Josef Pfeilstetter wird heute 90 Jahre alt

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Josef Pfeilstetter feiert heute seinen 90. Geburtstag.

Bergen – Josef Pfeilstetter feiert am heutigen Mittwoch seinen 90. Geburtstag. Über Jahrzehnte war er für seine Kunden da, auch nach Ladenschluss, und schaut auch heute noch nach dem Rechten. Pfeilstetter wurde in Enthal als Sohn eines Maxhütten-Arbeiters geboren. Seine Mutter übernahm von ihrer Tante Anna Gallinger an der heutigen Ringstraße in Bernhaupten den kleinen Laden mit zehn Quadratmetern Verkaufsfläche. Ursprünglich befand sich in dem Haus eine Schmiede. Hier machten die Postkutschen Station. Der Schmied beschlug die Reifen, die Pferde wurden getränkt und die Reisegäste möglicherweise mit etwas Proviant versorgt. Das war der Anfang des späteren Kramerladens.


Die Schmiede stand an der Verbindungsstraße Traunstein–Bergen. Die heutige Trassenführung unter der Autobahn bzw. über die Bahn wurde erst 1960 gebaut. Im Krieg aufgewachsen, musste Josef lediglich mit Hopfenzupfen und Bucheckernsammeln seinen »Dienst fürs Vaterland« verrichten. Nach acht Jahren Schule ging es in eine Lehre beim Schreiner Hochreiter in Grabenstätt. Josef Pfeilstetter erinnert sich gerne daran, dass er damals, kurz nach dem Krieg, mit dem Fahrrad auf der Autobahn nach Grabenstätt fuhr, Autos waren damals so gut wie keine unterwegs. Beim Schreiner gab es immer Arbeit. Wenn mal keine Aufträge zu bearbeiten waren, mussten die Gesellen und Meister Särge auf Vorrat anfertigen – Hauptsache kein Leerlauf!

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Nach dem plötzlichen Krebstot seiner Mutter musste der gerade ausgelernte Schreiner den elterlichen Gemischtwarenladen übernehmen, was vorher eigentlich keine Option gewesen ist, »denn 'Ladnerin' war ein Frauenberuf«, wie Josef Pfeilstetter heute schmunzelnd anmerkt. Gleichzeitig musste er seinen Vater pflegen, der schwerkrank und bettlägerig war. Die Eltern starben, Josef war mit 25 Jahren auf sich alleine gestellt.

1952 fand er mit Brigitta Doleschal eine Partnerin, die ihm nicht nur gefiel, sondern die ausgesprochen tüchtig war. Sie war Heimatvertriebene aus dem Sudetenland. Ihre eigenen Berufsambitionen stellte sie hintan und führte fortan den Tante-Emma-Laden. Das Geschäft florierte – nicht selbstverständlich, da zu jener Zeit die Selbstversorgung noch eine große Rolle spielte, das Geld knapp und die Besiedlung wesentlich dünner war. Außerdem gab es zu dieser Zeit im Einzugsgebiet über 20 dieser kleinen Nachbarschaftsläden, ob in Holzhausen, in Vachendorf, Bernhaupten und Bergen....

Das Sortiment wuchs, man verkaufte Seile, Petroleum, offenes Öl, Salz, Mehl und schließlich die ersten Bananen, Schokolade – Dinge, welche die Amerikaner eingeführt hatten. Das Schlafzimmer wurde zum Verkaufsraum umgebaut und die Verkaufsfläche auf 30 Quadratmeter erweitert. Josef Pfeilstetter nutzte seine Chance, erwarb sich schnell einen guten Ruf als seriöser Kaufmann und es ging aufwärts mit dem Geschäft. Neben dem Kramerladen vergrößerten er und seine Gitti nach und nach das Haus, richteten Fremdenzimmer ein und beherbergten bis zu einem Dutzend Feriengäste.

Als 1960 die neue Straße gebaut wurde, lag der kleine Laden plötzlich abseits. Die Pfeilstetters wagten einen Neubau auf der anderen Seite der Eisenbahn, wieder an der Hauptstraße. Der Laden war 150 Quadratmeter groß und die Kollegen fragten sich, wie so ein großer Laden je voll werden soll. Das Konzept war wegweisend, denn es war der erste Selbstbedienungsladen in der Region, in dem man mit einem Einkaufswagen durchs Geschäft fahren und sich selbst bedienen konnte. »Sowas hat’s damals nur in Traunstein gegeben«, erzählt Pfeilstetter schmunzelnd.

Der neue Laden in Bernhaupten wurde für ihn zur Lebensaufgabe, der er alles unterordnete. Lieferservice (50 Jahre vor Amazon!) war ebenso selbstverständlich wie das damals weit verbreitete »Anschreiben«, wenn das Geld nicht reichte. In den 65 Jahren, die er dieses Geschäft betreibt, gab es keine 65 Tage, an denen er nicht im Laden war. Selbst jeden Sonntag schaute er nach, bereitete vor und machte die Bestellungen. 30 Jahre hat er das Traunsteiner Gefängnis beliefert, jede Woche um die 100 Pakete. Für Inhaftierte aus der Türkei zum Beispiel hat er am Traunsteiner Bahnhof türkische Zeitungen besorgt – ohne Aufschlag. Auch der eingesperrte Kunde sollte zufrieden sein.

Josef Pfeilstetter ist mit seinem Leben zufrieden. Er lebt sehr bewusst, freut sich, dass ihm nichts wehtut. Sein großes Hobby, neben der Familie, ist das Schafkopfen. Er ist Teil einer Runde, die seit 70 Jahren jeden Mittwoch spielt. Natürlich haben die Teilnehmer gewechselt, zuletzt ist sein bester Freund Josef Heindl noch dabeigewesen. Mit 90 lässt es Pfeilstetter etwas gemütlicher angehen. Er erfreut sich an Haus und Garten, legt auch mal die Füße hoch, um von seiner Terrasse aus den Blick auf Hochfelln und Hochgern zu genießen. »Von der Welt haben wir schon genug gesehen«, sagt er und berichtet von Reisen in vieler Herren Länder. Nun genießen er und seine Gitti ihren Lebensabend und hoffen, noch möglichst lange rüstig und gesund zu bleiben.

K.O.


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