder wir im Urlaub sind.« Sie betont, dass sie erst reinwachsen musste in das Ganze. Denn: Der Salat ist voller Erde, man könnte auch sagen, er ist ziemlich schmutzig. Je nach Saison gibt es drei, vier Köpfe davon. Oder fünf Kohlrabi und fünf Rote Beete-Knollen.

»Früher dachte ich, ich hasse Kohlrabi. Jetzt weiß ich, was ich alles aus ihm machen kann. Und er schmeckt mir«, sagt Susanne Sacco. »Oder die Frage: Wie lagert man Karotten oder Kartoffeln am besten? Indem man die Erde dran lässt. Das wusste ich nicht.« Die Siegsdorferin betont, dass sich die Gesellschaft so weit entfernt habe von der Natur. Für sie ist das eine Rückkehr. Und eine Rückbesinnung. »Ich sehe das deshalb auch ein stückweit als gesellschaftliche Aufgabe, auch für die Kinder. Sie bekommen hier mit, wie etwas aussieht, wie es wächst, wie viel Arbeit es macht...«.

Gegründet wurde die SoLaWi 2018 von Kristine Rühl. Sie gab ihre Werbeagentur für dieses Herzensprojekt auf. Kein leichter Schritt, aber sie hat ihn nie bereut. Nun arbeitet Kristine Rühl viele Tage in der Woche auf dem Feld. Bei Wind und Wetter. »Ich habe jetzt auch eine 70-Stunden-Woche. Aber für mich hat das einen ganz anderen Stellenwert.« Sie blickt zu einem Schwarm Schmetterlinge und sagt mit einem Lachen: »So etwas Wunderschönes hast Du im Büro nicht.«

Auf dem Feld helfen, ist keine Pflicht. Doch Kristine Rühl freut sich über jeden, der ihr zur Hand geht – vor allem an Pflanz- und Erntetagen. Oder, wenn sie dem Kartoffelkäfer Herr werden müssen. Gift ist verboten. Das Gemüse hat Demeter-Standard. Der Käfer muss abgesammelt werden. »Kiloweise Käfer auf sechs Tagwerk«, sagt Kristine Rühl. Die Maßeinheit stammt aus früheren Zeiten. Ein Tagwerk war die Fläche, die an einem Tag mit einem Ochsengespann gepflügt werden konnte.

Elisabeth Altenöder hat durch die SoLaWi »einen ganz anderen Bezug zur Landwirtschaft und zu Lebensmitteln bekommen«, wie sie sagt. Und der Wagingerin gefällt es, dass sie auf dem Feld mit anderen Leuten zusammenkommt.

Das genießt auch Susanne Sacco. »Es ergeben sich immer wieder schöne Gespräche mit ganz tollen Menschen«, sagt die Siegsdorferin, die jeden Samstag die Abholstelle am Campus St. Michael in Traunstein betreut. Dort und an drei anderen Stellen im Landkreis können die Ernteteiler – so werden die Mitglieder der SoLaWi genannt – Obst und Gemüse abholen. Ihr Obst und Gemüse. Denn viele haben von der Aufzucht bis zur Ernte mitgeholfen.

Am Mangold-Pflanztag etwa sind fünf fleißige Helfer auf dem Feld in Eglsee bei Chieming: Neben Sacco und Altenöder Isolde Buchner, Veronika Himmel und Gabi Wengel. Es ist noch feucht vom vielen Regen der vergangenen Tage, doch die Sonne brennt trotz der Morgenstunden vom Himmel. »Ich hätte nie gedacht, wie das Arbeiten auf dem Feld auf den Rücken geht«, sagt Susanne Sacco und lacht. Trotzdem ist sie zufrieden und glücklich.

Klara Reiter