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»Relativ häufig« überschätzen sich Wanderer

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»Relativ häufig« überschätzen sich Wanderer
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Dr. Kristian Krammer, der Leiter der Bergwachtbereitschaft Bergen, muss feststellen, dass Wanderer immer wieder auch und gerade schlecht ausgerüstet sind: dass sie mitunter im Sommer Flipflops und im Winter leichte Turnschuhe tragen.

Bergen – Er ist nach wie vor ein äußerst beliebtes Ziel: der Hochfelln. Tag für Tag wandern viele Urlauber und Einheimische aus dem Tal über die Bründlingalm zum Gipfel. Oder aber sie nehmen die Seilbahn. Wie auf allen viel besuchten Bergen ereignen sich auch am Hochfelln Unfälle – und dann kommt die Bergwacht zu Hilfe. Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt berichtet Dr. Kristian Krammer, der die Bergwachtbereitschaft Bergen leitet, dass Selbstüberschätzungen der Wanderer »relativ häufig« vorkommen. Immer wieder stoßen seinen Angaben zufolge ältere Wanderer an heißen Tagen an ihre Grenzen – mit der Folge, dass sich dann Herz-Kreislauf-Probleme einstellen und die Bergwacht zu Hilfe eilt. Auch der Deutsche Alpenverein (DAV) erläutert in seiner Bergunfallstatistik für das Jahr 2018, die er dieser Tage in München vorgestellt hat (wir berichteten), dass sich solche »Blockierungen« immer wieder ereignen: dass Menschen in Bergen festhängen und gerettet werden müssen, weil sie sich überschätzt haben.

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In welchem Bereich übernimmt die Bergwachtbereitschaft Bergen die Bergrettung?

Unser Einsatzgebiet ist ziemlich genau das Gemeindegebiet: Die Berggrenze verläuft von Adelholzen nach Maria Eck und über Scheichenberg, Strohnschneid zum Hochfelln, dann über Rötelwandkopf zum Silleck und über Vorderalm, Baiereralm nach Bayern.

War heuer schon ein Unfalltoter im Zuständigkeitsbereich der Bergwacht Bergen zu beklagen?

In unserem Dienstgebiet hatten wir keinen Todesfall, aber im Nachbargebiet von Marquartstein ist eine junge Frau aus Berlin am Hochlerch tödlich abgestürzt.

Aus der vom DAV nun herausgegebenen Statistik geht hervor, dass die Zahl der Unfalltoten in den Bergen – überregional betrachtet – zurückgeht. Können Sie diesen Trend für Ihre Region bestätigen?

Unser Gebiet ist zu klein, dass man statistisch die Todesrate auswerten kann. Über die Unfalltoten der Region Chiemgau habe ich keine Unterlagen, aber gefühlsmäßig würde ich hier nicht von einem Rückgang sprechen.

Wo lagen die Ursachen für die besonders schweren Bergunfälle der vergangenen Jahre im Zuständigkeitsbereich der Bergwachtbereitschaft Bergen?

Die schwierigsten Bergungen und auch schwersten Verletzungen haben wir hier in Bergen bei Gleitschirmfliegerabstürzen. Im Jahr 2018 hatten wir vier und 2017 zwei Gleitschirmfliegereinsätze.

Welche Veränderungen im Verhalten der Bergwanderer stellen Sie fest?

Die Bergwanderer im Bereich der Hochfellnseilbahnen überschätzen sich selbst und unterschätzen das Gelände. Eine zunehmende Anzahl an Herz-Kreislauf-Problemen lässt auf eine konditionelle Überforderung beim Abstieg vom Gipfel zur Bründlingalm beziehungsweise zur Mittelstation schließen. Aber auch die Ausrüstung, speziell schlechtes Schuhwerk – Sandalen oder Flipflops im Sommer und leichte Turnschuhe im Winter – sind oft Ursache von Fußverletzungen. Ob die scheinbare Zunahme an derartig Verunfallten die Folge einer zunehmend lockeren Einstellung – »das schaffe ich doch leicht« – oder die Folge der erhöhten Anzahl an Wanderern ist, ist schwer zu sagen.

Sie berichten aus ihren Erfahrungen, dass sich Wanderer überschätzen. Wie oft kommt so etwas im Zuständigkeitsbereich der Bergwacht Bergen vor?

Gerade die Überschätzung – die Erschöpfung – ist in unserem Gebiet relativ häufig. Es mag einen verwundern, da die Wege am Hochfelln eher leicht sind. Aber gerade an heißen Tagen kommen ältere Wanderer schnell an ihre Grenzen – und dann spielt der Kreislauf verrückt.

Wie kann die Bergrettung der Bergwacht Bergen noch verbessert werden?

Da unser Kerngebiet am Hochfelln durch die Hochfelln-Seilbahnen und durch die Lawinensprengbahnen netzartig überspannt ist, können wir dort den Hubschrauber eher selten einsetzen. Das heißt, wir müssen die Verletzten noch händisch auf der Gebirgstrage bis zum Übergabepunkt bringen. Um unsere Rettungsmittel schnell und optimal einsetzen zu können, ist eine genaue Ortsangabe sehr wichtig. Neue handygestützte GPS-Ortung ist eine große Hilfe für uns. Leider sind nicht auf allen Smartphones derartige GPS-Notfall- Systeme aktiviert, und es dauert oft lange, bis wir beziehungsweise die Rettungsleitstelle herausfinden, wo der Verletzte liegt.

Gernot Pültz