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Nach einer Reihe von Wolfsrissen, Wolfsattacken auf einen Offenstall und einer auf Video dokumentierten Wolfssichtung im Ort stellte sich Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber im Bergener Festsaal beim Krisengespräch den Fragen von rund 40 Bauern und Schafhaltern. Rechts der CSU-Stimmkreisabgeordnete Klaus Steiner. (Foto: Effner)

Neue Dimension von Wolfsrissen – Wieviele Wölfe verträgt ein Land?

Bergen – Eine höchst aufgeheizte Stimmung von mehr als 40 Landwirten und Schafhaltern erwartete Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber bei ihrem Besuch in Bergen. Nach zuletzt massiv gestiegenen Weidetierrissen, jüngsten Attacken auf eine Ziege in einem Offenstall und dem viral gehenden Video von einem Wolf, der durch den Ortskern spaziert, fragen sich viele: Was kommt als nächstes?


Als wichtigste Botschaft stellte sich Kaniber hinter den vom Traunsteiner Landrat Siegfried Walch formulierten Entnahmeantrag für den Wolf. Sollte die DNA-Analyse der jüngsten Risse auf den gleichen Wolf als Verursacher hindeuten, müsse die sofortige Entnahme möglich sein. »Man muss sich fragen, wieviele Wölfe verträgt ein Land? Meiner Überzeugung nach ist die Rückkehr des Wolfes in so einem eng besiedelten nicht machbar. Es ist unsere größte Sorge, dass es einen Tourismus in dieser Form dann nicht mehr geben wird. Auch die Almwirtschaft wird nicht mehr möglich sein.«

Kaniber erklärte, die jüngsten Ereignisse in der Region würden von einem »sehr massiven Übergriff« zeugen. Dass sich das Tier sogar augenscheinlich und ungezwungen mitten im Ort bewege, zeige, »dass der Wolf seine Scheu verloren hat«. Zusammen mit ihren Kollegen, Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler), und Ministerpräsident Markus Söder wollte Kaniber die aktuellen Vorfälle und die Reaktionen aus dem Krisengespräch in Bergen eingehend besprechen.

Auf Einladung des Ortsverbands Bergen des Bayerischen Bauernverbands hatte sich Kaniber im Bergener Festsaal vor ihrer Presseerklärung in nichtöffentlichem Gespräch den Fragen und Sorgen der Landwirte und Schafhalter gestellt. Begleitet wurde sie dabei von leitenden Mitarbeitern ihres Ministeriums und dem CSU-Stimmkreisabgeordneten Klaus Steiner. Unter den 40 Teilnehmern waren auch Bergens Bürgermeister Stefan Schneider (Bündnis 90/DieGrünen), BBV-Kreisobmann Sebastian Siglreithmayer, Kreisbäuerin Irina Esterbauer, BBV-Bezirkspräsident Ralf Huber und Josef Harbeck, Vorsitzender der Schafhaltervereinigung Traunstein.

Wie drängend die Situation inzwischen ist, hatten die Landwirte in einer eigens angefertigten Landkarten-Kollage deutlich gemacht. Anhand von Stecknadeln und mit Datum versehenen Bildern sind darauf minutiös die Wolfssichtungen und -risse der letzten Monate im südlichen Chiemgau erfasst. Aktuelle Tierrisse in Unterwössen am vergangenen Freitag sowie am vergangenen Sonntag in Marktschellenberg befeuerten die Diskussion zusätzlich. Zur Klärung der Frage, ob dort der gleiche Wolf wie in Bergen zugeschlagen hat, sollen DNA-Analysen Aufschluss geben.

»Seit letztem Mittwoch gab es so gut wie jeden Tag Risse«, hob BBV-Bezirkspräsident Huber hervor. »Es muss jetzt endlich was passieren, im Landkreis stehen 170 bestoßene Almen auf dem Spiel«, betonte BBV-Kreisobmann Sebastian Siglreithmayer. Befürchtungen wurden laut, dass bereits ein Wolf in der Region sesshaft sei oder es zur Rudelbildung kommen könne.

»Die Stimmung unter den Landwirten ist traurig, viel Verzweiflung liegt in der Luft, mancher redet vom Aufhören. Sowohl die betroffenen Bauern wie auch die Tiere sind tief verstört«, fasste BBV-Ortsobmann Michael Gstatter die Reaktionen zusammen. Der CSU-Abgeordnete Klaus Steiner ereiferte sich, dass Anträge zur Wolfsentnahme immer wieder im Bundesrat blockiert würden. Eine rechtlich »wasserdichte Regelung« müsse im Bundesnaturschutzgesetz festgelegt werden. Mehrere Teilnehmer diskutierten auch, das Thema Wolfsentnahme und konkrete Maßnahmen partei- und regionsübergreifend zusammen mit den Naturschutzverbänden am Runden Tisch zu diskutieren. »Vielleicht müssen wir die Gesellschaft auch mit Schockfotos von den Tierrissen besser aufklären«, er-klärte ein Landwirt. »Gerade in den Großstädten wissen die Leute nicht, was sich da vor Ort für Dramen abspielen.«

»Ich bin erschüttert, dass angesichts des Umgangs mit Wolfsrissen auch das Vertrauen in die Behörden immer stärker ausgehölt wird«, erklärte Bergens Bürgermeister Stefan Schneider. Er hoffe nicht, dass der Wolf angesichts massiv gestiegener Weidetierrisse in der Region sein Beuteschema ändere. »Die Jagdvorstände aus der Region Traunstein und Berchtesgadener Land haben jedenfalls nichts von einer Zunahme an Wildtierrissen erzählt.«

eff