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Wo Erda ruht und Orpheus wacht

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Erda, die »Weltenmutter« – sie zieht der Göttervater Wotan in Richard Wagners »Ring«-Tetralogie zu Rate. (Fotos: Gärtner)

»Natur. Kunst. Musik«. Der Dreiklang, der der neuesten Ausstellung der nur wenige Minuten vom Schauplatz Schloss Hartmannsberg im Landkreis Rosenheim entfernt lebenden Künstlerin Antje Tesche-Mentzen den Untertitel gab.


Und der sich als Leitmotiv durch das bildnerische und malerische Schaffen der seit exakt 30 Jahren in Bayern lebenden gebürtigen Kielerin zieht, die, wenn nicht in München oder Venedig, in Hafendorf nahe dem Simssee wohnt. Schloss Hartmannsberg, ganz nah am immer noch verträumten Bauerndorf Hemhof gelegen, ist schon wegen seiner Halbinsel-Lage am Langbürgener See eine Reise wert. Leider lebt die Hemhofer Brandlwirtin Berta nicht mehr, in deren Gasthaus man aber immer noch einkehren kann. Aber erst mal: Hartmannsberg!

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Im Schloss, einst Besitz der Firma Kugelfischer, gibt es nichts zu verzehren, aber derzeit viel zu genießen; trotz Corona-Einschränkungen, denen sich die Besucher der Kunstausstellung zu unterwerfen haben. Man schreite langsam, bedächtig und meditationslustig durch den Schlosspark! Auf Schritt und Tritt begegnet man vor allem Frauengestalten aus mythologischer Ferne oder musikalischem Zauberreich: Mozarts Königin der Nacht, Lilith, Gaia, Erda. Oder Allegorien auf Harmonie, Hoffnung oder Mutterschaft. Tesche-Mentzens Bronzen sind fantastisch umspielt: von Knäblein oder Kruzifix, Blüten und Blättern, Gestirn und Gesichtern, von wallendem Haar und, rückseitig (man schaue und staune!) tiefschürfenden Texten.

Schon nach dem Park-Parcours wird deutlich: Hier waltet die freie Fantasie. Hier wuchert sie. Hier schon, aber dann auch auf den drei mit Teppichböden ausgelegten Schloss-Etagen. Rilke und Goethe, Mahler, Richard Strauss oder Skrjabin fügen sich zu bildhaft schönen Ganzheiten, ob aus Bronze, Keramik oder Glas, ob in Aquarellfarbe, Bleistift oder Tusche auf Papier. Im Raum 1 des ersten Stockwerks: Danae aus Keramik, alle vier Jahreszeiten im Blick. Auf dem Sommerbild in Mischtechnik: mit zartem Strich ein Selbstbildnis der zurzeit der Entstehung 41-jährigen Malerin. Wo mag sie gewesen sein 1984, um einen unvergesslichen Sommer zu haben?

Das Reisen in die Ferne – Toskana, Andalusien, Israel, aber auch Thailand und Kambodscha – ließ Antje Tesche-Mentzen nie los, und auf Reisen lässt sie weder Pinsel noch Tuschfeder ruhen. Spots ihrer Aufenthaltsorte reihen sich in den Sälen und Gängen des Schlosses. Sie werden, ohne zu dominieren, von einzelnen Skulpturen begleitet, die nicht unbedingt Bezug zu den Bildern an den Wänden haben. Lange kann der Verehrer des mehrmals von Tesche-Mentzen aufgegriffenen Komponisten vor dem Bild »Mahler, 9. Sinfonie« verweilen. Womöglich versucht er, sich des gestrengen Blickes der Gattin Alma Mahler-Werfel zu entziehen.

Ein Blick verfolgt den Besucher dieser grandiosen, von Kuratorin Evelyn Frick glückhaft in die Landschaft gesetzten Kunst-Schau wohl noch lange: Die »Weltseele«, geheimnisvoller in »anima mundi« latinisiert. Auf Moosgrün gebettet wellt und wogt über einem jugendlichen Antlitz die goldene Fülle über den See wehenden Frauenhaars.

Die Ausstellung geht bis zum 2. August, Öffnungszeiten sind jeweils am Freitag von 14 bis 18 Uhr und am Wochenende von 11 bis 18 Uhr. Hans Gärtner

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